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-Quartier hatten und weiterreisen mussten, gaben ihm den Transito-Zoll durch ein kleines Loch heraus, das er in sie hineinmachte, um das wenige daraus sich zu entrichten, was dem Fuhrmann aufgebürdet werden konnte, wenn es fehlte. – Er legte ein Münzkabinett oder Hospital für arme invalide amputierte Goldstükke an. Andern verrufenen Münzen gab er den ehrlichen Namen, den sie verloren, wieder und zwang seine Faktore, sie als legitimiert und rehabilitiert anzunehmen. Ein Goldstück mochte noch so schlecht in sein Haus gekommen sein, er dankte es wie einen Offizier nie ohne Avancement ab. So decken solche edlere Seelen sogar die Mängel des Geldes mit dem Mantel der Liebe zu.

Auf diese Art breiteten sich seine Kaufmanns- und Feldgüter immer mehr aus, und in seinem von der freundschaftlichen Wärme des Publikums angebrüteten Herzen regte sich, wie ein Ei-Infusiontierchen, ein federloses durchsichtiges mattes Ding, das er Ehre nannte. Der unvollkommne Charakter liess sich also einen Charakter als Kommerzienrat kommen.

Jetzt, da er die Ehre recht beim Flügel und aufs Papier befestigt hatte, konnte' er sie eher beleidigen als vorher, als er sie noch nicht unter seinen Papieren besass. Er machte also seine Lieberklärung dem reichsten und geizigsten Vater einer schönen Tochter, welche die Liebe gegen einen Offizier zum letzten Schritte hingerissen hatte. Die Tochter hasste seine Lieberklärung; aber der Charakter mit hülfe des Vaters bemächtigte sich ihrer sträubenden Hand, zog sie daran zum Altar, schraubte den Ring ihr an und pfählte ihre Hand in seine. Ihr zweites Kind war sein erstes.2

Da indessen seine Ehre sich nach diesem Blutverlust und diesen Ausleerungen schlecht auf den Füssen erhalten konnte: so musst' er daran denken, ihr ein recht stärkendes Amulett, ein Ignatius-Blech, einen Lukas- und Agatazettel umzuhängenein Adeldiplom. Sie wurde aus der Reichshofrats-Kanzlei von Wien auch glücklich hergestellt.

Da er nicht mit seiner Frau, sondern nur mit seinen Gläubigern Güter-Gemeinschaft hatte: beurlaubte er sich vom Kaufmannstande mit einem unschuldigen Falliment und rettete sich und sein reines Gewissen und die Güter seiner Frau und seine eigne auf seinen Landgütern, um da seinem Gott zu dienen.

Ich meine seinen Göttern. – Freunde hatte übrigens der unvollkommne Charakter nicht. Seine Begriffe von Freundschaft waren zu edel und hoch und verlangten die reinste uneigennützigste Liebe und Aufopferung vom Freunde; daher ekelten ihn die niedrigen Tröpfe um ihn an, die nicht sein Herz, sondern seinen Beutel verlangten und die ihn bloss an sich drückten, um etwas aus ihm herauszudrücken. Er konnte einen solchen Eigennutz nicht einmal vor sich sehen, und sein Haus litt daher, wie die menschliche Luftröhre oder wie Sparta, nichts Fremdes in sich. Er glaubte mit Montaigne, man könne nicht mehr als einen Freund, so wie eine Geliebte, recht lieben; daher schenkt' er sein Herz einer einzigen person, die er unter allen am höchsten schätzteseiner eignen nämlichdiese hatte' er geprüft; ihre uneigennützige Liebe gegen ihn selber vermochte ihn, dass er Ciceros Ideal erreichte, welcher schrieb, dass man für den Freund alles, sogar das Schlimme tun könne, was man für sich nicht täte.

Er ist der grösste Stoiker im Scheerauischen; er sagt nicht bloss, an allen Vergnügungen sei nichts: sondern er verachtet auch alle zeitliche Güter, weil sie ihn nicht glücklich machen können. Diese Verachtung derselben ist vom heftigsten Bestreben nach ihnen wohl nicht zu trennen, weil ein Weiser, wie die Stoiker in der Note3 sagen, ein Leben, in dessen Mobiliarvermögen nur eine Kratzbürste oder ein Stallbesen drüber ist, einem Leben, dem bloss dieses wenige fehlte, vorziehen wird, ob er gleich nicht durch jenes glücklicher wird. Daher legt der unvollkommne Charakter auf die kleinsten Effekten, wie der alte Shandy auf die kleinsten Wahrheiten, einen so grossen Wert wie auf die grössten; daher muss er mit den Nussschalen heizen, mit abgelösten Siegeln siegeln, auf fremde leere Briefräume eigne Briefe schreiben etc. Der unvollkommne Charakter hat hierin Ähnlichkeit mit dem Geizigen, der mit ähnlichen Kleinigkeiten wuchert und den keine Gründe widerlegen können: denn wenn ich einen Groschen nicht wegwerfen darf, so darf ich auch keinen Pfennig, keinen halben Pfennig, keinen 1/100000 Pfennig; die Gründe sind dieselben.

Im Menschen liegt ein entsetzlicher Hang zum Geiz. Den grössten Verschwender könnte man zu noch etwas Schlimmern, zum grössten Knicker machen, wenn man ihm so viel gäbe, dass er es für viel und der Vermehrung wert hielte; und umgekehrt. So will der Wassersüchtige desto mehr wasser, je höher er davon geschwollen ist; mit seinem wasser fället zugleich der Durst darnach.

Der unvollkommne Charakter dankt dem Himmel für zweierlei, erstlich dass er in keinen Geiz, zweitens in keine Verschwendung gefallen seidass er seiner Frau und seinem kind nichts versagt, alles gibt und bloss dummen Leuten, die Stoff zur Verschwendung behalten wollen, diesen Stoff aus den Händen nimmt, wie die alten Deutschen, Araber und Otaheiter nur Fremde, nie aber Inländer bestehlendass er keusch ist und lieber die Geldkatze eines Kaufmanns als den Gürtel der Venus lösetdass er Armen ganz anders beispringen wollte, wenn er so viel Pfennige hätte wie der und derdass er aber gleichwohl sein bisschen sich so wenig wie der Traurige seinen Kummer nehmen lasse und dass er einmal am Jüngsten Tage werde befragt werden, ob er mit seinen Pfunden (Sterling) gewuchert. – –

Dieser verkäufliche Charakter im Zeitungkomptoir ist wie