dem Leser halbieren, die der arme Gustav ganz bekam, da es unten rief:
"Wollt ihr gleich!" Die Rittmeisterin legte in den Ton mehr Beleidigendes, als mein unschuldiger Gustav noch zu fühlen verstand. Die Liebhaberin verliert in solchen Überraschungen den Mut, den der Liebhaber bekommt. Die ersten Versikel des abgefluchten Strafpsalms durchlöcherten das Ohr der schuldlosen Regina, welche stumm und weinend aus dem Garten schlich und so den freudigen Tag trübe beschloss. Die sanftern Verse erfassten den Geschichtdichter, der seine Contes moraux ästetisch und mit Patos1 auszumachen vorhatte und nun selber von einem fremden Patos erwischt wurde. Ernestinens Herz, Lippen und Ohren waren hinter den strengsten Gittern erzogen; daher wich ihre so melodische Seele (bei einem blossen Kuss) in eine fremde harte Tonart aus; sie gab vom schönsten Mädchen nichts zu, als: "Ein gutes Mädchen ist es." Überhaupt ist mir die Frau, die gewisse Fehltritte einer andern sehr schonend beurteilt, mit ihrer Duldung verdächtig: eine ganz reine weibliche Seele erzwingt an sich höchstens die Miene dieser Toleranz für eine weniger reine.
Auf unschuldige Lippen drückte Gustav den ersten und letzten Kuss; denn in der Pfingstwoche zog die Schäferin nach Maussenbach als Schloss-Dienstbote. Wir werden nichts mehr von ihr hören. – So wird es durch das ganze Buch fortgehen, das wie das Leben voll Szenen ist, die nicht wiederkommen. Nun tritt schon die Sonne höher an Gustavs Lebenstage und fängt an zu stechen – eine Blume der Freude um die andre bückt sich schon vormittags zum Schlummer nieder, bis nachts um 10 Uhr der gesenkte Flor mit verschwundnen Blüten schläft ....
Fussnoten
1 Gustavs Mut zum Kuss ist übrigens natürlich. Unser Geschlecht durchläuft drei Perioden des Muts gegen das schöne – die erste ist die kindliche, wo man beim weiblichen Geschlecht noch aus Mangel an Gefühl etc. wagt – die zweite ist die schwärmerischer wo man dichtet, aber nicht wagt – die dritte ist die letzte, wo man Erfahrung genug hat, um freimütig zu sein, und Gefühl genug, um das Geschlecht zu schonen und zu achten. Gustav küsste in der ersten Periode.
Achtzehnter Sektor
Scheerauische Molukken – Röper – Beata –
offizinelle Weiberkleider – Oefel
Ich würde närrisch handeln und schreiben, wenn ich – da uns alle, Leser sowohl als Einwohner dieser Biographie, Scheerau so nahe angeht; da Gustav, der Held, dahin als Kadett kommt; da ich, der Hofmeister, daraus komme; da Fenk, der Doktor, noch daselbst ist und da Fenk in dieser geschichte noch wichtig werden kann – drei Papiere von Dr. Fenk trotz aller dieser Gründe nicht einrückte. Die Rede ist von zwei Zeitungsartikeln und einem Brief, die der Pestilenziar geschrieben.
Ich weiss gewiss, dass es einigen hohen Fremden, die durch die scheerauischen höhern Zirkel gereiset, bekannt ist, dass der Doktor eine Zeitung schreibt, die nicht gedruckt wird, nämlich eine geschriebne Gazette oder Nouvelles à la main, wie mehre Residenzstädte sie haben. Dörfer haben gedruckte Neuigkeiten, kleine Städte mündliche, Residenzstädte schriftliche. Das Papier ist Fenks Marforio und Pasquino, der seine satirischen Arzneien austeilt.
Seinen ersten Zeitungartikel flecht' ich ein, schon bloss des Journals für Deutschland wegen. Dieses so weder von noch für Deutschland geschrieben – rückte eine gute Abhandlung von mir nicht ein, die ich über den ausserordentlichen Handelflor in Scheerau eingeschickt, weil vielleicht keine Regierung in Deutschland weniger bekannt ist als die scheerauische. Wahrhaftig man sollte denken, dieses Fürstentum verstecke sich wie ein Walfisch unter die Eisrinde der Polarmeere, so unbekannt sind die wichtigem Nachrichten von ihm; z.B. solche wie die, dass wir Scheerauer seit der neuen Regierung den ganzen ostindischen Handel und die Molukken an uns gezogen, von denen wir jetzt unsere Gewürze selber holen, welche letzte die Regierung eigenhändig dazu aus Amsterdam verschreibt. – – Aber das steht ja eben im ersten Zeitungsartikel.
Nro. 16
Gewürzinseln und Molukken in Scheerau
Der Brandenburger Weiher bei Baireut ist ein ausgegrabner Landsee von 500 Tagwerken, und vor einigen Monaten sass ich eine Stunde darin; denn man trocknet ihn jetzt zum Besten seiner bleichen Küstenbewohner aus. Der scheerauische Weiher, an dem vier Regenten weitergraben liessen, hat 129 Tagwerke mehr und ist für Deutschland wichtig: denn durch seine aërostatischen Dünste wird er so gut wie das Mittelländische Meer das Wetter in Deutschland ändern, sobald der Wind über beide geht. Die Ebbe und Flut muss genau genommen sogar auf einer Träne oder im Saufnäpfchen eines Zeisigs stattfinden, wie viel mehr auf einem solchen wasser: – die Diözes von Inseln, die diesen Teich so putzt und furniert, z.B. Banda, Sumatra, Zeilon und das schöne Amboina, die grossen und kleinen Molukken, traten erst unter der jetzigen Regierung aus dem wasser – oder vielmehr ins wasser. Herrn Buffon, wenn er noch lebte, und andre Naturforscher müsst' es frappieren, dass die Inseln auf dem Scheerauischen Ozean nicht durch Auftürmungen von Korallen entstanden – auch nicht durch Erdbeben, die den Dromedar-rücken des Meergrundes aus dem wasser aufkrümmten – selber durch keinen Vulkan in der Nähe, der diese Berge ins wasser hineingesäet hätte; denn Sumatra, die grossen und die kleinen Molukken wurden bloss in kleinen Partien auf unzähligen Schubkarren und Leiterwagen an die Küsten herbeigeschoben – und weil auf den Karren Steine, Sand, Erde und alle Ingredienzien einer hübschen Insel waren, so brachten die Fronbauern, landesherrliche sowohl als ritterschaftliche, die ebenso viele (Tabak-) rauchende