eine halbierte Mauer abgeschieden war, und dass er Amandus' Verdacht bewährte. Aber zum Glück verfiel er nach dem Entschlusse auf den eigentlichen Beweggrund, der ihm denselben eingegeben hatte und der Veredlung und Erweiterung seines Wirkkreises war: "er könnte", sagte er, "nach der Ablösung vom Gesandtschaftposten in einem Kollegium angestellet werden und da dem liegenden land aufhelfen u.s.w." Kurz die grösste Schönheit Beatens hätt' ihn nun nicht dahin bringen können, sie zu – meiden.
Überhaupt schälte ihn der Romanschreiber so eifrig aus seiner militärischen Hülse, dass man, da er, wie Ehemänner und Fürsten, den Zügel öfter im passiven mund als in den aktiven Händen hatte – hätte denken sollen, er werde gelenkt, um zu lenken; aber ich denke' es nicht.
Gustav legte den Abschiedbesuch bei Amandus ab. Ein gutes Mittel, dem zu vergeben, den eine eingebildete Beleidigung auf uns erbitterte, ist, ihm eine wahre anzutun – Gustav dachte in den freiwilligen Umwegen von Gassen, durch die er zu seinem gekränkten Amandus ging, an Beata, die nun seine Wandnachbarin wurde, an die Liebe und den Verdacht seines Freundes, an die Unmöglichkeit, den Verdacht zu heben; und da gerade um 6 Uhr vom eisernen Orchester um den Stephansturm die abendliche Sphärenmusik in die Gassen niederfloss: so sank sein Herz in die Töne hinein, und er brachte seinem Freunde das weichste mit, das es ausser der Brust Beatens gab. Ich und der Leser haben hierüber unsre Gedanken: eben diese versöhnliche Weichheit schrieb sich bloss vom versteckten Bewusstsein her, dass er halb den Verdacht der Nebenbuhlerei verdiene; denn sonst hätt' er, von Stolz gehoben, dem andern zwar auch vergeben, aber ihn darum nicht stärker geliebt. – Er fand ihn in der schlimmsten Stimmung für seine Absicht – in der freundschaftlichsten nämlich; denn in Zärtlich-Kranken ist jede Empfindung ein gewisser Vorbote der entgegengesetzten, und alle haben abwechselnde Stimmen. Amandus war im AnatomierZimmer seines Vaters – der Sonnenstrahl fiel vor seinem Untergang in die leere Augenhöhle eines Totenschädels – in Phiolen hingen Menschen-Blüten, kleine Grundstriche, nach denen das Schicksal den Menschen gar ausziehen wollte, Menschchen mit verhängendem grossen Kopf und grossen Herzen, aber mit einem grossen kopf ohne einen Irrtum und einem grossen Herzen ohne einen Schmerz – auf einer Tafel lag eine schwarze Färbers-Hand, an deren Farbe der Doktor Proben machen wollte .... Welche Nachbarschaft für eine Aussöhnung und einen Abschied! drei Blicke machten und versiegelten jene – schon Blicke reden in dieser nackten Entkörperung der Seelen eine zu schreiende Sprache –; aber als Gustav diesen, vom schönsten Entusiasmus über Verdacht und Furcht hinübergehoben, seinem Freunde ansagte; als er ihm, der noch nichts davon begriff, seine neue Wandnachbarschaft und den Verlust der alten kundtat: – zerflogen war der Freund, und ein schwarzer Feind sprang aus seiner Asche heraus – diese Minute benützte der Tod und schlug die letzten Wurzelfasern seines wankenden Lebens gar entzwei .... Gustav stand zu hoch, um zu zürnen – aber er musste sich noch höher stellen – er fiel um ihn und sagte mit entschlossener reiner stimme: "Zürne und hasse, aber ich muss dir vergeben und dich lieben – mein ganzes Herz mit allem seinem Blut bleibet deinem getreu und sucht es auf in deiner Brust – und wenn du mich auch künftig verkennest: so will ich doch alle Wochen kommen, ich will dich ansehen, ich will dir zuhören, wenn du mit einem Fremden redest, und wenn du mich dann mit Hass anblickst: so will ich mit einem Seufzer gehen, aber dich doch lieben – ach ich werde alsdann daran denken, dass deine Augen, da sie noch zerschnitten waren, mich schöner anblickten und besser erkannten .... o stosse mich nicht so weg von dir, gib mir nur deine Hand und blicke weg." –
"Da!" sagte der zertrümmerte Amandus und gab ihm die kalte schwarze – Färbers-Faust .... Der Hass überlief wie ein Schauer das liebreichste Herz, das sich noch in einer menschlichen Brust verblutete – Gustav zerstampfte auf der Erde seine Liebe und seinen Hass und ging verstummt mit erstickten Empfindungen aus dem haus und am andern Tage aus Oberscheerau.
Kaum hatte Amandus den gemisshandelten Jugendfreund über die Gasse zittern sehen: so ging er in sein Zimmer, hüllte sich mit dem Kopfkissen zu und liess, ohne sich anzuklagen oder zu entschuldigen, seine Augen so viel weinen, als sie konnten. Wir werden es hören, ob er sein krankes Haupt wieder vom Kopfkissen erhob und wann er wieder von Gustav ins stille Land begleitet wurde, aus dem er ihn zurückzustossen suchte. O der Mensch! – warum will dein so bald in Salz, wasser und Erde zerbröckelndes Herz ein anderes zerbröckelndes Herz zerschlagen – Ach eh' du mit deiner aufgehobnen Totenhand zuschlägst: fällt sie ab in den Gottesacker hin – ach eh' du dem feindlichen Busen die Wunde gegeben, liegt er um und fühlt sie nicht, und dein Hass ist tot oder auch du.
Fussnoten
1 Nämlich 1791.
Fünfundzwanzigster oder XXII.
Trinitatis-Sektor
Ottomars Brief
Wenn wir Ottomars Brief gelesen: so wollen wir uns an Gustavs neues Teater stellen und ihm zuschauen. Im folgenden Briefe herrscht und tobt ein Geist, der wie ein Alp alle Menschen höherer und edler Art drückt und oft bewohnt und den bloss – so viel er auch holländische Geister überwiege – ein höherer Geist übertrifft und