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Jahrhundert weiter von den Grazien weg, die sich, wie die homerischen Götter, in Wolken verstecken. Die Alten konnten mitin die natürliche Einfachheit ihrer Hervorbringungen so wenig empfinden, als das Kind oder der Wilde die der seinigen. Die reinen einfachen Sitten und Wendungen eines Älplers oder Tirolers bewundert weder der eigne Besitzer, noch sein Landsmann, sondern der gebildete Hof, der sie nicht erreichen kann; und wenn die römischen Grossen sich am Spielen nackter Kinder labten, mit denen sie ihre Zimmer putzten: so hatten die Grossen, aber nicht die Kinder die Labung und den Geschmack. Die Alten schrieben also mit einem unwillkürlichen Geschmack, ohne damit zu lesenwie die jetzigen genievollen Autoren, z.B. Hamann, mit weit mehr Geschmack lesen als schreibendaher jene Speckgeschwülste und Hitzblattern an den sonst gesunden Kindern eines Plato, Äschylus, sogar eines Cicero; daher beklatschten die Atener keine Redner mehr als die Antitesen-Drechsler und die Römer die Wortspieler. Zur übermässigen Bewunderung Shakespeares fehlte ihnen nichts als Shakespeare selber. Eben deswegen konnten diese Völker, wie das Kind, von der natürlichen Einfachheit zum gleissenden, lakkierten Witzeln heruntergehen.

Zweitens versprach ich auf drei Seiten zu behaupten, dass die Vernachlässigung der Alten wenig schade. Denn was nutzet denn ihre Bearbeitung? Sie werden wie die Tugend weit weniger gefühlt und genossen, als man sagt3. Das Vergnügen an ihnen ist die richtigste Neuner-probe des besten Geschmacks; aber dieser beste Geschmack setzt eine solche geistige Aufschliessung für alle Arten von Schönheiten, ein solches Rein- und Schönmass aller inneren Kräfte voraus, dass nicht bloss Home Geschmack unvereinbar mit einem bösen Herzen findet, sondern auch dass ich nächst dem Genie, das ihn nach Entladung seiner geistigen Vollsaftigkeit immer bekommt, nichts Seltners kenne als ihn, den vollendeten Geschmack. O ihr Konrektoren und Gymnasiarchen, die ihr über die Devalvation der Alten winselt und greint, wenn sie noch Augen hätten, sie würden über euere Valvation weinen! – O es gehören andre Herzen und Seelenflügel (nicht blosse Lungenflügel) dazu, als in euren pädagogischen Rümpfen stecken, um einzusehen, warum die Alten Plato den Göttlichen nannten, warum Sophokles gross und die Antologen edel sind! Die Alten waren Menschen, keine Gelehrten; was seid ihr? Und was holt ihr aus ihnen? ...

Copiam vocabulorumIn mittlern Jahrhunderten war auch jeder kleine Nutzen der Alten ein grosser; aber jetzt im 18ten, wo alle Völker gradus ad parnassum in den Musen-Granit eingehauen, kommt es auf zwei Treppen mehr oder weniger nicht an. Haben denn die jetzigen Nationen nichts im alten Geschmakke geschrieben? – Wär' es so: so würden ohnehin Muster, die sich in keinen Ebenbildern vervielfältigt haben, leicht zu entraten sein; es ist aber nicht einmal so, und die Omarsche Verbrennung aller Alten könnte uns nur ein wenig mehr entreissen, als wenn man den ganzen noch stehenden Herbstflor von einigen griechischen Tempeln und andern Ruinen umbräche: wir würden doch noch Häuser im griechischen Geschmack bekommen. Die Muster haben ja selber ohne Muster geschrieben, und Polyklets Bildsäule wurde nach keiner Polyklets Bildsäule geregelt. Trotz dem Studium der geschriebenen Antiken lag sonst in Deutschland und liegt noch in Italien die dichtende Schöpferkraft auf dem Siechbett.

Wer wie Heine die alten Sprachen zur formalen Ausbildung der Seele dingen will: der vergisset, dass jede Sprache es kann, und dass eine unähnlichere, wie die orientalischen, es noch besser kann, und dass diese Ausbildung uns zuweilen so teuer zu stehen kommt als manchem Baron sein Französisches. Die Griechen und Römer wurden Griechen und Römer ohne die formale Bildung von griechischen und lateinischen Autorensie wurden es durch Regierung und Klima.

Es ist ein Unglück für das Schönste, was der menschliche Geist geboren hat, dass dieses Schönste unter den Händen der Primaner, Sekundaner und Tertianer zerrieben wirddass das Scholarchat glauben kann, die bessere Ausgabe oder die besseren Nominal- und Real-Erklärungen setzten die jungen Gymnasiasten mehr instand, die erhabenen klassischen Ruinen zu fassen, als eine bessere von Druckfehlern gesäuberte Ausgabe des Shakespeares und die beigefügten Novellen nebst den Noten einen Schulmann oder Franzosen instand setzen würden, die Augen vor diesem englischen Genius aufzuschliessendass sonach das Scholarchat sich einbildet, einen Hämling oder Täufling erhalte nichts kalt gegen die Reize einer Kleopatra als die Hüllen dieser Reizeund dass die Scholarchate nicht mir und der natur nachgehen4. – –

Die natur erzieht nämlich unsern Geschmack durch vorragend Schönheiten für feinere; der Jüngling zieht den Witz der Empfindung vor, den Bombast dem Verstand, den Lukan dem Virgil, die Franzosen den Alten. Im grund hat dieser minderjährige Geschmack nicht darin unrecht, dass er gewisse niedere Schönheiten stärker empfindet als wir, sondern dass er die damit verbundnen Flecken und höhere Reize schwächer empfindet als wir alle; denn wir würden nur desto vollkommner sein, wenn wir zugleich mit dem jetzigen Gefühl für das griechische Epigramm das verlorne Jugend-Entzücken über das französische verknüpfen könnten. Man sollte also den Jüngling sich an diesen Leckereien, wie der Zuckerbäcker seinen Lehrjungen an andern, so lange sättigen lassen, bis er sich daran überdrüssig und für höhere Kost hungrig genossen hätte; – jetzt aber übersetzt er sich umgekehrt an den Alten satt und bildet und reizet damit seinen Geschmack für die Neuern. In unserer Autoren-Welt erscheinen die traurigen Folgen davon, dass Scholarchate den Anfang mit dem Ende machen und von Schriftstellern, die bloss dem zartesten besten Geschmacke die letzte Ründe geben, den gymnasiastischen