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heisse. Die Höfer (die Einwohner der Stadt Hof, der 7ten Nr.), worunter ich haus, mussten mich mit diesem anti-epischen Namen belegen, weil mein linkes Bein bekanntlich ansehnlich kürzer ist als das andre und weil noch dazu unten mehr ein Quadrat- als Kubikfuss dransitzt. Es ist mir bekannt, Menschen, die gleich den ostindischen Hummern eine kurze Schere neben der langen haben, können allerdings sich mit der chaussure behelfen, die ihre Kinder ablegen; aber es ist ebenso unleugbar, dass das Zipperlein einem solchen Mann dennoch an beiden Füssen kneift und diesen den verdammtesten spanischen Stiefel anschraubt, den je ein Inquisit getragen.

Ich hätte gar nicht sagen sollen, dass ich mit meinem lieben Hof in Voigtland schriftlich am Fichtelberge sprechen wollte, da ichs mündlich kann und mein eigener Kerl daraus her ist. Mein Wunsch und Zweck in einem solchen Werke wie diesem ist und bleibt bloss der, dass diese betagte und bejahrte Stadt den Schlaf, den ich ihr darin mit den harten Federn einer Gans einflössen will, auf den weichen dieses Tiers geniessen möge .....

Endlich hab' ich nun den Ochsenkopf. –

Diese Zeile ist kein Vers, sondern nur ein Zeichen, dass ich droben war und da viel tat: meine Sänfte wurde abgeschnallet und ich mit geschlossenen Augen hineingeschafft, weil ich erst auf dem Schneeberg, der Kuppel des Fichtelgebirgs, mich umsehen will .... Unter dem Aussteigen strömte vor meinem Gesicht eine äterische Morgenluft vorüber; sie drückte mich nicht mit dem schwülen West eines Trauerfächers, sondern hob mich mit dem Wehen einer Freiheitfahne .... Wahrhaftig ich wollte unter einem Luftschiffe ganz andre Epopöen und unter einer Täucherglocke ganz andre Feudalrechte schreiben, als die Welt gegenwärtig hat ....

Ich wünschte, Nro. 8, die Kunstrichter würden in meiner Sänfte mitgetragen und ich hätte ihre hände; ich würde sie drücken und sagen: Kunstrichter unterschieden sich von Rezensenten wie Richter von NachrichternIch würde ihnen gratulieren zu ihrem Geschmack, dass er, wie der eines Genies, dem eines Kosmopoliten gleiche und nicht bloss einer Schönheit räuchereetwa der Feinheit, der Stärke, dem Witze –, sondern dass er in seinem Simultantempel und Panteon für die wunderlichsten Heiligen Altäre und Kerzen dahabe, für Klopstock und Crebillon und Plato und Swift .... Gewisse Schönheiten, wie gewisse Wahrheitenwir Sterbliche halten beide noch für zweierleizu erblicken, muss man das Herz ebenso ausgeweitet und ausgereinigt haben wie den Kopf .... Es hängt zwischen Himmel und Erde ein grosser Spiegel von Kristall, in welchen eine verborgne neue Welt ihre grossen Bilder wirft; aber nur ein unbeflecktes Kindes-Auge nimmt sie wahr darin, ein besudeltes Tier-Auge sieht nicht einmal den Spiegel .... Nur einen öffentlichen Richter, den mein Herz verehrt, schenke mir dieses Jahr, und wär' er auch wider mich parteiisch; denn ein parteilicher dieser Art fället ein lehrreicheres Urteil als ein unparteiischer aus der Wochentag-Kaste.

Über den Plan eines Romans (aber nicht über die Charaktere) muss man schon aus dem ersten Bande zu urteilen Befugnis haben; alle Schönheit und Ründe, mit der die folgenden Bände den Plan aufwikkeln, nimmt ja die Fehler und Sprünge nicht weg, die er im ersten hatte. Ich wüsste überhaupt keinen Band und kein Heft, worin der Autor recht hätte, den Leser zu ärgern. Die Nähe des Schneeberges hindert mich, es zu beweisen, dass die französische Art zu erzählen (z.B. im Candide) die abscheulichste von der Welt und dass bloss die umständliche, dem Homer oder Voss oder gemeinen mann abgesehene Art die interessanteste ist. Ferner käm' ich auf dem Schneeberg an, eh' ichs nur halb hinaus bewiesen hätte, dass wir Belletristen (ein abscheulicher Name!) insgesamt zwar den Aristoteles für unsern magister sententiarum und seine Gebote für unsre 39 Artikel und 50 Dezisionen halten solltendass wir aber doch für nichts von ihm so viele achtung zu tragen hätten als für seine drei Einheiten (die ästetische Regeldetri), gegen die nicht einmal Romane sündigen sollten. Der Mensch interessiert sich bloss für Nachbarschaft und Gegenwart; der wichtigste Vorfall, der in Zeit oder Raum sich von ihm entfernt, ist ihm gleichgültiger als der kleinste neben ihm; so ist er, wenn er die Vorfälle erlebt, und mitin auch so, wenn er sie lieset. Darauf beruht die Einheit der Zeit und des Orts. Also der Anfang in der Mitte einer geschichte, um daraus zum anfangenden Anfang zurückzuspringendas zeitwirre Ineinanderschütteln der SzenenEpisodenso wie das Knüpfen mehrer Hauptknoten, ja sogar das Reisen in Romanen, das den Maschinengöttern ein freies, aber uninteressantes Spiel erlaubt – – kurz alle Abweichungen von dem Tom Jones und der Klarissa sind Sekunden und Septimen im Aristotelischen Dreiklang. Das Genie kann zwar alles gutmachen; aber Gutmachen ist nicht aufs beste machen, und glänzende verklärte Wundenmale sind am Ende doch Löcher am verklärten leib. Wenn manche Genies die Kraft, die sie aufs Gutmachen übertretner Regeln wenden müssen, in der Befolgung derselben arbeiten liessen: sie täten mehr Wunder als der heilige Martin, der ihrer nicht mehr bewerkstelligte als zweihundertundsechsGoete in seiner Iphigenie und Klinger in seiner Medea tuns vielleicht dem heiligen Martin zuvor ....

– – Gegenwärtig trägt man das Einbein (mich) über den Fichtelsee und über zwei Stangen, die statt einer brücke über diese bemooste Wüste bringen