liegt in meiner Brust wie in einer Eisgrube und zittert den ganzen Tag; und doch waren Sie hier so freudig und niemal betrübt als bei unserem Abschiede, der fast so lange währte wie unser Beisammensein: ich bin wohl selber schuld? Ich glaube' es manchmal, wenn ich die lachenden Gesichter um die Residentin sehe oder wenn sie selber spricht und ich mir in ihrer Stelle denke, was ich ihr mit meinem Schweigen und Reden scheinen muss. Ich darf nicht mehr an die Hoffnungen meiner Einsamkeit denken, so sehr werde' ich von den Vorzügen fremder Gesellschaft beschämt – Und wenn mich eine Rolle, die für mich zu gross ist, freilich niederdrückt: so weiss ich mit nichts mich aufzurichten, als dass ich ins stille Land wegschleiche: – da hab' ich süssere Minuten, und mir gehen oft die Augen plötzlich über, weil mich da alles zu lieben scheint und weil da die sanfte Blume und der schuldlose Vogel mich nicht demütigen, sondern meine Liebe achten; – dann sehe' ich den Geist der trauernden Fürstin einsam durch seine Werke wandeln, und ich gehe mit ihm und fühle, was er fühlet, und ich weine noch eher als er. Wenn ich unter dem schönsten blauesten Tage stehe: so schau' ich sehnend auf zur Sonne und nachher rings um den Horizont herum und denke: 'Ach wenn du deinen Bogen hinabgezogen bist, so hast du doch auf keine Stelle der Erde geschienen, auf der ich ganz glücklich sein könnte bis zu deinem Abendrot; – und wenn du hinunter und der Mond herauf ist: so findet er, dass du mir nicht viel gegeben.' ... Teure Freundin! verübeln Sie mir diesen Ton nicht; schreiben Sie ihn einer Krankheit zu, die mich allemal hinter diesem Vorboten anwandelt. O könnt' ich Sie mit meinem arme an mich ketten: so wär' ich vielleicht auch nicht so. glückliche Philippine! aus deren mund schon wieder der Witz lächelnd flattert, wenn noch über ihm das auge' voll wasser steht, wie die einzige Balsampappel in unserem Park Gewürzdüfte ausatmet, indes noch die warmen Regentropfen von ihr fallen. – Alles ziehet von mir weg, Bilder sogar; ein totes stummes Farbenbild hinter einer Glastür war der ganze Bruder, den ich zu lieben hatte. Sie können nicht fühlen, was Sie haben oder ich entbehre – jetzt scheidet sogar sein Widerschein von mir, und ich habe nichts mehr vom geliebten Bruder, keine Hoffnung, keinen Brief, kein Bild. – Ich vermisse dieses Porträt zwar seit meiner Rückkehr von Maussenbach; aber vielleicht ist es schon länger weg; denn ich hatte mich bisher bloss einzurichten; vielleicht hab' ichs selber mit unter die Bücher, die ich Ihnen gab, verpackt – Sie werden mich benachrichtigen. Ich weiss gewiss, in unserem haus war noch ein zweites, etwas unähnlicheres Porträt meines Bruders; aber seit langem ist es nicht mehr da." etc.
*
natürlich! denn der alte Röper hatte' es publice versteigert, weil es das von Gustav war. – Aber wir wollen wieder ins stille Land unsern beiden Freunden nach.
Sie mussten vor dem alten schloss vorbei, das wie eine Adams-Rippe das neue ausgeheckt, das seinerseits wieder neue Wasseräste, ein sinesisches Häuschen, ein Badhaus, einen Gartensaal, ein Billard u.s.w., hervorgetrieben hatte. Im neuen schloss wohnte die Residentin von Bouse, die diesen architektonischen Fötus das ganze Jahr nicht zweimal bewunderte. Hinter dem zweiten rücken des Schlosses fing sich der englische Garten mit einem französischen an, den die Fürstin stehen lassen, um den Kontrast zu benützen oder um den zu vermeiden, in welchem sich ein brillantierter Gala-Palast neben die patriarchalische natur im Schäferkleide postiert. Wer nicht vor den beiden Schlössern vorbei wollte: konnte durch ein Fichtenwäldchen in den Park gelangen und vorher in eine Klausnerei, deren Väter der alte Fürst und sein Favorit-Kammerherr gewesen waren. Beide waren in ihrem Leben nicht einen halben Tag allein gewesen, ausser wenn sie sich auf einer Jagd oder sonst verirrten; – daher wollten sie doch allein sein und setzten deswegen (was fragten sie darnach, dass sie ein Plagiat und einen Nachdruck der vorigen Baireuter Eremitage veranstalteten?) neun Häuserchen aufs Papier, nachher auf den Tisch und endlich auf die Erde, oder vielmehr neun bemooste Klafter Holz. In diesen ausgehöhlten Vexier-Klaftern steckte sinesisches Ameublement, Gold und ein lebendiger Hofmann, wie man etwa in lebendigen Baumstämmen auf eine lebendige Kröte mit Erstaunen stösset, weil man nicht sieht, wo ihr Loch ist. Die Klafter umrangen eine Klause, die man – weil am ganzen Hof keine Seele zu einem lebendigen Einsiedler Ansatz hatte – einem hölzernen anvertrauete, der still und mit Verstand darin sass und so viel meditierte und bedachte, als einem solchen mann möglich ist. Man hatte den Anachoreten aus der Scheerauischen Schulbibliotek mit einigen aszetischen Werken versehen, die für ihn recht passten und ihn zu einer Abtötung des Fleisches ermahnten, die er schon hatte. Die Grossen oder grössten werden entweder repräsentiert oder repräsentieren selber; aber sie sind selten etwas; andere müssen für sie essen, schreiben, geniessen, lieben, siegen, und sie selber tun es wieder für andre; daher ist es ein Glück, dass sie, da sie zum Genuss einer Einsiedelei keine eigne Seele haben und keine fremde finden, doch hölzerne Geschäftträger, welche die Einsiedelei für sie geniessen, bei Drechslern auftreiben; aber ich wünschte nur,