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, u.s.w. Ihr Katechismus sei Plutarch und Feddersen (aber ohne seinen elenden Stil); d.h. keine Moralien, sondern Erzählungen darnachund noch dazu in keiner besonderen Stunde, sondern zur rechten, damit der Kopf meiner Kinder nicht ein Vokabelnsaal von Moralen, sondern ihr Herz eine durchglühte Rotunda der Tugend werde.

Da der blöde, enge, ängstliche Anstand der dümmste und unnatürlichste ist, so lehren Sie den Kindern den besten, wenn Sie ihnen keinen befehlen; von natur achten sie weder silberne Sterne noch silberne Köpfegewöhnen Sie ihnen dergleichen nicht ab.

Meine grösste Bitte istdie ich viele Jahre vorher drucken lassen –, dass Sie der spasshafteste Mann in meinem haus sind; Lustigkeit macht Kleinen alle wissenschaftliche Felder zu Zuckerfeldern. Meine müssen bei Ihnen durchaus nach ihrem Wohlgefallen scherzen, reden, sitzen dürfen. Wir Erwachsene ständen den abscheulichen Schulzwang unserer Abkommenschaft keine Woche aus, so vernünftig wir sind; gleichwohl muten wir es ihren mit Ameisen gefüllten Adern zu. Überhaupt: ist denn die Kindheit nur der mühselige Rüsttag zum geniessenden Sonntag des spätern Alters, oder ist sie nicht vielmehr selber eine Vigilie dazu, die ihre eigne Freuden bringt? Ach, wenn wir in diesem leeren niederregnenden Leben nicht jedes Mittel für den nähern Zweck (wie jeden Zweck für ein entferntes Mittel) ansehen: was finden wir denn hienieden? – Ihr Prinzipal (ein abscheuliches Wort!) hat sich auf seine Verlobung ebensosehr gefreuet als auf seine Hochzeit.

Spielender Unterricht heisst nicht, dem kind Anstrengungen ersparen und abnehmen, sondern eine leidenschaft in ihm erwecken, welche ihm die stärksten aufnötigt und erleichtert. Nun taugen dazu durchaus keine unlustigen Leidenschaften – z.B. Furcht vor Tadel, vor Strafe etc. –, sondern freudige; spielend würden alle Mädchen von Scheerau das Arabische erlernen, wenn ihre Liebhaber in keiner andern Sprache an sie schrieben als in dieser synonymischen. Hoffnung des Lobs ist es, das Kindern (das Lob äusserer Vorzüge ausgenommen) weit weniger schadet als Tadel und gegen welches sich keines, am wenigsten das beste, verstecken kann. Ich will Ihnen hier sagen, was mein eigner Hofmeister für Erzieh-Ränke anwandte: er nähte sich ein Zifferbuch; in diesem gab er jedem Glied seines Lyzeums (19 waren es) für jede Arbeit eine grosse oder kleine Zahl; diese Zahlen erwarben, wenn sie auf eine gewisse festgesetzte Summe gestiegen waren, einen Adel- und Fleissbrief, worauf man sein Lob mit nach haus nahm. Da Belohnungen kraftlos werden, die zu oft oder erst von weitem kommen: so setzte er auf diese geschickte Art den Weg zur entfernten Belohnung aus täglichen kleinen zusammen. Wir konnten ferner unsere Zahlen zusammensparen; und Kinder heftet nichts so sehr an Fleiss als ein wachsendes Eigentum (von Ziffern oder von Schreibbüchern). Solche Zahlen wegstreichen war Strafe. Er machte uns alle dadurch so fleissig, besonders mich, dass ich wenige Jahre darauf imstande war, eine Biographie zu schreiben, die noch jetzt gelesen wird.

Reden Sie mit meinen Lieben nie kurz, nie allgemein, sondern sinnlich, und erzählen Sie so ausführlich wie Voss seine Idyllen.

So hab' ich die Poussiergriffel und Formzeuge an meinem Gustav gebraucht, wahrhaftig nicht, um ihn seiner Lebensbeschreibung, die ich verfasste, sondern dem Leben anzupassen; ich wollt' aber, der Henker holte das Menschenherz, das für eigne Kinder nicht tun will, was es für ein fremdes tat.

Meine Töchter hingegen, werter Herr Hauslehrer, die ältern sowohl als die jüngern, geb' ich Ihnen nicht in die nämliche SchulstundeMädchen könnten mit Knaben ebensogut Schlafzimmer als Schulstube teilenund in gar keine. Ein Hofmeister, der Mädchen zu erziehen wüsste (und Sie könnens), müsste so viel Welt, so viel Weiberkenntnis, so viel Witz, so viel launige Gewandteit bei ebenso vieler Festigkeit besitzeninzwischen erzieht eine recht gescheite Gouvernante die meinigen: häusliche Arbeit unter dem Auge einer gebildeten Mutter.

Ehe ich diese geheime Instruktion beschliesse, merk' ich noch an, dass sie ganz unnütz isterstlich für Sie, weil ein Mann von Genie auch mit jeder andern Metode allmächtig bleibt, zweitens für den lahmen Kopf, weil er Kindern die Geisteskräfte, er mags machen, wie er will, wie ein alter Schlafgenoss einem jungen die körperlichen, stets auszehren wird. Ich habe überhaupt diesen pädagogischen Schwabenspiegel lange vor meinen Kindern in die Welt vorausgeschicktmitin gar nicht für Sie, sondern für ein Buch." –

Nämlich für dieses.

Um meinem Prinzipal zu zeigen, was ich in der Erziehung getan hätte, sagt' ich so: "Der Superintendent in Oberscheerau hat einen Wachtelhund, Hetz genannt, den er für keine Menagerie Schosshunde weggibt. Nun sollte man denken, der Mann, da er Beichtkinder, eigne Kinder und Weine und indianische Hühner genug hat, wäre gut daran; aber falsch: Hetz leidet es nicht. Denn sobald die Suppe auf dem Tische raucht: so umschifft Hetz den Tisch, springt in die Höheseine Schnauze liegt dann wasserpass in einer Ebene mit der Rehkeuleund billt und stochert mit dem kopf an jedes Knie so sehr, besonders ans geistliche, dass der Mann seines Orts wie in einem Fegefeuer fortschlucket und häufig nicht weiss, käuet er Zucker oder Salz. Es rettete ihn nicht, dass er oft den Hund selber anboll; die Radikalkur dagegen aber wäre bloss die, Hetzen nie einen Bissen zu geben. Er