, Raubtiere oder Paradiese hinter den Vorhängen?" – Was ohne Vorhang vor ihm sass und dozierte, sah er auch nicht, den Professor. Zwei Stunden vor Scheerau schrieb er mir mit jener flammenden Dankbarkeit, die aus dem Menschen nur in seinem zweiten Jahrzehend so strahlend bricht. Wie bei allen Seelen, die sich mehr von innen heraus als von aussen hinein verändern, stand in ihm der Barometer seines Herzens oft unbeweglich auf demselben Grade. Die Regenwolken und den Regenbogen in seinem inneren Himmel brachte er nach Scheerau mit; er trug sein überhülltes Herz in das weite widerhallende Kadettenhaus und in dessen Jahrmarktlärm auf den Treppen und in das Kadetten-Feldgeschrei wie unter die Schläge einer Kupferschmiede und Walkmühle hinein – er wurde noch trauriger, aber mit mehr Schmerzen.
Das Merkwürdige im Zimmer, das er betrat und bewohnte, waren nicht drei Kadetten – denn sie waren Kurrent-Menschen, Scheidemünze und prosaische Seelen, d.h. lustig, witzig, ohne Gefühl, ohne Interesse für höhere Bedürfnisse und von mässigen Leidenschaften –, sondern der Stuben-Ephorus, Herr von Oefel, der mit dem Degen wie eine gespiesste Fliege mit der Nadel lief. Oefel fing ihn sogleich zu beobachten an, um ihn abends zu beschreiben; – in Gesellschaften aber beobachtete er jeden, nicht um fremde Pfiffe zu erlauschen, sondern um seine vorzuweisen. So lobte er auch, ohne zu achten, und schwärzte an, ohne zu hassen: glänzen wollt' er bloss.
Unter diesen Verhältnissen, ehe Gustav den schweren gang über Schmerzen zu Geschäften tat, kam der Trost in der Gestalt der Erinnerung zu ihm, und Gustav sah, was er nicht hätte vergessen sollen – seinen Amandus, seinen Kindheitfreund. Aber der gute Jüngling trat vor ihn nicht in der ersten Gestalt eines Blinden, sondern in der letzten eines Sterbenden; er hatte die Nervenschwindsucht, die alles sein Mark aus der noch stehenden Rinde ausgezogen hatte – an der Rinde grünte nichts mehr als hängende Zweige mit fahlem gesenkten Laub. Er bereitete sich auf kein Amt und kein Leben vor, sondern erwartete und wollte empfangen an der Schwelle des Erbbegräbnisses den Tod, der die Treppe heraufstieg. – Aber dass seine Seele in einer lebendigen Wunde lag, daran kann uns nichts wundern als das Geschlecht; denn die schönsten weiblichen Seelen wohnen selten anders; aber die Männer schonen diese Wunde nicht; es erweicht sie gegen ein so weiches Geschlecht der Anblick nicht, dass die meisten nicht von einem Tage zum andern, sondern von einem Schmerze zum andern leben und von einer Träne zur andern ....
In Gustav wohnte das zweite Ich (der Freund) fast mit dem ersten unter einem dach, unter der Hirnschale und Hirnhaut; ich meine, er liebte am andern weniger, was er sah, als was er sich dachte; seine Gefühle waren überhaupt näher und dichter um seine Ideen als um seine Sinne; daher wurde oft die Freundschaft-Flamme, die so hoch vor dem Bilde des Freundes emporging, durch den Körper desselben gebogen und abgetrieben. Daher empfing er seinen Amandus, weil überhaupt eine Ankunft weniger erwärmt als ein Abschied, mit einer Wärme, die aus seinem inneren nicht völlig bis zu seinem Äussern reichte – aber Oefel, der beobachtete, hatte mit sechs Blicken heraus, der neue Kadett sei adelstolz.
Unter allen krieges-Katechumenen hatte Gustav die meiste Not. Aus einer stillen Kartause war er in ein Polter-Zimmer verbannt, wo die drei Kadetten ihm den ganzen Tag die Ohren mit Rapierstössen, Kartenschlägen und Flüchen beschossen – aus einer Dorfburg war er in ein Louvre geworfen, wo die Trommel das Sprachorgan und die Sprachmaschine war, wodurch das Scholarchat mit den Schülern sprach, wie die Heuschrecke allen ihren Lärm mit einer angebornen Trommel am Bauche macht. Zum Essen, zum Schlafen, zum Wachen wurden sie wie das Parterre eines Dorfkomödianten zusammengetrommelt. Im Marschschritt und hinter dem Kommandowort erstieg diese Miliz den Speisesaal als ihren Wall und nahm von der Festung nichts weg als die Mundportion auf einen halben Tag. Der Kommandozuck riss sie von ihren Stühlen auf und lenkte sie zur Zitadell wieder hinaus. Man konnte nachts die Schritte eines einzigen Kadetten zählen, und man wusste die aller übrigen, weil der kommandierende Luftstoss diese Räder auf einmal trieb. – Eben deswegen, ich meine, weil der Dank vor dem Essen ordentlich kommandiert wurde, hatte das ganze Korps die gleiche Andacht; keine Sekunde sprach einer länger mit Gott als der andre. Ich weiss nicht, in welchem scheerauischen Regimente der Kerl stand, der einmal bei der Kirchenparade, wo der Offizier die Seelen einmal zu Gott kommandierte, die er sonst zum Teufel gehen hiess, so sehr wider vernünftige Subordination verstiess, dass er wenigstens vier Minuten länger dem Himmel auf seinem frommen Knie dankte als der Flügelmann – ich sag' es deswegen, weil ich nachher, als der Beter darüber Fuchtel bekam, öffentlich die Frage tat, ob nicht eben auf diese Weise den Kompagnien die Logik beizubringen wäre, die ihnen so nötig ist wie die Schnurrbärte und noch nützlicher, da man diese, aber nicht jene zu wichsen braucht. Könnte man nicht kommandieren und das Wörtchen "macht" weglassen: "Macht den Vordersatz – macht den Hintersatz – macht den Schluss"? So wär' ich nicht zu tadeln, wenn ich mir eine Kompagnie kaufte und sie die drei Teile der Busse etwa so durchmachen liesse: bereuet – glaubt – bessert – nämlich euch, oder sonst soll das liebe ..