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zu der unsichtbaren Loge dies zehnmal weitläufiger haben werde?" –

Er hat es aber natürlicherweise viel kürzer, weil ich sonst auf den Ochsenkopf hinaufkäme mitten in der Vorrede, ohne nur der Weltleute gedacht zu haben, geschweige der andern.

Diese wollen nun die zweite Nummer und Sprosse meines Aufklimmers abgebenCampe wirft nicht ungeschickt durch dieses Wort den Klimax aus seinen und meinen Büchern –; allein ich werde wenig mehr bei ihnen anzubringen haben als eine Rechtfertigung, dass ich mich in meinem Werke zu oft anstellte, als macht' ich mir aus der Tugend etwas und aus jener Schwärmerei, die so oft den Namen Entusiasmus trägt. Ich besorge wahrhaftig nicht, dass vernünftige Leute meine Anstellung gar für Ernst ansehen; ich hoffe, wir trauen beide einander zu, dass wir das Lächerliche davon empfinden, statt der Namen der Tugenden diese selber haben zu wollenund heutzutage sind die wenigsten von uns zu den tollen Philosophen in Lagado (in Gullivers Reisen) zu rechnen, die aus achtung für ihre Lunge die Dinge selber statt ihrer Benennungen gebrauchten und allemal in Taschen und Säcken die Gegenstände mitbrachten, worüber sie sich unterhalten wollten. Aber ob man mir nicht eben dies verdenken wird, dass ich Namen so oft gebrauche, die nicht viel modischer als die Sache selber sind und deren man sich in Zirkeln von Ton, so wie der Namen "Gott, Ewigkeit", gern entält, darüber lässt sich disputieren. Inzwischen sehe' ich doch auf der andern Seite auch, dass es mit der Sprache der Tugend wie mit der lateinischen ist, die man jetzt zwar nicht mehr gesprochen, aber doch geschrieben duldet und die deswegen längst aus dem Mund in die Feder zog. Ich berufe mich überhaupt auf einsichtige Rezensenten, ob wir dichtenden Schriftsteller ohne tugendhafte Gesinnungen, die wir als poetische Maschinen gebrauchen so wie die ebenso fabelhafte Mytologie, nur eine Stunde auszukommen vermögen und ob wir nicht zum Schreiben hinlängliche Tugend haben müssen als Wagenwinde, Steigeisen, Montgolfiere und Springstab unsrer (gedruckten) Charakterewidrigenfalls gefallen wir keiner Katze; und es ergeht den armen Schauspielern auch nicht anders. Freilich Autoren, die über Politik, Finanzen, Höfe schreiben, interessieren gerade durch die entgegengesetzten MittelEben damit kann sich ein Schreiber decken, der in seine Charaktere das, was die Poeten und Weiber ihr Herz nennen, eingeheftet; es muss drin hangen (nicht nur in geschilderten, auch in lebenden Menschen), es mag Wärme haben oder nicht; ebenso versieht der Büchsenmacher die Windbüchsen so gut mit einer Zündpfanne wie Feuergeschoss, ob gleich nur mit Wind getrieben wird .... Es kann wahrlich um den ganzen Fichtelberg kein so kalter pfeifen als gerade im Holzweg, wo eben mein Wagen mitten im Auguste geht ....

Mit Nro. 3, den Holländern, wollt' ich mich in meinem Kasten zanken wegen ihres Mangels an poetischem Geschmack: das war alles. Ich wollte ihnen vorwerfen, dass ihrem Herzen ein Ballenbinder näher liege als ein Psalmist, ein Seelenverkäufer näher als ein Seelenmaler, und dass das ostindische Haus keinem einzigen Poeten eine Pension auswerfen würde als bloss dem alten Orpheus, weil seine Verse Flüsse ins Stocken sangen und man also sein Haberrohr und seine Muse anstatt der belgischen Dämme gebrauchen könnte. Ich wollte den Niederländern den kaufmännischen Unterschied zwischen Schönheit und Nutzen nehmen und ihnen es hinunterschreiben, dass Armeen, Fabriken, Haus, Hof, Äcker, Vieh nur das Schreibund Arbeitszeug der Seele wären, womit sie einige Gefühle, worauf alle Menschentätigkeit auslauft, errege, erhebe und äussere, dass den indischen Kompagnien Schiffe und Inseln dazu dienten, wozu den poetischen Reime und Federn taugten, und dass Philosophie und Dichtkunst die eigentlichen Früchte und Blüten am Baume des Erkenntnisses ausmachten, aber alle Gewerb- und Finanz- und Staat-Wissenschaften und Kameralkorrespondenten und Reichsanzeiger bloss die einsaugenden Blätter wären und der Splint, der Wurzeln-Efeu und das unter dem Baume treibende Aas. – Ich wollt' es sagen; liess es aber bleiben, weil ich besorgte, die Deutschen merkten es, dass ich unter Holländern blosssie selber meine; denn wie käm' ich auch sonst unter die mit Tee ausgelaugten belgischen Schlafröcke? – Ich habe ohnehin wenig mehr zu fahren und viel noch abzufertigen.

Ich untersag' es den europäischen Landständen, mein Werk Nro. 4 einem Fürsten zu geben, weil er sonst dabei einschläft; welches ichda ein fürstlicher Schlaf nicht halb so spasset wie ein homerischerrecht gern geschehen lasse, sobald die europäischen Landstände das Gesetz wie ein Arcuccio1 so über die Landeskinder wölben, dass sie der Landesvater im Schlafe nicht erdrücken kann, er mag sich darin werfen, wie er will, auf die Seiten, auf den rücken oder auf den Bauch.

Da hundert Buchbinder Nro. 5 mich unter den Arm und in die hände nehmen werden, um mich ganze Wochen früher zu lesen als zu beschneiden und zu pressengute Rezensenten täten gewiss das Widerspiel –: so müssen die guten Rezensenten auf die Buchbinder warten, die Leser auf die Rezensenten und ich auf die Leser, und so darf ein einziger Unglückvogel uns alle verhetzen und in den Sumpf ziehen; aber wer kanns den Buchbindern verbieten als ich, der ich in dieser Nachricht an Buchbinder mein Buch für dergleichen Binder eigenhändig konfisziere?

Mit dem Einbein, der sechsten Nummer, viel zu reden, wie ich verhiess, verlohnt der Mühe gar nicht, da ich das Ding selber bin und noch überdies der einbeinige Autor