1793_Jean_Paul_048_62.txt

. Um so mehr haben General-Akziskollegien darauf zu sehen, dass grosse poetische Geniesim grund taugt keines zu einem gescheiten kammer- oder Kanzleiverwandtenvom zehnten Jahre bis zum fünfunddreissigsten in lauter Besuch-, schreibe- und Votierzimmern herumgehetzet werden, ohne in eine stille Minute zu kommen; sonst ist keines in einen Archivar oder Registrator umzusetzen. Daher hält auch das Marktgetöse der grossen Welt allen Wuchs der Phantasie so glücklich am Boden.

Daran dachte' ich oft und warf mir manches vor. Würde nicht (hielt ich mir vor) ein gründlicherer Schulkollege deinen Gustav, wenn er mit dem rücken auf dem Grase liegt und in den blauen Himmelkrater hinaufzusinken oder auf Flügeln an den Schulterblättern durch das All zu schwimmen träumt, mit dem Spazierstock an ein Buch von Nutzen treiben? Und, sagt' ich, wenn ich zum gründlichern Kollegen sagte, es sei einerlei, woran eine kindliche Phantasie sich aufwinde, ob an einem lackierten Stäbchen, oder an einer lebendigen Ulme, oder an einem schwarzen Räucherstecken: würde der Kollege nicht witzig versetzen, eben deshalb, es sei also einerlei? –

Inzwischen besäss' ich meines Orts auch Witz; ich würde auf die Replik verfallen: "Glauben Sie denn, Herr Konfrater, dass unter dem grössten Spitzbuben und dem grössten komischen Dichter, den Sie vertieren, ein Unterschied ist? – Allerdings; ein guter Plan des Cartouche ist von einem guten Plan des Dichters Goldoni darin verschieden, dass der erste die Komödie selber ausführet, die der letzte von Schauspielern ausführen lässt."

Gustav war jetzt in der Mitte des schönsten und wichtigsten Jahrzehends der menschlichen Flucht ins Grab, im zweiten nämlich. Dieses Jahrzehend des Lebens besteht aus den längsten und heissesten Tagen; undwie die heisse Zone zugleich die Grösse und den Gift der Tiere mehrtso kocht sich an der Jünglingglut zwar die Liebe reif, die Freundschaft, der Wahrheit-Eifer, der Dichtergeist, aber auch die Leidenschaften mit ihren Giftzähnen und Giftblasen. In diesem Jahrzehend schleicht das Mädchen aus ihren durchlachten Jahren weg und verbirgt das trübere Auge unter derselben hängenden Trauerweide, worunter der stille Jüngling seine Brust und ihre Seufzer kühlt, die für etwas Nähers steigen als für Mond und Nachtigall. Glücklicher Jüngling! in dieser Minute nehmen alle Grazien deine Hand, die dichterischen, die weiblichen und die natur selber, und legen ihre Unsichtbarkeit ab und schliessen dich in einen Zauberkreis von Engeln ein. Ich sagte: selber die natur; denn an ihr glühen noch höhere Reize als die malerischen; und der Mensch, für dessen Auge sie ein meilenlanges Kniestück voll Zaubereien war, kann ihr ein Herz mitbringen, das aus ihr ein Pygmalions-Gebilde macht, welches tausend Seelen hat und mit allen eine umschlingt .... O sie kehrt niemals, niemals wieder, die zweite Dekade des armen Lebens, die mehr hat als drei hohe Festtage: ist sie vorüber, so hat eine kalte Hand unsre Brust und unser Auge berührt; was noch in diese dringt, was noch aus ihnen dringt, hat den ersten Morgenzauber verloren, und das Auge des alten Menschen öffnet sich dann bloss gegen eine höhere Welt, wo er vielleicht wieder Jüngling wird!

drei Tage, eh' der Professor kam, war Gespensterlärm im Schloss; zwei Tage vorher währte er noch fort; einen Tag zuvor machte der Rittmeister Anstalten zur Entdeckung der Schelmerei. Er hatte einen Wasserscheu vor Gespenstergeschichten und gab jedem Bedienten, der eine wie Bokaz erzählte, als ein Honorar seiner Novelle nach der Bogenzahl Prügel. Die Rittmeisterin ärgerte ihn durch ihren Leichtglauben, und sie bekam oft den blick von ihm, den Männer werfen, wenn die Hoffnungen oder Befürchtungen ihrer Weiber Hasensprünge wie Erdhalbmesser tun. – Sie hatte nachts ein dreifüssiges Gehen durch den Korridor gehört, ein Blitz war durch ihr Schlüsselloch gefahren, und eine andre Taschenuhr als ihre hatte 12 geschlagen, und alles war verflogen.

Er lud also seine Doppelpistolen, um den Teufel mit dem Pulver, das er nach Milton früher als die Sineser erfunden, anzufallen; sein Gustav musste mit dabei sein, um mutig zu werden. Die Schlossuhr schlug 11, es kam nichtssie schlug 12, wieder nichtssie schlug 12 noch einmal ohne hülfe des Uhrwerks: jetzt wickelte sich auf dem Schlossboden ein hieroglyphisches Gepolter heran, drei Füsse traten die vielen Treppen herab und erschüttern den Korridor. Er, der selten in Leiden, aber immer in Gefahren mutig war, ging langsam aus dem Zimmer und sah im langen Gange nichts als die ausgeblasene Hauslaterne an der Haupttreppe; etwas ging im Finstern auf ihn zuund indem er auf das stumme Wesen feuern wollte, rief er: "Wer da?" Plötzlich blitzte fünf Schritte von ihmund hier fasste der Tetanus der Angst Gustavs Nervendas Licht einer Blendlaterne auf ein Gesicht, das in der Luft hing und das sagte: "Hoppedizel!" Der war es; warf sein Stiefelholz und andern Apparat dieser Farce weg, und niemand hatte etwas darwider als der Rittmeister, weil er seinen Mut nicht beweisen konnte, und die Rittmeisterin, weil sie keinen bewiesen hatte.

Aber in Gustavs Gehirn riss dieses in der Luft hangende Gesicht mit der Ätznadel ein verzerrtes Bild hinein, das seine Fieberphantasien ihm einmal wieder unter die sterbenden Augen halten werden. Bloss heftige Phantasie, nicht Mangel an Mut schafft die Geisterfurcht; und wer jene einmal in einem kind zum Erschrecken aufwiegelte, gewinnt nichts, wenn er sie nachher widerlegt