durch echten Wein. Als nachher das Fünfeck nach haus hüpfte und diese fünf törichte Jungfrauen als fünf kluge, wiewohl mit der wasser-Pletora, heimzogen, so sagt' er: "Bei meiner Seele! so etwas sollte man drucken lassen." – – Und wahrhaftig, hier lässt man es ja drucken. –
Ich möchte gern von diesem Hoppedizel, eh' ich und der Leser aus seinem haus ziehen, ein Medaillon, eine Abschattung zum Andenken mit uns nehmen; aber es grauet mir vor der Arbeit – lieber bossier' ich alle Charaktere dieses Werkchens in Papier oder Wachs als diesen Mann. Sein Charakter besteht aus hundert kompilierten Charaktern, seine Kenntnisse aus allen Kenntnissen, sein Scharfsinn aus Skeptizismus, seine Laster aus Stoizismus, seine Tugend aus einem System über die Tugend und seine Handlungen aus Schnurren, Schnacken und Charakterzügen.
Dennoch oder demnach liebte ihn der Rittmeister, weil er ihn oft sah (er war fast jedem gram, der ihn nicht besuchte) und weil beide lustig waren und weil hundertmal Menschen einander lieben, ohne dass ein Teufel weiss warum. Falkenberg hätte sich für jeden Freund, selbst für den, der ihn erst berückt hätte, mit dem Behemot selber geschossen – aus Ehre und Guterzigkeit; der Professor hingegen zog reine Moral, gleichsam als reine Matematik, der angewandten weit vor und handelte selten. Man erinnert sich daher gern an seine schöne Selbständigkeit in grundsätzen, die er einmal in Auental als Gast bewies, da nachts um 12 Uhr statt des Rittmeisters aus dem aufgetürmten Schnee bloss der leere Gaul heimkam. – Ein andrer, z.B. der Rittmeister selber, wäre auf demselben Gaule aufgesessen und hinausgeritten, um den Ausgebliebenen zu suchen und zu retten; allein der Professor schneuzte nett das Talglicht und setzte sich an die trostlos fortweinende Ehefrau – welche schon früher bei einem blossen kurzen Verspäten in jeder Nacht sich abängstigte, ob sie gleich an jedem Morgen darauf sich ausschalt – und sagte mit Fassung zu ihr: "sie möge nur weinen, so viel sie wolle, er erlaub' es gern; es schade wenig, erleichtere vielmehr das Herz; und wasche dabei die Augäpfel ab und breche zu heftiges Licht; die übrigen Tränen müssten ohnehin durch die Nasenhöhle in den Schlund und Magen sickern und dem Verdauen helfen; ihren Mann aber anbelangend, so könne das Schlimmste, was ihm zugestossen, ohnehin nur sein, dass er erfroren wäre; er kenne aber halb aus Erfahrung kein sanfteres Sterben als das aus Kälte – denn es sei im grund so viel, als werde man gehenkt oder ersäuft; denn man sterbe am Schlagfluss."
Aber, wie gesagt, der Rittmeister liebte und verliess ihn doch.
Funfzehnter Sektor oder Ausschnitt
Der funfzehnte Sektor oder Ausschnitt
Vor der Abreise gab ich allen, besonders der Residentin von Bouse, die geborgten Musikalien zurück; und dieser, die mir so viel aus Italien geliehen, lieh ich noch etwas Bessers aus Deutschland, meine Schwester Philippine nämlich: diese soll da die kleine Tochter der Residentin bilden helfen; aber sie wird unter den zarten Fingern einer solchen talentvollen Dame selber mehr gebildet werden, als sie bildet. Möge sie da nur nie ihr rasches, zitterhaftes, scherzendes und doch fehlendes Herz zu einem koketten umsetzen! Möge sie ihrer Laura (eben der Tochter der Residentin) das Joch der koketten Erziehung lüften, da das arme Kind beständig unter der Glasglocke des Fensters schmachtet, den Leib unter der Bettdecke in 4 Lot Fischbein einkeilt, die Händchen auch wieder nachts in die Handschuh-Hülsen sperret und das Köpfchen mit einem Blei an Haaren rückwärts gewöhnt. Bekanntlich lebt die Mutter, die Residentin, eine halbe Stunde von der Stadt zu Marienhof, im sogenannten neuen Schloss, das mit einem alten zusammenstösset, welches, glaube' ich, vermietet ist.
..... Aber zu meinem Gefolge in dieser Lebensbeschreibung stossen mit jedem Bogen, sehe' ich, mehr Leute und machen mir das Lenken und Schwenken sauerer. Ich wollte lieber, ich wär' ein Reichstand und hätte Millionen zu regieren – und einzunehmen – als hier dieses fatale Menschen-Siebeneck, das mit Mühe in die rechten Ausschnitte zu treiben ist und worunter ich selber der widerhaarigste bin. Denn mir, als blossem Lebensbeschreiber, stehen weder Reichskammergericht noch Exekutiontruppen gegen mein Siebeneck bei; wär' ich aber ein Reichstand, so täten sie schon manches – versprechen.
Unsern Abschiedwagen in Scheerau umgab die lustige Kälte des Professors – das arbeitsam Geschrei seiner Stoikerin – das zärtliche Lächeln des Pestilenziarius mit Iltisschwänzen – das gute Herz seines Söhnchens, das kaum mit Lügen von Gustav abzuschneiden war – und meine dankbaren Erinnerungen an unsichtbare Stunden, an geliebte Menschen und an alle meine Schülerinnen – – O dass doch der Mensch hier so viel vergehen sieht, eh' er selber vergeht.
Unterweges weinte Gustav im Wagen immerfort in unsere Gedankenstille hinein; aber der Alte, dem doch selber das Herz so leicht zerläuft, wurde endlich darüber toll und sagte zu mir: "Ich sehe immer mehr, dass mir ihn der Herrnhuter" (er meinte den Genius) "zu einer Milchsuppe eingerührt hat; und wenn Sie ihn nicht, Herr Hofmeister, ein bisschen kernhaft machen, so wird einmal ein weinerlicher Soldat herauskommen, der kaum zu einem Feldprediger taugt; denn auch der muss manchmal sich auf einen Kernfluch verstehen." –
Den Herrnhuter brachte er im kopf nach dem Städtchen Issig, als folgendes Selbgespräch vor unserem Wagen vorbeiging: "Ich bin ein Esel