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hielt es auch oft tagelang: aber in der nächsten Mahlzeit bewarf er aus Vergessen oder Unwillen den Plagegeist mit einem Knochen. Dieser einzige Knochen verhunzte den ganzen Hund. Dem Seelenhirten ist, besorg' ich, so lange nicht zu helfen, bis Hetz, der von selbst sich nicht ändert, etwa verreckt. Mir hingegen begegnet Hetz mit Vernunft und Schonung: warum? – Solang ich an jenem Tische ass, schenkt' ich Hetzen keine Faser, ohne Ausnahme. Auf Hetze und Menschen wirkt Festigkeit allmächtig. Wer keinen Hund erziehen kann, Herr Rittmeister, kann auch kein Kind erziehen; ich würde Hofmeister, welche in mein Brot wollten, an keinen Probierstein streichen als an den, dass sie mir Eichhörnchen und Mäuse zähmen müssten: wers am besten verstände, zög' ein, z.B. Wildau wegen seiner Bienenzähmung." – – Aber meine gnädige Pate lachte nie herzhaft über meine oder Fenkische Scherze; hingegen über einen Hoppedizelischen lachte sie sehr, und doch hat sie uns beide lieber.

Wenn ich noch zwei Erzieh-Idiotismenwovon der eine ist, dass ich den Witz meines Zöglings so stark als seinen Verstand übte, der zweite dass ich lauter Autores aus Zeitaltern von unedlen Metallen mit ihm traktiertein einem Extrablatt werde gerettet haben: so gehen wir weiter in sein Leben hinein.

Extrablatt

Warum ich meinem Gustav Witz und verdorbne

Autores zulasse und klassische verbiete, ich meine

griechische und römische?

Ich muss vorher mit drei Worten oder Seiten beweisen, dass und warum das Studium der Alten niedersinke1 und dass es zweitens wenig verschlage.

Wir sind bekanntlich jetzt aus den philologischen Jahrhunderten heraus, wo nichts als die lateinische Sprache an Altären, auf Kanzeln, auf dem Papier und im kopf war und wo sie alle gelehrte Schlafröcke und Schlafmützen von Irland bis Sizilien in einen Bund zusammenknüpfte, wo sie die Staatsprache und oft die Gesellschaftsprache der Grossen ausmachte, wo man kein Gelehrter sein konnte, ohne ein Inventarium alles römischen und griechischen Hausrats und einen Küchen- und Waschzettel dieser klassischen Leute im kopf zu führen. Jetzt ist unser Latein Deutsch gegen das eines Camerarius, ders also nicht nötig gehabt hätte, seinen schmalkaldischen Krieg griechisch abzufassen; jetzt wird selten eine Predigt lateinisch, geschweige wie sonst griechisch geschrieben und kann Deutsche übersetzt werden. In unsern Tagen drängt keine Frau mehr ihren eingepuderten infulierten Kopf durch das klassische enge Kummet, wenn es nicht Hermes' Töchter tun. Dieses war meinem Leser noch eher bekannt als mir, weil ich jünger binso wie uns beiden auch das jetzige bessere Kommentieren, Rezensieren und Übersetzen der Alten bekannt genug ist. Nur wuchs mit dem Werte ihrer Verehrer nicht die Zahl dieser Verehrer; alle andre Wissenschaften teilen sich jetzt in eine Universalmonarchie über alle Leser; aber die Alten sitzen mit ihren wenigen philologischen Lehnleuten einsam auf einem S. Marino-Felsen. Es gibt jetzt nichts als Vielwisser, die alles gelesen haben, nur die Alten nicht.

Der Geschmack am geist der Alten muss sich so gut abstumpfen als der an ihrer Sprache. Ich behaupte nicht, dass man in den klassischen Papageien-Jahrhunderten diesen Geist besser fühlte als jetzt; denn Vossius hing am Lukan, Lipsius am Seneka, Kasaubon am Persius; ich sage nicht, dass damals ein Faust, eine Iphigenie, eine Messiade, ein Damokles geschrieben wurden wie jetzt. Allein ich rede vom jetzigen Geschmack des volkes, nicht des Genies.

Wenn der Geist der Alten in ihrem geraden festen gang zum Zweck bestand, in ihrem Hasse des doppelten dreifachen Manschetten-Schmucks, in einer gewissen kindlichen Aufrichtigkeit: so muss es uns immer leichter werden, diesen Geist zu fühlen, und immer schwerer, ihn in unsre Werke zu hauchen; mit jedem Jahrhundert müssen in unserm Stile die Ein-, Über- und Rücksichten mit unserm Lernen schimmernd wachsen; die Fülle unserer Komposition muss ihre Ründe verwehren; wir putzen den Putz an, binden den Einband ein und ziehen ein Überkleid über das Überkleid; wir müssen den weissen Sonnenstrahl der Wahrheit, da er uns nicht mehr zum ersten Male trifft, in Farben zersetzen, und anstatt dass die Alten mit Worten und Gedanken freigebig waren, sind wir mit beiden sparsam. Gleichwohl ist es besser, ein Instrument von sechs Oktaven zu sein, dessen Töne leicht unrein und ineinander klingen, als ein Monochord, dessen einzige Saite sich schwerer verstimmt; und es wäre ebenso schlimm, wenn jeder, als wenn niemand wie Monboddo schriebe.

Mit unserer Unfruchtbarkeit an Werken im alten Stil nimmt zugleich der Geschmack für diese Werke zu. Die Alten fühlten den Wert der Altennicht; und ihre Einfachheit wird bloss von denen genossen, von denen sie nicht erreicht werden, von uns. Ich denke, aus diesem grund: die griechische Einfachheit ist von der der Morgenländer, Wilden und Kinder2 nur durch das höhere Talent verschieden, womit das heitere griechische Klima jene Simplizität auszeichnete. Das ist die angeborne, nicht erworbene. Die künstliche erworbene Einfachheit ist eine wirkung der Kultur und des Geschmacks; die Menschen des 18ten Jahrhunderts waten erst durch Sümpfe und Giessbäche zu dieser Alpen-Quelle hinauf; wer aber droben bei ihr ist, verlässet sie nie mehr, und nur Völker, nicht einzelne können von Monboddos Geschmack zu Balzacs seinem herabfallen. Dieser erworbne Geschmack, den das junge Genie immer antastet und das bejahrte meistens bekennt, muss von Messe zu Messe durch die Übung an allem Schönen bei Einzelwesen empfindlicher und schärfer werden: die Völker selber aber verlieren sich jedes