.. in euch fahren, wie jüngere Offiziere beisetzen.
Der östreichsche Soldat hatte bis Anno 1756 zweiundsiebzig Handgriffe zu lernen, nicht um damit den Feind zu schlagen, sondern den – Satan.
In dieser Stimmung, worin Gustav gegen Krieg und seine Kameraden war, schrieb er mir einen Brief, dessen Anfang hier wegbleibt, weil unser Briefsteller dabei allemal so kalt wie beim Empfang zu sein pflegte.
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– – – "Das Exerzieren und Studieren machen mich zu einem ganz andern Menschen, aber zu keinem glücklichern. Ich ärgere mich oft selber über meine Weichheit, über meine Augen, aus denen ich die Spuren ingeheim wegzuwaschen suche, und über mein Herz, das bei Beleidigungen, die ich jetzt häufig, aber gewiss ohne Absicht der Beleidiger erfahre, nicht hart aufschwillt, sondern sich zusammenpresst, wie zu einer grossen Träne über die unheilige Welt. Meine Stubenkameraden, unter denen ich nichts höre als Rapiere und Flüche, lachen mich über alles aus. Sogar dieses Blatt schreibe' ich nicht unter ihnen, sondern unter freiem Himmel im stillen Lande2 zu den Füssen und auf dem Fussgestell einer Blumengöttin, von welcher Arm und Blumenkorb abgebrochen sind. Der gute Herr von Oefel ist unterdessen im alten schloss bei der Residentin.
Sobald ich nicht arbeite, drückt jedes Zimmer, jedes Haus, jedes Gesicht auf mich herein – Und doch, wenn ichs wieder tue – zwar wenn trübes Wetter ist, wie in voriger Woche, mach' ich mein matematisches Reisszeug so gern wie ein Schmuckkästchen auf; aber wenn ein Flammenmorgen unter dem Geschrei aller Vögel, sogar der gefangenen, von den Dächern in unsere Gassen niedersinkt, wenn der Postillon mich mit seinem Horn erinnert, dass er aus den eckigen, spitzigen, verwitternden, unorganisch zusammengeleimten Schuttaufen der getöteten natur, die eine Stadt heissen, nun hinauskomme in das pulsierende, drängende, knospende Gewühl der nicht ermordeten natur, wo eine Wurzel die andre umklammert, wo alles mit- und ineinander wächset und alle kleinere Leben sich zu einem grossen unendlichen Leben ineinander schlingen: da tritt jeder Bluttropfen meines Herzens zurück vor den Pechkränzen, Trancheekatzen und vor den Wischkolben, womit die Artillerie unsere blauen Morgenstunden ausstopfet. – Dennoch vergess' ich die grünende natur und die Kontraminen, womit wir sie in die Luft aufschleudern lernen, und sehe bloss die langen Flöre, die an den Stangen aus dem haus eines Färbers gegenüber in die Höhe fliegen, schon wie Nächte über den Gesichtern armer Mütter hängen, damit der Tau des Jammers im Dunkeln hinter den Leichen falle, die wir am Morgen machen lernen. – – Ach! seitdem es keinen Tod mehr für, sondern nur wider das Vaterland gibt; seitdem ich, wenn ich mein Leben preisgebe, keines errette, sondern nur eines binde: seitdem muss ich wünschen, dass man mir, wenn mich der Krieg einmal ins Töten hineintrommelt, vorher die Augen mit Pulver blindbrenne, damit ich in die Brust nicht steche, die ich sehe, und die schöne Gestalt nicht bedaure, die ich zerschnitze, und nur sterbe, aber nicht töte ..... O da ich noch aus Kartausen, noch aus Ihrem Studierzimmer in die Welt hinaussah, da breitete sie vor mir sich schöner und grösser aus mit wogenden Wäldern und flammenden Seen und tausendfach gemalten Auen – jetzt steh' ich auf ihr und sehe das kahle Nadelholz mit kotigen Wurzeln, den schwarzen Teich voll Sumpf und die einmähige Wiese voll gelbes Gras und Abzuggräben. –
Vielleicht könnt' ich aber doch meine Träume, den Menschen zu nutzen, mehr verwirklichen, wenn ich eine andre Laufbahn einschlüge und statt des Schlachtfeldes den Sessiontisch wählen und den Zweck der Aufopferung veredeln dürfte3..... Die rote Sonne steht vor meiner Feder und bewirft mein Papier mit laufenden Schatten: o du wirkst stehend, Himmeldiamant, und machst licht wie der Blitz, aber ohne seinen mörderischen Knall! Die ganze natur ist stumm, wenn sie erschafft, und laut, wenn sie zerreisset. Grosse, im Abendfeuer stehende natur! der Mensch sollte nur deine Stille nachahmen und bloss dein schwaches Kind sein, das deine Wohltaten dem Dürftigen hinausträgt!
Wenn Sie heute von Auental zu den im Sonnengolde wogenden Fenstern unsers Schlosses aufsehen: so schauet jetzt meine Seele auch hinüber, aber mit einem Seufzer mehr." etc. Die Offiziere sehen ein, dass Gustav keiner werden will; aber er hat seinen ganzen Vater wider sich, der bloss den stürmenden Krieger liebt und ruhigere Geschäftmänner ebenso verschmähst, wie diese den noch ruhigern geschäftlosen Gelehrten verachten. –
Fussnoten
1 Den ganzen Lebenslauf seines Vaters, Maria Wutz, hab' ich dem Ende des zweiten Bandes beigegeben. Allein ob er gleich eine Episode ist, die mit dem ganzen Werke durch nichts zusammenzuhängen ist als durch die Heftnadel und den Kleister des Buchbinders: so sollte mir doch die Welt den Gefallen erweisen und ihn sogleich lesen nach dieser Note. 2 So hiess der englische Garten um Marienhof, den die Gemahlin des verstorbenen Fürsten mit einem romantischen, gefühlvollen, über Kunstregeln hinausreichenden geist angelegt. Der Kummer gab ihr den Namen und die Anlage des stillen Landes ein. Jetzt ist ihrer sterbenden Seele selbst dieses Land zu laut, und sie lebt verschlossen. Diejenigen Leser, die nicht da waren, will ich mir durch eine Beschreibung des Gartens verbinden. 3 Ich kann nichts dafür, dass mein Held so dumm ist und zu nützen hofft. Ich bins nicht, sondern ich zeige unten, dass das Medizinieren eines kakochymischen Staatskörpers (