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einem vierten, den ich gern nennen möchte, entziehen wollte. Man glaube mir aber, es glaubt kein Mensch am ganzen hof des Bräutigams, dass er an den Hof der Braut verschickt werde, weil dort etwa schöne Geister und schöne Körper gesuchte Ware sind: wahrhaftig in beiden Schönheiten war er von jedem zu überbieten; aber in einer dritten Schönheit war er es nur leider nicht, die einem Envoyé noch nötiger und lieber als die moralische istim Geld. An einem insolventen Hof hat der Fürst die erste und der Millionär die zweite Krone. Ich habe oft den verdammten Erbschaden des scheerauischen Fürstentums verflucht und besehen, dass selten genug da ist, und wir hälfen uns gern durch einen Nationalbankerutt, wenn wir nur vorher Nationalkredit bekämen. Aber ausser diesem Fürstentum hab' ich auf meinen Reisen folgende vier Regionen nirgends angetroffen als am Ätna selber: erstlich die fruchtbare und zweitens die waldige Region unten am Trone, wo Früchte und grasendes und jagdbares Pöbelwild zu haben ist, drittens die Eisregion des Hofes, die nichts gibt als Schimmer, viertens die Feuerregion der Tronspitze, wo ausser dem Krater wenig da ist. Ein Tron-Krater kann selber Goldberge einschlucken, verkalken, auswerfen als Lava.

Zum Unglück gefiel ihm Gustav, weil er seine jugendliche Menschenfreundlichkeit für ausschliessende anhänglichkeit an sich ansah, seine Bescheidenheit für Demütigung vor Oefelscher Grösse, seine Tugenden für Schwachheiten. Er gefiel ihm, weil Gustav für die Poesie Geschmack und folglich, schloss er, für die seinige den grössten hatte: denn Oefels adeliges Blut lief wider die natur in einer dünnen poetischen Ader, und in einer satirischen dazu, dachte' er. Vielleicht fand auch Gustav in seinen Jahren des Geschmacks, wo den Jüngling die poetischen kleinern Schönheiten und Fehler entzücken, zuweilen die Oefelschen gut. Wie nun schon Rousseau sagt, er könne nur den zum Freund erwählen, dem seine Heloise gefalle: so können Belletristen nur solchen Leuten ihr Herz verschenken, die mit ihnen Ähnlichkeit des Herzens, Geistes und folglich des Geschmackes haben und die mitin die Schönheiten ihrer Dichtungen so lebhaft empfinden als sie selber.

Was indessen Oefel an Gustav am höchsten schätzte, war, dass er in seinen Roman zu pflanzen war. Er hatte in der Kadetten-Arche siebenundsechzig Exemplare studiert, aber er konnte davon keines zum Helden seines buches erheben, zum Grosssultan, als das achtundsechzigste, Gustav.

Und der ist gerade mein Held auch. Das kann aber unerhörte Leselust mit der Zeit geben, und ich wollte, ich läse meine Sachen und ein andrer schriebe sie.

Er wünschte meinen Gustav zum künftigen Erben des ottomanischen Trons auszubilden, ihm aber kein Wort davon zu sagen, dass er Grossherr würdeweder im Roman noch im Leben; – er wollte alle Wirkungen seines pädagogischen Lenkseils niederschreiben und übertragen aus dem lebendigen Gustav in den abgedruckten. Aber da setzte sich dem Bileam und seiner Eselin ein verdammter Engel entgegen; Gustav nämlich. Oefel wollte und musste aus dem Kadettenhause, wo seine Zwecke befriedigt waren, ins alte Schloss zurück, wo neue seiner warteten. Erstlich aus dem alten Schloss konnte' er leichter in die kartesianischen Wirbel des neuen, der Visiten und Freuden springen und sich von ihnen drehen lassen; – zweitens konnte' er da mit seiner Geliebten, der Ministerin, besser zusammenleben, die alle Tage hinkam und welche der Liebe die Tugend und die Liebe der Assembleen-Jagd aufopfertedrittens ist die zweite Ursache nicht recht wahr, sondern er machte sie der Ministerin nur weis, weil er noch eine dritte hatte, welche Beata war, die er in ihrem schloss aus dem seinigen zu beschiessen, wenigstens zu blockieren vorhatte. – – Fort musst' er also; aber Gustav sollte auch mit.

"Das ist den Augenblick zu machen," (dachte Oefel) "er soll mich am Ende selber um das bitten, um was ich ihn bitte." Ihm war nichts lieber als eine gelegenheit, jemand zu seinem Zweck zu lenkendas Lenken war ihm noch lieber als das Ziel, wie er in der Liebe die Kriegzüge der Beute vorzog. Er hätte als Gesandter aus Krieg Frieden und aus Frieden Krieg gemacht, um nur zu unterhandeln. – Er zog, um Gustaven nahezukommen, seine erste Parallele, d.h. er stach ihm mit seiner spitzen Zunge ein schönes Bild der Höfe aus: dass sie allein das savoir vivre lehren und alles und das Sprechen, wie denn auch die Hunde, je kultivierter sie sind, desto mehr bellen, der Schosshund mehr als der Hirtenhund, der wilde gar nichtdass durch sie ein Paradieses-Strom von Freuden brausedass man da an der Quelle seines Glücks, am Ohre des Fürsten und am Knoten der grössten Verbindungen stehedass man intrigieren, erobern etc. könne. Es war in Oefels Plan, dem kleinen Grosssultan nicht einmal die Möglichkeit, ins alte Schloss mitzukommen, zu verraten: "Um so mehr reiz' ich ihn", dachte' er. Es ging aber nicht mit dem Reizen, weil Gustav noch nicht aus den poetischen Idyllen-Jahren, wo der aufrichtige Jüngling Höfe und Verstellung hasset, in die abgekühlten hinüber war, wo er sie sucht. Oefel studierte, wie Hofleute und Weiber, nur Einzelwesen, nicht den Menschen.

Nun wurde die zweite Parallele gezogen und der Festung schon näher gerückt. Er ging einmal an einem Vormittage mit ihm in den Park spazieren, als er gerade die Residentin da zu treffen wusste