ging Gustav nach dem Essen – schon unter demselben konnte' er vor Liebe und Rührung seine Eltern kaum ansehen – die Treppe hinauf, um nach einer so schönen Sitte den Seinigen seine Fehler abzubitten. Der Mensch ist nie so schön, als wenn er um Verzeihung bittet oder selber verzeiht. Er ging langsam hinauf, damit seine Augen trocken und seine stimme fester würde, aber als er vor die elterlichen kam, brach ihm alles wieder, er hielt lange in seiner glühenden Hand die väterliche, um etwas zu sagen, um nur die drei Worte zu sagen: "Vater, vergib mir"; aber er fand keine stimme, und Eltern und Kind verwandelten die Worte in stille Umarmungen. Er kam auch zu mir ... in gewissen Verfassungen ist man froh, dass der andre in der nämlichen ist und also unsre vergibt ... Ich wollt', Gustav, ich hätte dich jetzt in meiner stube. – Wenn Kinder sich Gott – nicht wie Erwachsene als ihresgleichen, nämlich als ein Kind, sondern – als einen Menschen denken: so ist das für ihr kleines Herz genug. Gustav ging nach diesen Abbitten wankend, zitternd, betäubt, wie wenn er das sähe, was er dachte – Gott –, in die verlassene Kindheitöhle hinab, wo er unter der Erdrinde erzogen wurde und wo seine ersten Tage und ersten Spiele und Wünsche begraben lagen. Hier wollt' er knien und in dieser zerbrochnen Andachtstellung, worin der Genius der Sonnen und Erden in jener vielleicht frömmsten Zeit unsers Lebens alle gefühlvolle Kinder erblickt, seine ganze Seele in einen einzigen laut, in einen einzigen Seufzer verwandeln und sie opfern auf dem Dankaltar; aber dieser grösste menschliche Gedanke riss sich wie eine neue Seele von seiner los und überwältigte sie – Gustav lag, und sogar seine Gedanken verstummten ... Aber die stimme wird gehört, die in der Brust bleibt, und der Gedanke gesehen, der zurücksinkt unter den Strahlen des Genius; und in der andern Welt betet der Mensch seine hiesigen verstummten Gebete hinaus. – – –
Am Abende dieses heilig-seligen Tages trug eine wiegende Ruhe auf ihren sichern Händen sein überfülltes Herz; er schlug nicht gewaltsam die kurzen Kinder- und Menschen-arme um die Freude, sondern diese schloss die Mutterarme leis' um ihn. Dieser Zephyr der Ruhe wehte – anstatt dass der Orkan des Jauchzens den Menschen durch und wider alles reisset – noch am Pfingsttage spielend um sein Leben voll kleiner Blüten, und sein Wesen lag wie auf einer sanft tragenden Wolke, da die heitere Pfingstsonne ihn fand; aber als der Blumengeruch der geschmückten Brust, das Gefühl des pressenden, rauschenden Anzugs, das Glockengeläute, dessen fortlaufende Töne wie goldne Fäden um alle einzelne Auftritte liefen und sie in einem verbanden, der Birkenduft und das grüne Helldunkel der Kirche, sogar das Fasten, da all dies seine Gefühle und seine Blutkügelchen in fliegende Kreise warf: so stand in seiner Brust eine angezündete Sonne; das Bild eines tugendhaften Menschen brannte nie in so grossen, über die Wolken hinaustretenden Umrissen vor ihm als da! – –
Aber der Abend! – Die kleinen Kommunikanten spazierten da mit leichterem Herzen und vollerem Magen in sittsamen Gruppen herum und fühlten Essen und Putz. Gustav – von dessen Flammen das Abendessen einiges überleget hatte, wiewohl sich noch eine sanfte Glut verhielt – wandelte seinen Garten, da sein Kopf kein Tanzplatz, sondern eine Moosbank froher Gefühle war, langsam auf und ab und zog die eingeschlafnen Tulpenblätter auseinander, um aus diesem Blumenkerker manches verspätete Bienchen loszulassen. Endlich lehnte er sich an den Türstock des hintern Gartentürchens und sah sehnend über die Wiesen ins Dörfchen hinab, wo die gereiheten Eltern zusammen plauderten und den Kindern mütterlicheitel nachschaueten, welche heute zum ersten und wohl zum letzten Male spazieren gingen, weil Bauern und Morgenländer nur Sitzen lieben. Da rückte ein scheues Bauerkinder-Pikett behutsam um die Gartenmauer herum, weil dasselbe den alten Starmatz, den Gustav heute mit seinem Bauer ins Freie getragen, gern näher hören wollte in seiner echt-ironischen Laune voll derber Schimpfwörter. Kinder sind in fremden Kleidern und an fremden Orten sich fremd; aber Gustav hatte seinen Leitton, um mit ihnen ins Gespräch überzugehen, zum Glücke bei der Hand, den Matz, mit welchem er bloss in eines zu geraten brauchte. Und alles gelang; und die redenden Künste des Vogels machten bald die Konversation so allgemein und unbefangen, dass man über alles mit allen sprechen konnte. Gustav fing an Geschichtchen zu erzählen, aber vor einem jüngern und billigern Publikum als ich; seine Geschichtchen erdachte und erzählte er im nämlichen Augenblick, und seine Phantasie stiess mit ihren Flügeln im unermesslichen Tummelplatz an nichts. Überhaupt erfindet man gescheitere Contes unter dem Sprechen als unter dem Schreiben, und Madame d'Aunoy, die ich lieber heiraten als lesen möchte, würde uns grossen Kindern bessere Feenmärchen gegeben haben, wenn sie solche vor den Ohren der kleinen erfunden hätte.
Unter dem Vorwande des Niedersetzens lud und bat er sein ganzes Hör-Publikum auf einen Altan, der um einen Lindenbaum im Garten samt einer Treppe geflochten und gewölbet war .... Ich lasse so zeitig meine Leser nicht herab; denn Bienen, Bildschnitzer und ich lieben Linden sehr, jene des Honigs, diese des weichen Holzes und ich des weichen Namens und des Duftes wegen.
Aber hier ist noch etwas ganz anders zu lieben – drei Kommunikantinnen horchten zur offnen Gartentür hinein und verdoppelten von weitem den Hörsaal: mit einem Worte,