Regina war darunter und ihr Bruder schon mit droben; die Galerie oder die Logen mussten endlich – da das Hinaufrufen nichts half – das weibliche Parterre hinaufzerren. Ich erzähle selber jetzt feuriger nach; kein Wunder, dass auch Gustav es tat. Regina setzte sich am weitesten von ihm, aber ihm gegenüber. Er fing eine ganz frische Historie an, weil das bureau d'esprit viel stärker geworden. Ein elendes blutjunges Mädchen – Kinder wollen in der geschichte am liebsten Kinder – malte er vor, eines ohne Abendbrot, ohne Eltern, ohne Bett, ohne Haube und ohne Sünden, das aber, wenn ein Stern sich putzte und herunterfuhr, unten einen hübschen Taler fand, auf dem ein silberner Engel aufgesetzt war, welcher Engel immer glänzender und breiter wurde, bis er gar die Flügel aufmachte und vom Taler aufflog gegen Himmel und dann der Kleinen droben aus den vielen Sternen alles holte, was sie nur haben wollte, und zwar herrliche Sachen, worauf der Engel sich wieder auf das Silber setzte und sehr nett da sich zusammenschmiegte. – Welche Flammen schlugen unter dem Schaffen aus Gustavs Worten heraus, aus seinen Augen und Mienen in die Zuhörerschaft hinein. Noch dazu stickte nebenbei der Mond die Lindennacht auf dem Fussboden mit wankenden Silber-Punkten – eine verspätete Biene kreuzte durch den glühenden Kreis und ein schnurrender Dämmerungvogel um einen bekränzten Kopf – auf dem Doppel-Grund von Lindengrün und Himmelblau zitterten Blätter neben den Sternen – der Nachtwind wiegte sich auf dünnem Laube und auf Goldflittern der geputzten Regina und bespülte mit kühlen Wellen ihre Feuerwange und Gustavs Flammenatem .... Aber wahrhaftig ich behaupte, den Kateder brauchte er nicht einmal, so herrlich waren Kateder und Redner. Wie konnte' ihm dieser nötig sein, da er der Braut Christi und seiner eignen erzählte; da der ganze heutige Tag mit seinem blendenden Nimbus wieder aufstand; da er das Mitleid in die Brust der unbefangenen Kinder einführte und aus ihren Augen es wieder vorpresste; und da er gewisse weibliche sich benetzen sah .... Seine eignen zergingen in Wonne, und er dehnte sein Lächeln immer weiter auseinander, um damit sein Auge zu bedecken, das sich schon schöner bedecket hatte. – – "Gustav!" hatte' es schon zweimal vom schloss her gerufen; aber in dieser seligen Stunde hörte es keiner; bis zum dritten Male die stimme nahe unten im Garten erklang. Die betäubte geheime Gesellschaft rollte die Treppe hinab; – neben Gustav verweilte nur noch Regina unter der dunkeln Laube, um eiligst mit ihrer Schürze die Spuren der Erzählung aus den Augen zu bringen und mit einer Nadel sich etwas hinaufzustecken – er stand dem gesicht, auf dem so viele schöne Abendröten seines Lebens untergegangen waren, so nahe und so stumm und hielt sie ein wenig, als sie nachwollte – wäre sie stille gestanden, so hätt' er sie nicht halten können; aber da sie riss: so umfasste er sie fester und im grösseren Bogen – ihr Ringen vereinigte beide, aber seiner trunknen Seele ersetzte die Nähe den Kuss – das Sträuben führte seine zuckende Lippen an ihre – aber doch erst als sie seine Brust von ihrer wegstemmte und seine mit der Nadel zerritzte, dann erst strickte er sie mit unaussprechlicher vom eignen Blute berauschter Liebe an sich und wollte ihren Lippen ihre Seele aussaugen und seine ganze eingiessen – sie standen auf zwei entfernten Himmeln, zueinander über den Abgrund herübergelehnt und einander auf dem zitternden Boden umklammernd, um nicht loslassend zwischen die Himmel hinunterzustürzen ....
.... Könnt' ich seinen ersten Kuss tausendmal brennender abmalen: ich tät' es; denn er gehört unter die ersten Abdrücke der Seele, unter die Maiblumen der Liebe, er ist die beste mir bekannte Dephlegmation des erdigen Menschen. Nur ist es in diesem deutschen und belgischen Leben nicht möglich zu machen, dass der Mensch über fünf oder sechs Male zum ersten Male küsse. Später sieht er allezeit in seine Sachdefinition, die er von einem Kusse im kopf hat, ordentlich hinein und zitiert den Paragraphen, wo's steht; der ganze Inhalt des dummen Paragraphen ist aber der, die eigentliche Sache sei ein Zusammenplätten roter Häute. Wahrlich ein Autor von Gefühl kann sich nicht niedersetzen und bedenken, dass ein Kuss eines von den wenigen Dingen ist, die nur genossen werden, wenn unter dem Geistigen das Körperliche nicht vorschmeckt – ohne dass ein solcher Autor von Gefühl (es ist niemand als ich) die ausfilzet, die nicht so viel Verstand haben wie er – er filzet nicht bloss die Herren Veit Weber und Kotzebue, in deren Schriften zu viele Küsse stehen, sondern auch andre Leute aus, in deren Leben zu viele kommen, namentlich ganze Pikkenicks, die einander nach dem Tischgebet die Wangen mit den Lippen abbürsten und anschröpfen. kommt es gar so weit, dass diese schöne Lippenblüte unsers Gesichts sich an Häuten von Schafen und von Seidenraupen, an Handsandalen, zerknüllen muss: so will ein Autor von so viel Empfindung der leidenden Partei die hände und der tätigen die Lippen wegschneiden ....
Ich begiesse den vom letzten Kusse erhitzten Leser mit diesem kalten Wasserschatze wirklich nicht deshalb, um mit ihm so umzuspringen wie das Schicksal mit mir; denn dieses hat sichs einmal zum Gesetz gemacht, jedesmal wenn ich mitten im Freudenöl solcher Auftritte wie der Gustavische – oder auch nur der Beschreibung solcher Auftritte – stehe, mich sogleich in Salzlaken und Vitriolöle unterzutauchen. Sondern ich wollte gerade umgekehrt die hässliche Empfindung über den Tausch entgegengesetzter Szenen