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, es war gar keine.

Nro. 21

Ein unvollkommner Charakter, so für

Romanenschreiber im Zeitungkomptoir zu verkaufen

steht

Im Roman gefallen wie in der Welt keine vollkommen-gute Menschen; aber auch auf der andern Seite wird einer weder Lesern noch Nebenmenschen gefallen, der ganz und gar ein Schelm istbloss halb oder dreiviertel muss er es sein, wie alles in der grossen Welt, Lob und Zote und Wahrheit und Lüge.

Im Zeitungkomptoir steht ein halber Schelm und wird allen Romanschreibern im Scheerauischen um das wenige, was sie dafür geben können, verkäuflich erlassen. Ich versichere die Herrn Schreiber, dass ich etwa nicht die Unvollkommenheiten dieses Schelms übertreibe, um ihn teuerer abzusetzen; der Inhaber nimmt den Schelm wieder zurück, wenn er nicht Bosheit genug hat.

Dieser unvollkommne Charakter wurde im Kiren geboren; und kaufte sich, nach seiner Taufe und Mündigkeit, Hecheln und Mausfallen. Die wenigsten Deutschen wissen, dass sie die Italiener, bei denen dieser Handelzweig blühet, reich auskaufen. Unser Charakter schwang sich bald von einem Hechel-Kommissionär zu einem Hechel-Associé empor; er verfertigte die Mausfallen, die er aus Italien bezog, in Deutschland, und die Mauslöcher waren sein Ophir und die Flachsfelder seine Münzstädte. Die Hechel, die er vor dem Einkauf seines Adeldiploms an gegenwärtigen Tiermaler verkaufte, schlug er ihm für sechstehalb Gulden los.

Er muss schon vor seiner Geburt in der andern Welt in einem grossen haus gehandelt haben; denn er brachte eine Kaufmann-Seele schon fertig mit. Es war nicht klug von mir, dass ichs nicht eher erzählet habe, dass er als Knabe von neun Jahren in seiner Blatterkrankheit einen kleinen Kaufladen aufsperrte und mit dem Pockengifte feil hielt, das man aus seiner Apoteke, nämlich von seinem Körper nahm zum Einimpfen. Er gab keine Blatter umsonst her, sondern verlangte sein Geld dafür und sagte, er sei ein PockenSämereihändler, aber noch ein junger Anfänger. Diesen Handel mit eigner Manufaktur legt' ihm bald der Arzt und die natur, und der Doktor sagte, er sei so teuer wie ein Apoteker. Daher wollt' er sogar selber einer werden.

Er wurde' auch einer, aber nach dem mecklenburgischen Idiotikon; denn in diesem heisst jeder Materialladen eine Apoteke. Nämlich in Unterscheerau änderte er die Religion und den Nährzweig und bauete sich einen Laden, der bloss für Käufer Hechel und Mausfalle war. Hier hielt er sich einen Ladenjungen, ein Küchenmensch, einen Friseur, einen Barbier und einen Vorleser des Morgensegensalle diese Personen machten nur eine person aus, seine eigne; diese war und tat wie ein Ensoph alles.

Da bei unserem Schelm als einem unvollkommnen Charakter Tugenden in Fehler vererzt sein müssenich würde' ihn sonst keinem Roman-Bauherrn antragen –: so nehme man mir es nicht übel, dass ich auch seine weisse Seite neben seine schwarze bringe, wie man auf böheimischen Tafeln immer weisse und schwarze Gerichte nebeneinander stellet.

Er ging damals Sonntags aus seinem Laden bei aller erlaubter Sparsamkeit doch gut gekleidet heraus. Seinen Hut, seine Ringfinger und seine Weste bordierte echtes Gold; seinen Magen und seine Waden spann der Seidenwurm ein und seinen rücken das englische Schaf. Es ist ganz der menschlichen Bosheit gemäss, das Verschwendung zu nennen, was hier seltene verheimlichte Wohltätigkeit war; alles, was der unvollkommne Charakter anhatte, warenPfänder; denn um die Leute vom Verpfänden abzubringen, drohte er jedem, jedes Pfand, worauf er leihe, würde' er so lange anziehen, als es bei ihm stände. Auf diese Art hielt er manchen ab, und die Kleidung dessen, bei welchem menschenfreundliches Warnen nichts verfing, legte er wirklich Sonntags nach dem Essen an. Es war daher weniger Mangel an Geschmack als an Geiz und Härte, dass er an sich, so wie mehre DienstPersonen, so auch mehre Kleider vereinigte und so bunt aufschritt wie ein Regenbogen oder wie eine Kleidermotte, die sich von Tuch zu Tuch durchfrisst.

Da ich so gewiss weiss, dass Verschwendung ihn nicht verunzierte, so sehr es den Anschein hat: so will ich allen Anschein durch die Nachricht wegnehmen, dass er jeden Sonnabend sein Pfund Fleisch im Zölibate kaufte, aberdenn sonst bewiese es noch nichtsnicht ass. Er ass allerdings eines und mit dem Löffel; aber es war vom vorigen Sonnabend. Der unvollkommne Charakter holte nämlich jeden Sonnabend sein Andachtfleisch aus der Bank und veredelte und dekorierte damit sein Sonntag-Gemüs. Aber er nahm nichts zu sich als den vegetabilischen teil. Am Montag hatte' er den tierischen noch und würzte mit ihm ein zweites Gemüsam Dienstage arbeitete das abgekochte Fleisch mit neuem Feuer an der Kultur eines frischen Krautesam Mittwoch musst' es vor ihm mit matten Fettaugen auf einer andern Kräutersuppe liebäugelnund so ging es fort, bis endlich der Sonntag erschien, wo das ausgelaugte Fleischgeäder selber zum Essen, aber in einem andern Sinne, kam und Röper das Pfund wirklich ass. Ebenso kann man mit einem Pfund Leibnizischer, Rousseauischer, Jakobischer1 Gedanken ganze Schiffkessel voll schriftstellerischen Blätterwerks kräftig kochen.

Diese Sparsamkeit legierte der unvollkommne Charakter noch mit einigem Betrug. Er interpolierte die Güter, die er gut bekam, und schrieb zurück, er habe sie schlecht bekommen, sie wären so und so und er könnte sie nur um den halben Preis gebrauchen. Ein Drittel des Preises spielt' er so dem Kaufmann geschickt genug aus der entfernten tasche. Waren, Fässer, Säcke, die in seinem haus nur ein Absteig