bei welcher ein einziger kakochymischer Nachmittag durch keine künftigen Jahr- und Tagzeiten wieder auszutilgen ist. Ich wills nur bekennen: eben einer solchen sensitiven Frau wegen bin ich Hofmeister geworden. Da die Weiber (hiess es in mir) in einem auffallenden Grade alle Vollkommenheiten der Kinder haben – die Fehler derselben schon weniger –: so kann ein Mensch, der an den so weit auseinanderstehenden Ästen der Kinder sein Gespinste anzukleben und anzuziehen weiss, d.h. der sich in Kinder schicken kann, so sehr schlimm unmöglich fahren als andre, wenn er – heiratet.
Wo der Tadel das Ehrgefühl des Kindes versehrte, da unterdrückte ich ihn, um meine Kollegen in der Runde durch das Beispiel zu lehren, dass das Ehrgefühl, das unsere Tage nicht genug erziehen, das Beste im Menschen sei – dass alle andre Gefühle, selbst die edelsten, ihn in Stunden aus ihren Armen fallen lassen, wo ihn das Ehrgefühl in seinen emporhält – dass unter den Menschen, deren Grundsätze schweigen und deren Leidenschaften ineinanderschreien, bloss ihr Ehrgefühl dem Freunde, dem Gläubiger und der Geliebten eine eiserne Sicherheit verleihe.
Sieben Tage früher, als recht war, kommunizierte mein Gustav; denn das Konsistorium – die Ferne der Pfarrherren, die Pönitentiaria der Gemeinden und die Widerlage der Regierung – schickte uns mit Vergnügen als geistige Fastendispensation oder Alters-Erlass (venia aetatis) diese sieben Tage, um welche sein Kommunion-Alter zu leicht war, für ebensoviel Gulden geschenkt aufs Schloss heraus. Mein Zögling musste also – der geschickteste Religionlehrer sass vergeblich zu haus – wöchentlich zweimal zum dummen Senior Setzmann in Auental abmarschieren, der zum Glück kein Jurist wie ich war und in dessen Pfarrwohnung ein Rudel Katechumenen die Schnauzen in geronnene Katechismus-Milch stecken mussten – Gustav brachte statt des Tier-Rüssels einen zu kurzen Mund mit.
Gleichwohl war der Senior Setzmann nicht übel; auf einem Parlaments-Wollensack hätt' er sich zu einem Redner gesessen, d.h. zu einem Ding, das unter den Personen, die ihm anfangs nicht glauben, zuerst seine eigne überredet – Ein Redner ist so leicht zu überreden, als er überredet – Der Senior war jeden Sonntag in den ersten Stunden nach der Predigt fromm genug; er kann zwar verdammt werden, aber bloss Mangel an Predigten würde' es tun und der an Bier. Eine vernünftige Betrunkenheit kommt beides dem aszetischen und dem poetischen Entusiasmus unglaublich zustatten. Die Leser sind meine Freunde nicht, welche sagen, aus blossem Ärger und Neid – dass mein Gustav seine Stunden hörte – schrieb' ich es hier in die Welt hinaus, dass der Keller die Pauls- und Peterskirche des Seniors war – dass seine Seele, wie geflügelte Fische, nur so lange emporflog, als die Schwingen eingeölet waren – dass er immer betrunken und gerührt zugleich erschien und eher nicht in den Himmel hineinbegehrte, als bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Hermes und Oemler sagen, ich würde Ärgernis vermeiden – obgleich das Beispiel Setzmanns ein grösseres geben muss als der Spass darüber –, wenn ichs lateinisch vortrüge, dass die aquae supra coelestes seiner Augen allemal seine zwei Schuh tiefern humores peccantes begleiteten.
Gustav ging an wehenden Frühlingnachmittagen auf jungem Grase zu ihm und freuete sich unterwegs auf zwei hübsche Dinge –: erstlich auf diesen Missionar der heidnischen Dorfjugend selber, dessen schwärmerischer Atem Gustavs Ideen, deren jede ein Segel war, wie ein Sturmwind bewegte und der besonders in der letzten, sechsten Woche, wo er die jungen Sechswöchner über den Leisten des sechsten Hauptstücks schlug, meines Gustavs Ohren so verlängerte, dass zwei Flügel daraus wurden, die mit seinem Köpfchen davongingen. – Zweitens spitzte dieser sich auf eine breite Binde über einem breiten Halstuch und dergleichen Schürze, welches alles noch dazu so blütenweiss war wie er und am schönsten leib in der ganzen Pfarrei sass – an Reginens ihrem, welche darin sich auf das zweite Kommunizieren vorbereitete. So etwas, mein Gustav, machte dich ganz natürlich aufmerksamer als zerstreuet – und wenn mir das Scholarchat nur eine halbe solche Muse statt des Bauchkissens meines lecken Konrektors auf dem Lehrstuhle entgegengestellt hätte: Himmel! ich würde gelernt haben, ferner memoriert, ferner dekliniert, desgleichen konjugiert, und endlich exportiert! – Deshalb war es zweitens eben keine Hexerei, Gustav – da bloss dein Ohr der Windseite vom Pastor entgegenlag, das Auge aber der Sonnenseite von Reginen –, dass du wenig dir aus der halben Stunde machtest, die der Senior darüber gab, um sein Gewissen zum Narren zu haben. Er hielt, um den Frais- und Zenterrn und Feimer im Herzen, das Gewissen, stille zu machen, seine Kinderlehren eine halbe und seine Predigten dreiviertel Stunden länger als die ganze Diözes. Der Mensch tut lieber mehr wie seine Pflicht als seine Pflicht.
Da Gustav nicht wusste, dass Mädchen nichts übersehen und alles überhören: so war ihm der ganze Katechismus ein Liebebrief, in dem er sich mit ihr unterredete. Wenn sie dem Senior zu antworten hatte: wurde' er rot; "der Senior", dachte' er, "kann sein fragen und Quälen nicht verantworten", und sein Sehnerve wurzelte auf ihrem gesicht.
Da die Falkenbergischen kein besonderes Kommunizierzimmer mit samtnen Dielen hatten: so ging meine Pate, der Rittmeister, an der Spitze ihrer Lehnleute um den Altar; also auch Gustav.
Am Beichtsonnabend – O ihr stillen Tage meiner frömmsten Entzückungen, geht wieder vor mir vorüber und gebt mir euere Kinderhand, damit ich euch schön und treu beschreibe! – Am Sonnabend