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. Während er sie unterhielt, beobachtete er Gustavs Beobachten oder errötendes Staunen, der noch in seinem Leben vor keiner solchen Frau gestanden war, um welche sich alle Reize herumschlangen, verdoppelten, einander verloren, wie dreifache Regenbogen um den Himmel. Und du, Blumen-Seele, Beata, deren Wurzeln auf dem irdischen Sandboden so selten die rechte Blumenerde finden, standest auch dabei, mit einer Aufmerksamkeit auf die Residentin, die eine unschuldige Maske deiner kleinen Verwirrung sein sollte. – Gustav brachte für seine grosse keine Maske zustande. Oefel schrieb diese Verwirrung nicht wie ich der gegenseitigen Erinnerung an die Guido-Bilderstürmerei, sondern die Gustavische der Residentin, und die weibliche sich selber zu.

"So hab' ich ihn denn, wo ich ihn haben will!" sagt' er und liess sich von ihm bis ins alte Schloss bereiten. "A propos! Wenn wir nun beide dablieben!" sagt' er. Die aus anderen Gründen herausgeseufzete Antwort der Unmöglichkeit war, was er eben begehrte. "Gleichviel! Sie werden mein Legationsekretär!" fuhr er mit seinem feinen, auf Überraschung lauersamen Blicke fort, den er eigentlich niemal mit einem Augenlide bedeckte, weil er stets alles zu überraschen glaubte.

Es lief aber einfältig für Oefel ab: Gustav wollte nicht, sondern sagte: nie! sei es nun aus Furcht vor Höfen, vor seinem Vater, aus Scham der Veränderung, aus Liebe der Stille; kurz Oefel stand dumm vor sich selber da und sah den schwimmenden Stücken seines gescheiterten Baurisses nach. Es ist wahr, es blieb ihm doch der Nutzen daraus, dass er den ganzen Schiffbruch in seinen Roman tun konntenur aber der Sekretär war fort! – Er hatte ihn auch nicht unvernünftig schon im voraus zum Gesandtschaft-Sekretariat voziert; denn an den Scheerauer Tron ist eine Leiter mit den tiefsten und den höchsten Ehrensprossen angelehnt, die Staffeln aber stehen sich so nahe, dass man mit dem linken Beine auf die unterste treten und doch die höchsten noch mit dem rechten erspannen kannwir hätten ja beinahe einmal einen Oberfeldmarschall erschaffen. Zweitens hängt und picht an Höfen wie in der natur alles zusammen, und Professores sollten es den kosmologischen Nexus nennen; jeder ist Last und Träger zugleich; so klebt am Magnet das eiserne Lineal, an diesem ein Linealchen, an diesem eine Nadel, an dieser Feilstaub. Höchstens nur was auf dem Trone oben sitzt und was unter ihm unten liegt, hat nicht Nexus genug mit der wirksamen Kompagnie: so werden in der französischen Oper nur die fliegenden Götter und schiebenden Tiere von Savoyarden gemacht, alles übrige von der ordentlichen truppe.

Also musste Oefel die dritte Parallele ziehen und daraus auf den Kadetten schiessen. Er machte ihm nämlich seine Uniform täglich um einen Daumen spannender und knapper, um ihn aus ihr hinauszuängstigen. Er hatte ihn schon neulich in dieser Absicht zum Getreide-Kordon versenden helfen, wo dem warmen, nur an mildes geben gewöhnten Jüngling scharfe Neins neue und harte Pflichten waren; aber nun wurde der Dienst von unten auf noch mehr erschwert, und die militärischen Übungen zerbrachen beinahe seinen feinen porzellanenen Leib, so oft und strenge schleppte ihn der Romancier in die Gesellschaft des Vaters aller Friedenschlüsse, nämlich des krieges. –

Wie schmerzlich musste die rauhe Aussenwelt seine wunde innere berühren! Vor ihm stand, seit seinem Zerfallen mit seinem sterbenden Liebling, fest jener Trauerabend mit seinen Tränen und wich nicht; auf sein verlassenes Herz schimmerte noch die blutrote Sonne und ging nicht unter. – Der stumme Abschied seines Amandus, der ihn und andre Wünsche verlor, die abnehmenden Herbsttage seines Lebens und die vorige Liebe drückten sein Auge und Herz zum Trauern zusammen. Die Freundschaft duldet Misshelligkeiten weniger als die Liebe; diese kitzelt damit das Herz, jene spaltet es damit. Amandus, der ihn so missverstanden und betrübet und doch dessen innigste Liebe nicht verloren hatte, verzieh ihm alles bis abends um 5 Uhrdann hört' er (oder es war ihm genug, wenn er sichs nur dachte), dass Gustav den Park (und mitin die Spaziergängerin) besucht hattedann nahm er seine Versöhnung bis auf 11 Uhr abends zurückdann legte die Nacht und der Traum wieder einen Mantel auf alle Fehler der Menschen und auf diesen. Abends um 5 Uhr fing es von vornen an. Lacht ihn aus, aber ohne Stolz, und mich und euch auch; denn alle unsre Empfindungen sindohne ihre Löwen- und Narrenwärterin, die Vernunftebenso toll, wenn nicht in unserem Leben, doch in unserem inneren! – Aber endlich hatte er seine Verzeihung so oft zurückgenommen, dass er es bleiben lassen wollte, falls nur Gustav anklopfte und von ihm alle die Beschuldigungen anhörte, welche er ihm zu verzeihen vorhatte. Man schiebt oft das Vergeben auf, weil man das Vorwerfen aufzuschieben gezwungen ist. – Aber, trauter Amandus, konnte' er denn kommen, Gustav, und liess ihn der Romancier? –

Letzter triebs noch weiter und kartete es listig ab, dass Gustav, dieser Grosssultan, dieser Held zweier gut geschriebner Bücher, an einem Abend, wo der Kadettengeneral grosses Souper gab, vor dessen Haus kam alsSchildwache. Beim Henker! wenn die schönsten Damen vorfahren, die bekannte Residentindie mit einem zufälligen blick unsre gute Schildwache ausbälgte und ausgestopft unter ihrer Hirnschale aufstellteund ihr Gesellschaftfräulein Beata, und wenn man vor solchen Gesichtern das Gewehr präsentieren muss: so will mans viel lieber strecken