unter dem Mondblenden ein, um etwas zu sehen. – Die zwei Welten waren nun für ihn in eine zusammengefallen; gefasst erwartete er den Freund aus der Welt hinter den Sonnen und wollte an seine Äterbrust stürzen mit einer von Erde. Er glühte sich ab, und ging endlich mit dem Schaudern der Seele und der Haut ins Bett zurück. Aber lange werden von dieser Stunde her, wie von der Gegend eines Gewitters die Winde, die Bewegungen seiner Seele wehen.
– – Der alte Starmatz tats vermutlich, der, so viel ich weiss, aus dem Bauer entkommen war. Gustav erfuhr es nicht. Ob eine Seele Wellen gleich einem Setzteich, so hoch wie Hemd-Jabots, oder gleich dem Ozean solche wie Alpen schlage, das ist zweierlei; ob diese hohen Bewegungen ein Star erregt oder ein Seliger, das ist einerlei.
Der Professor lehrte ihm unter meinen Ohren güldne Brokardika der Menschenkenntnis, die er durch das Lehren selber übertrat – z.B.: Nicht bloss die Liebe, sondern auch der Hass der Menschen ist veränderlich, und beide sterben, wenn sie nicht wachsen. – Die meisten reden bloss gegen die Laster, die sie selber haben. – Je grösser das Genie, je schöner der Körper ist, desto mehr verzeiht ihnen die Welt; je grösser die Tugend ist, desto weniger verzeiht sie ihr. – Jeder Jüngling denkt, keiner gleiche ihm in Gefühlen etc.; aber alle Jünglinge gleichen sich. – Man muss sich nie entschuldigen; denn nicht die Vernunft, sondern die leidenschaft des andern zürnt auf uns, und gegen diese gibt es keinen Grund als die Zeit. – Die Menschen lieben ihre Freuden mehr als ihr Glück, einen guten Gesellschafter mehr als den Wohltäter, Papageien, Schosshunde und Affen mehr als nützliche Lasttiere. – Man errät die Menschen, wenn man ihnen keine Grundsätze zutraut; und der Argwöhnische hat allemal recht, er errät, wenn nicht die Handlungen des andern, doch seine Gedanken; die Niederlagen des Schlimmen und die Versuchungen des Guten. – Die Sünde gegen den heiligen Geist, die dir keiner vergibt, ist die gegen seinen Geist, d.h. gegen seine Eitelkeit; und der Schmeichler gefället, wenn nicht durch seine Überzeugung, doch durch seine Erniedrigung etc.
Es gibt gewisse Regeln und Mittel der Menschenkenntnis, die der bessere höhere Mensch verschmäht und verdammt, und die gerade diesen nicht erraten helfen und die ihn weder belehren noch erforschen. – Der Professor riet noch meinem Gustav, sein Gesicht zu formen, Tugend auf demselben zu silhouettieren, es vor dem Spiegel auszuplätten und es mit keinen heftigen Regungen zu zerknüllen. Ich weiss es selber, für Weltleute ist der Spiegel noch das einzige Gewissen, das ihnen ihre Fehler vorhält und das man, wie das Gehirn, ins grosse und kleine einteilen muss; das grosse Gewissen sind Wand- und Pfeilerspiegel, das kleine steckt in Etuis und wird als Taschenspiegel herausgezogen; für die Weltleute; aber für dich, Gustav? – du, der du den obigen Dekalogus für Spitzbuben nicht annehmen, nicht einmal verstehen oder nützen kannst – denn man nützt und versteht nur solche Lebensregeln, von denen man die Erfahrungen, worauf sie ruhen, so durchgemacht, dass man die Regeln hätte selber geben können – du, den ich gelehrt, dass Tugend nichts sei als achtung für das fremde und für unser Ich, dass es besser sei, an keine Laster als an keine Tugend zu glauben, dass die Schlimmsten nur ihre eigne Kaste und die Besten noch eine mehr kennen? ... Wenn Gustav nicht gegen jene Lehren, die meistens Wahrheiten sind, und gegen den Lehrer aufgefahren wäre; wenn er nicht geschworen hätte, dass diese ekelhafte Kanker-Philosophie nie über eine Ecke seines Herzens sich spinnen und kleben sollte: so hätt' ich von ihm nicht einmal so gut gedacht als von der Residentin von Bouse, der das System des Helvetius so schön wie sein Gesicht vorkommt; denn in ihrem stand hat oft das beste Herz die schlimmste Philosophie.
Es wird kaum die Mühe verlohnen, dass ichs hersetze, dass der Spitzbube Robisch zum Henker gejagt wurde, weil er einen entwischten Rekruten für einen neuen ausgab und verrechnete. Wenn ich sagte: zum Henker gejagt, so satirisierte ich; denn zum Herrn von Röper war es, der keine Bediente annimmt als die, welche Livree-Polyhistore wie Robisch sind, d.h. zugleich Jäger, Gärtner, Schreiber, Bauern und Bediente. –
Fussnoten
1 Das Bild des verlornen Kleinen, das er an seinem Halse von der Entführerin mitbrachte, und das ihm so ähnlich sah.
Einundzwanzigster oder Michaelis-Sektor
Neuer Vertrag zwischen dem Leser und Biographen –
Gustavs Brief
"Ziehe hin, Geliebter," (sagt' ich) "den das WeltMeer mitnimmt; das Sonnenbild deines verborgen fühlenden Herzens lächle aus dem Meergrund und schwimme mit dir! Dein junges Herz bringest du nicht mehr nach Auental! – O dass doch die Früchte am Menschen ein andres Wetter haben müssen als seine Blüten – statt des Hauches des Lenzes den Stich des Augusts und den Sturm des Herbstes!" Ich dachte dies, solange sein Wagen in meinen Augen blieb; nachher ging ich in die Gartenhöhle hinunter zu den zwei Mönchen; und als ich dachte: in euerer kalten Stein-Brust wohnt kein Wunsch, kein Sehnen, kein Schmerz, kein – Herz: "Eben darum", sagt' ich in anderem Sinn.
Heute ist