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Beata? Dich heilt eine Parüre nicht; und wenn künftig einmal dein schönes Herz erkrankteso würde nichts es heilen als das beste Herz, oder es stürbe. – –

Wundere dich über mein Feuer nicht. Ich komme gerade von ihr und vergesse alle Fehler, die ich vor vierzehn Tagen noch von ihr wusste. Mädchen, die oft krank sind, gewöhnen sich eine Miene von geduldigem Ergeben an, die 'zum Sterben schön' ist. Ich habe ihren Lieblingausdruck unterstrichen, aber nur von ihrer Zunge kann er im schönsten sterbenden sinkenden Laute fliessen. Diese Geduld gewöhnet ihr ausser ihren ewigen Kopfschmerzen auch ihr Vater an, der sie gleich sehr quält und liebt und der ihr zu Gefallen (nach dem Egoismus des Geizes) eine Welt abschlachtete. Wenn die Seele mancher Menschen (sicher auch diese) zu zart und fein für diese Morast-Erde ist: so ist es auch oft der Körper mancher Menschen, der nur in Kolibri-Wetter und in Tempe-Tälern und in Zephyrn ausdauert. Ein zarter Körper und ein zarter Geist reiben einander auf. Beata hängt, wie alle von dieser Kristallisation, ein wenig zur Schwärmerei, Empfindsamkeit und Dichtkunst hin; aber was sie in meinen Augen hoch hinaufstellt, ist ein Ehrgefühl, eine demütige Selberachtung, die (meinen wenigen Bemerkungen nach) ein Erbteil nicht der Erziehung, sondern des gütigsten Schicksals ist. Diese Würde sichert ohne prüde Ängstlichkeit die weibliche Tugend. Wenn man aber dieses weibliche point d'honneur erst einerziehen, ja einpredigen mussach wie leicht ist nicht eine Predigt besiegt! – Weiber, die sich selber achten, umringt eine so volle Harmonie aller ihrer Bewegungen, Worte, Blicke! ... Ich kann sie nicht schildern, aber die sind zu schildern, die der Rose gleichen, welche unten, wo man sie nicht bricht, die längsten und härtesten Dornen hat, aber oben, wo man sie geniesset, sich nur mit weichen und umgebognen verpanzert.

Ich weiss nicht, ob es dir etwas Altes ist, dass Töchter ihren Müttern jede Wahrheit und alle Geheimnisse sagen; mir ist es etwas Neues, und nur eine beste Tochter, wie Beata, kann es.

Vor vierzehn Tagen erinnerte ich mich eines Fehlers von ihr nicht so schwach als heute, welcher der ist, dass sie zu wenig Freude an derFreude und zu grosse an traurigen Phantasien hat. Es gibt zu weiche Seelen, die sich nie freuen können (so wie nie beleidigt fühlen), ohne zu weinen, und die ein grosses Glück, eine grosse Güte mit einem seufzenden Busen empfangen. Wenn aber diese vor rohen Seelen stehen, die den verborgnen Dank und die stumme Freude nicht erraten können: so werden sie gezwungen, nicht Empfindung, aber den Ausdruck derselben vorzuheucheln. Beatens Vater will für jedes seiner Geschenke, deren Wert er bis zu Apotekergranen auswiegt, eine springende Freude; sie hingegen fühlt höchstens später darauf eine; die Erscheinung irgendeines lichten Glücks selber blitzet ihr auf einmal über alle traurige Tage hin, die wie Gräber in ihrer Erinnerung liegen. Auch an dieser Beata sehe' ichs wieder, dass der weibliche Leib und Geist zu zart und zu wallend, zu fein und zu feurig für geistige Anstrengung sind und dass beide sich nur durch die immerwährende Zerstreuung der häuslichen Arbeit erhalten; die höhern Weiber erkranken weniger an ihrer Diät als an ihren exzentrischen Empfindungen, die ihre Nerven wie den Silberdraht durch immer engere Löcher treiben und sie aus Fadennudeln in geometrische Linien zerdehnen. Eine Frau, wenn sie Schillers Feuerseele hätte, stürbe, wenn sie damit eines seiner Stücke machte, im fünften Akte selber mit nach.

Ich verstehe deine verliebte Fragartikel recht gut: freilich steigt der geheime Legationrat von Oefel hier oft aus. Er scheint zwar keine zärtlichern Geschäfte hier zu haben als kaufmännische und vom Kommerzien-Agenten nichts verschrieben zu fodern als Pfeffer für Zeilon und Muskatnüsse für Sumatra, folglich seine Tochter und ihre Güter am allerwenigsten. – Desgleichen ist die Ministerin, dieser Zoll- und Almosenstock voll männlicher Herzen, zwar auch mit da und hat Oefels angeöhrtes oder gehenkeltes schon an ihren Reizen hängen; aber der Teufel trau' geheimen Legationräten, zumal Oefeln. Ich sage dir, er mag Beaten kapern oder nicht, so wundert mich jedes. Du wirst dich freilich damit trösten, lieber Jean Paul, dass du erstlich grössere Reize hast als er und zweitens gar nicht weisst, dass du die Reize hast, welches in der Konversation viel tut. Es ist wohl etwas daran; denn Oefel will nicht sowohl gefallen als bloss zeigen, dass er gefallen könnte, wenn er nur wollte, und er erlaubt sich daher alle Launen, bloss damit man etwas zu tadeln und zu vergeben und er gutzumachen habe; er ist auchweil ein Hofmann und ein Demant ausser der Härte noch reine Farbenlosigkeit haben müssen, um fremde Farben und Lichter treuer nachzustrahlensogar zu einem Hofmann zu eitel und kauft sich mit fremder Gunst nur seine eigne. Ich will dich mit noch mehr 'Zwars' trösten, bis ich meine Aber hole. Beata sieht zwar aus, als ob sie sich alle Minuten frage: 'warum bewunder' ich ihn nicht?'; die Ministerin sieht aus, als ob sie jene alle Minuten frage: 'warum beneidest du mich nicht, da mein Lehnmann ein Forte-Piano mit hundert Zügen und Tritten ist wie ich selber?' – denn er behält keine Stellung und kann sich in jede wagen