Handel, Justiz-Unfug und ähnliches duldete, doch auf Ungehorsame gegen ihn wie ein giftiger Wind zufähret; aber das sah ich nicht ein, dass eine zweite Betrügerei der Verhack und Advokat der ersten sein müsse. Zu unserem Gefechte stiess endlich der Gegenstand desselben, der Pachter selber, der mit zerrüttetem Gesicht und mit der stotternden Bitte zulief, "ihr Gnaden sollten es nicht ungnädig vermerken, dass er in der Angst sein Korn für ihr Gnaden Ihres ausgegeben hätte". Nun war der Knoten auseinander: mein Prinzipal hatte bisher bloss seine glücklich über die Grenze gebrachte Schleichware mit der ertappten fremden vermengt. Dem Pachter hielt er sogleich als gesunder Moralist die Bosheit vor, auf einmal ihn, das Land und den Fürsten zu betrügen, "und er wünschte, er bräche jetzt das Schreiben der Regierung auf, er würde ihn auf der Stelle ausliefern". Zu meinem Gustav eilt' er hinein und warf ihm mit der Hitze der verkannten Unschuld so viel Grobheiten entgegen, als man von einem beleidigten Halb-Millionär erwarten kann, da Besitzer des Goldes, wie saiten von Gold, am allergröbsten klingen. Mich dauerte mein lieber Gustav mit seiner Tugend-Pletora; ihn dauerte das Unglück des armen Pachters; und Beaten dauerte unsere allseitige Beschämung. Mit reissenden Gefühlen floh Gustav aus einem stummen Zimmer, wo er vom weichsten Herzen, das noch unter einem schönen Gesicht gezittert, von Beatens ihrem, die Blumen kindlicher Freude weggebrochen und herabgeschlagen hatte.
Im Grund ging jetzt der Henker erst los – nämlich das Röperische Gebelle gegen das Falkenbergische Haus und gegen dessen abscheuliche Verschwendung und gegen den Kadetten. Beata schwieg; aber ich nicht: ich wäre ein Schelm gewesen (ein grösserer, mein' ich), wenn ich dem Rittmeister die Verschwendung in dem Sinne, worin sie der Gegner nahm, hätte beimessen lassen – ich wäre auch dumm (oder dümmer) gewesen, wenn ich ihn nicht in meinem ersten Amtmanns-Aktus an Widerstand zu gewöhnen getrachtet hätte, sondern erst im zehnten, zwanzigsten – – – Aber das Öl, das ich herumfliessen liess, um seine Wellen zu glätten, tropfte statt ins wasser ins Feuer. Es half uns beiden wenig, dass uns meine Schülerin mit den silberhaltigsten Stellen aus Bendas Romeo anspielte – der alte Spass war nimmer zurückzubringen – wir zuckten und lenkten vergeblich an unsern Gesichtern, Röper sah wie ein indianischer Hahn aus und ich wie ein europäischer. – Ich hatte vorgehabt, gegen Abend nach Mondaufgang etwas sentimentalisch zu sein in Beisein von Beaten, da sie mir ohnehin der Hof entriss; ich weiss gewiss, ich hätte hinlänglich empfunden und gefühlt; ich würde unter einem Schatten oder Baum mein Herz hervorgenommen und gesagt haben: "prenez"; ja ich schien sogar heute Beaten mir weit näher heranzuziehen als sonst, welches bei allen Mädchen gelingt, mit deren Eltern man die Geschäfte teilt. – – Das war nun sämtlich zum Henker; ich musste kalt und zähe davongehen wie ein Kammergerichtbote und empfand schlecht. War der neue Amtmann verdriesslich, den man in sein Amt hineingeärgert hatte: so war es sein Prinzipal noch mehr, der in sein Jahr hineingezankt geworden. So hinkte ich davon und sagte unter dem ganzen Weg zu mir: "So und mit dem Gesicht und Aussehen ziehest du also, glücklicher Paul, von deiner Maussenbachischen Gerichtalterei heim, von der du schon in deinen Sektoren voraus geplaudert. – – Du brauchst meinetwegen nicht aufzugehen, Mond, ich brauche dein Puder-Gesicht heute nicht – der einzige verdammte Korn-Karren! und der Fürst! – und der Filz dazu! und auch die Jünglingtugend! – Ich wollt', dass ihr alle .... Wär' ich aber nur so gescheit gewesen und hätte gleich vormittags gefühlt und hätte vor dem Essen etwas von meinem Herzen vorgezeigt, nur ein Herzohr, nur eine Faser."
"Ei! Herr Amtmann!" (fuhr mir mein Wutz entgegen) "wieder da? Hats hübsche Ehebrüche gegeben, Hurenfälle, Raufereien, Injurien?" "Bloss einige Injurien", sagt' ich.
Fussnoten
1 Der Leser muss sich erinnern, dass sie von der Residentin von Bouse bloss zur Feier des väterlichen Geburttags hierhergereiset war.
Dreiundzwanzigster oder XX. Trinitatis-Sektor
Andrer Zank – das stille Land – Beatens Brief – die
Aussöhnung – das Porträt Guidos
Noch am heutigen Sonntag hab' ichs nicht heraus, warum Gustav fünf Tage später in Scheerau eintraf, als er konnte; er wich sogar meinen Erkundigungen ängstlicher als listig aus. Oefel liess sich alles rapportieren und machte daraus ein paar Sektores in seinem Roman, den ich und der Leser hoffentlich noch zu sehen bekommen. Ich wollte, seiner käme eher als meiner in die Welt, so könnt' ich den Leser darauf verweisen oder vielleicht einige Anekdoten daraus nehmen. Gustav schien ein geistiges Wundfieber zu haben. Er trug sein vom bisherigen Bluten erkältetes Herz zu Amandus, um es an des Freundes heisser Brust wieder auszuwärmen und anzubrüten und um die achtung gegen sich selber, die er nicht aus der ersten Hand bekommen konnte, aus der zweiten zu erhalten. Und dort erhielt er sie stets – aus einem besonderen grund. In seinem Charakter war ein Zug, der ihn, wenn er unter einer Brüdergemeinde wäre, längst als Wildenbekehrer aus ihr nach Amerika hinabgerollet hätte: er predigte gern. Ich kann es anders sagen: seine quellende Seele musste entweder strömen oder ihr denn ein freundschaftliches Ohr auftat: so regnete sie nieder in