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die Grossen, die nie mehr Langweile erleiden als bei ihrer Kurzweile, liessen auch vor ihre Parks, vor ihre Orchester, ihre Biblioteken und ihre Kinderstuben solche feste und unbelebte Geschäft- und Himmelträger oder Genuss-Curatores absentis und Schönwetterableiter machen und hinstellen, entweder in Stein gehauen oder bloss in Wachs bossiert.

In die Decke der Klause sollte (wie an der Decke der Grotte beim Kloster S. Felicita) hinlängliche Baufälligkeit, sechs Ritzen und ein paar Eidechsen, die daraus fallen, eingemalet werden. Der Maler war auch schon auf Reisen, blieb aber so lange darauf und aus, dass sich die Sache zuletzt selber hinaufmalte und gleich offnen Menschen nichts war, als was sie schien. Allein als die künstliche Einsiedelei sich zu einer natürlichen veredelt hatte, war sie längst von allen vergessen. Ich halt' es daher mehr für Persiflage als für reine Wahrheit, dass der Kammerherrwie so viele Oberscheerauer sagtenHolzwürmer hätte zusammenfangen und in den Stuhl des Eremiten impfen lassen, damit die Tiere statt der Haarsägen und Trennmesser daran arbeiteten und den Sessel früher antik machtenwahrhaftig das Gewürm beisset jetzt Stuhl und Mönch um! Noch lächerlicher ist es, wenn man einem vernünftigen Mann weismachen will, anfangs hätte der architektonische Kammerherr ein künstlich laufendes Räderwerk mit einem Mausfell kuvertiert und papillotiert, damit die Kunst-Eidechse oben eine Korrespondenz-Maus unten hätte und so für Symmetrie hinten und vorn gesorgt wäre, hernach hätte der Herr sich der natur genähert und über eine lebendige rennende Maus ein künstliches zweites Mausfell als Überrock und Frack gezogen, damit natur und Kunst ineinander stecktenlächerlich! Mäuse fahren zwar stets um den Einsiedler herum, aber sicher nur in einer Unterzieh-Haut ....

Unsere zwei Freunde sind weit von uns und schon im sogenannten langen Abendtal des Parks, durch welches aus der untergehenden Sonne ein schwebender Goldstrom fiel. Am westlichen, sanft erhöhten Ende des Tales schienen die zerstreuten Bäume auf der zerrinnenden Sonne zu grünen; am östlichen sah man über die Fortsetzung des Parks hinüber bis ans glühende Schloss, auf dessen Scheiben sich die Sonne und das Abend-Feuerwerk verdoppelten. Hier sah die alte Fürstin allemal den ersten Untergang der Sonne; dann hob sie ein sanft aufgewundner Weg auf das hohe Gestade dieses Tals, wo der Tag noch in seinem Sterben war und noch einmal mit dem brechenden Sonnen-Auge väterlich den grossen Kinderkreis anblickte, bis ihm seine Nacht das Auge zudrückte und diese in ihren mütterlichen Schoss die verlassene Erde nahm.

Gustav und Amandus! hier versöhnet euch noch einmalder rote Sonnenrand steht schon auf dem rand der Erdedas wasser und das Leben rinnen fort und stocken unten im grabnehmet euch an den Händen, wenn ihr auf das zerstörte Ruhestatt1 hinüberschauet und auf seine stehende Kirche, das Bild der unglücklichen Tugendoder wenn ihr auf die Blumeninseln blickt, wo jede Blume auf ihrem grünen Weltteilchen einsam zittert und ihr kein Verwandter entgegenschwankt als ihr gemalter Schatten im wasserdrückt euch die hände, wenn euere Augen fallen auf das Schattenreich, wo heute Licht und Schatten wie Leben und Schlafen nebeneinander und ineinander zitternd flatterten, bis die schwarze Schattenflut über allem, was an der Erde blinket, steht und den Tod nachspieltund wenn ihr an des stummen Kabinetts dreifachem Gitter Alphörner und Äolsharfen lehnen sehet: so müssen euere Seelen die Harmonien im Einklang nachbeben .... Es ist eine elende rhetorische Figur, die ich aufstelle, dass ich hier so lange an- und zugeredet habe: sind denn nicht die zwei Freunde in einem grösseren Entusiasmus als ich selbst? Ist nicht Amandus über freundschaftliche Eifersucht emporgehoben und hält eigenhändig das heutige angeredete Porträt des unbekannten Gustavischen Freundes vor sich hin und sagt: "Du könntest der Dritte sein"? Ja legt er nicht in der Begeisterung das Bild ins Gras, um mit der linken Hand Gustav zu fassen und mit der rechten auf ein Zimmer des neuen Schlosses zu deuten, und gesteht er nicht: "Hätt' ich auch in der rechten das, was ich liebe: so wären meine hände, mein Herz und mein Himmel voll, und ich wollte sterben"? Und da man nur in der grössten Liebe gegen einen Zweiten von der gegen einen Dritten sprechen kann: können wir unserem Amandus mehr ansinnen, der hier auf dem Berge seine Verliebung in Beaten bekennt? – –

Das Unglück war, dass sie eben selber heraufstieg, um am Sterbebette der Sonne zu stehennoch schöner als die, die ihre Augenlust warimmer langsamer gehend, als wollte sie jeden Augenblick still stehenmit einem Auge, das erst sah, nachdem sie es einigemal schnell auf- und zugezucktkein lebender europäischer Autor könnte Amandi Entzückung vormalen, wenn es dabei geblieben wäre; – aber ihr kleines Erstaunen über die zwei Gäste des berges floss plötzlich in das über den dritten auf dem Grase über. Eine hastige Bewegung gab ihr das brüderliche Bild, und sie sagte, unwillkürlich zu Amandus gekehrt. "Meines Bruders Porträt! Endlich find' ichs doch!" – Aber sie konnte nicht vorbeigehen, ohne aus jenem weiblichen feinen Gefühl, das in solchen Manual-Akten zehn Bogen durchhat, ehe wir das erste Blatt gelesen, zu beiden zu sagen: "sie dankte ihnen, wenn sie das Bild gefunden hätten" – Amandus bückte sich tief und erboset, Gustav war weg, als stände sein Geist auf dem Berg Horeb und hier bloss der Leibsie wandelte, als wär