1793_Jean_Paul_048_74.txt

' es ihre Absicht gewesen, gerade über den Berg hinüber, mit den eignen Augen auf dem Bilde und mit den vier fremden auf ihrem rücken ....

"Jetzt sind ja deine fünf Tage heraus, und ohne deinen Meineid", sagte Amandus erzürnet, und die hohe Oper des Sonnen-Untergangs rührte ihn nicht mehr; Gustaven hingegen rührte sie noch stärker; denn das Gefühl, Unrecht zu leiden, floss mit dem irrigen Gefühle, Unrecht angetan zu habenzarte Seelen geben in solchen Fällen dem andern allzeit mehr Recht als sich –, in eine bittere Träne zusammen, und er konnte kein Wort sagen. Amandus, der sich jetzt über seine Versöhnung ärgerte, wurde' in seinem eifersüchtigen Verdachte noch dadurch befestigt, dass Gustav in der pragmatischen Relation, die er ihm von der Maussenbacher Avantüre gemacht, Beaten völlig ausgelassen; allein diese Auslassung hatte Gustav angebracht, weil ihn beim ganzen Vorfall gerade der Zarten Gegenwart am meisten schmerzte und weil vielleicht in seinem wärmsten Innersten eine achtung für sie keimte, die zu zart und heilig war, um in der freien harten Luft des Gesprächs auszudauern. "Und sie war natürlich neulich mit in Maussenbach?" sagte der Eifersüchtige im fatalsten Tone. – "Ja!" aber so viel vermochte Gustav nicht beizufügen, dass sie da kein Wort mit ihm gesprochen. Dieses dennoch unerwartete Ja zerstückte auf einmal des Fragers Gesicht, der seinen Stumpf in die Höhe gehalten (falls die Hand wäre abgeschossen gewesen) und geschworen hätte: "es brauche weiter keines BeweisesGustav halte Beaten sichtlich in seinem magnetischen Wirbelschweig' er nicht jetzt? Liess er ihr das Bildnis nicht sogleich? Wird sie, da sie die Kopien verwechselte, nicht auch die Originale verwechseln, da sie sich alle vier so gleichen u.s.w.?"

Amandus liebte sie und dachte, man lieb' ihn auch, und man merke, wo er hinauswolle. Er hatte Delikatesse genug in seinen eignen Handlungen, aber nicht genug in den Vermutungen, die er von fremden hegte. Er hatte nämlich oft an der medizinischen Seite seines Vaters die sieche Beata in Maussenbach besucht; er hatte von ihr jene freimütige Zutraulichkeit erfahren, die viele Mädchen in siechen Tagen immer äussern, oder in gesunden gegen Jünglinge, die ihnen tugendhaft und gleichgültig auf einmal vorkommen; das gute Partizipium in dus, Amandus, mutmasste daher nach einigem Nachdenken, dass ein Brief, den Beata als ein Spezimen aus Rousseaus Heloise auf feinem Papierauf grobes schreibt keineverdolmetschet hatte und der an den seligen St. Preux geschrieben war, an das Partizipium selber gerichtet wäre. Mädchen sollten daher nichts vertieren; Amandus war in einen Liebhaber vertiert.

In Gustavs wogendem Kopf brach endlich die Nacht an, die ausser ihm vortrat; Stürme und Mondschein waren in seiner nebeneinander, Freude und Trauer; er dachte an einen unschuldigen, vom Verdacht angefressenen Freund, an das eingebüsste Porträt, an die Schwester, mit der er einmal in seiner Kindheit gespielt hatte, an den unbekannten abgemalten Freund, der also der Bruder dieses schönen Wesens sei u.s.w. – Amandus brach einseitig auf; Gustav folgte ihm ungebeten, weil er heute nichts als verzeihen konnte. Noch unter dem Hinuntergehen rangen Hass und Freundschaft mit gleichen Kräften in Amandus, und erst ein Zufall war einem von beiden zum Siege vonnötender Hass errang ihn, und der Auxiliar-Zufall war, dass Gustav parallel an Amandus' Seite ging. Gustav hätte voraus- (oder höchstens hintennach-)schleichen sollen, zumal mit seiner freundschaftlich gebeugten Seele: so hätte die Freundschaft vermittelst seines Rückens gesiegt, weil ein Menschenrücken durch den Schein von Abwesenheit mehr Mitleiden und weniger Hass mitteilt als Gesicht, Brust und Bauch .... Man kann die Menschen gar nicht oft genug von hinten sehen

Ihr Bücherleser! keift nicht mit dem armen Amandus, der sein morsches Leben verkeift. Ihr solltet nur nachsehen, wie in einem Nervenschwächling der Sitz der Seele ist, verteufelt hart, ausgepolstert mit keinen drei Rindhaaren, einschneidend wie eine Schlittenpritsche; kurz alle mir bekannte Ich sitzen weicher – – Dennoch wird mein Mitleiden gegen den wunden Schelm durch ganz andre Dinge als durch seine harte steinige Zirbeldrüse der Seele erregt: es sind Dinge, die den Leser weich machen würden und zu denen ich mich trotz meines Austunkens nur leider noch nicht habe hinzuschreiben vermocht! –

Überhaupt versteck' ichs vergeblich, wie sehr es meiner Historie noch mangelt an wahrem Mord und Totschlag, Pestilenz und teuerer Zeit und an der Patologie der Litanei. Ich und der Bücherverleiher finden hier das ganze weiche Publikum im Laden, das aufpasset und schon das weisse Schnupftuchdieses sentimentalische Haarseilheraushat und das Seinige beweinen will und abwischen und doch bringt keiner von uns viel Rührendes und Totes ... Von der andern Seite bleibt mir wieder die besondere Not, dass das deutsche Publikum seinen Kopf aufsetzt und sich nicht von mir ängstigen lassen will; denn es bauet darauf, ich könne als blosser platter Lebensbeschreiber es zu keinem Morde treiben, ohne welchen doch nichts zu machen ist. Aber ist denn nur der RomanenFabrikant mit dem Blut- und Königsbann beliehen, und ist nur sein Druckpapier ein Greveplatz? – Wahrhaftig Zeitungschreiber, die keine Romane schreiben, haben doch von jeher eingetunkt und niedergemacht, was sie wollten, und mehr, als rekrutieret warGeschichtschreiber ferner, diese Grosskreuze unter den gedachten Kleinkreuzen (denn aus 100 Zeitung-Annalisten