alles, besudelte alles, kompromittierte jeden, verzieh jedem und zuerst sich. Im Winterquartier des Rittmeisters waren die ölfarbigen Tapeten (Elle zu 24 Gr.) eine spanische Wand zwischen des Rittmeisters leerem Raum und zwischen der Wanzen Wandspalten; der Ofen war gut, aber wie der Babylonische Turm ohne Kuppel; die Zimmerdecke drohte (wiewohl gleich manchen Tronhimmeln schon lange ohne Schaden) einzubrechen und den grössten Philosophen die Köpfe einzuschlagen, die von Stein auf dem Spiegeltische standen. Er hatte oft darum wenig Zarteit für die Leute, weil er sich darauf verliess, dass sie deren zu viele hätten, um die Unsichtbarkeit der seinigen zu rügen – in Unterscheerau machen wirs nicht anders. Aber nun kommt der Zufall, der uns alle eher daraus wegtrieb.
Der Professor hatte nämlich, wie die meisten Leute, keinen Geschmack in Möbeln; am liebsten stellte er die besten unter die elendesten, die feinste Pissvase unter ein Grossvaterbett und gegenüber einem sandigen Waschgefäss, eine geputzte Livree seines Bedienten hinter versäumten Anzug seiner Kinder u.s.w. Nun beging er allemal einen Friedensbruch an seiner Frau dadurch, dass er nie leer heimkam; er hatte immer etwas erhandelt, das nichts taugte; er hatte die Schwachheit unzähliger Männer, sich weiszumachen, er verstände die Haushaltkunst so gut wie die Frau, wenn er nur anfangen wollte – Sachen, die man lange treiben sieht, glaubt man zuletzt selber treiben zu können – Sie hatte die Schwachheit unzähliger Weiber, sich vorzuschmeicheln, der Eheherr sei ein wahrer Ignorant im Haushalten und könn' es nicht einmal erlernen, wenn er auch wollte. "rede' ich in deine Büchersachen auch?" fragte die sehr grob verkörperte Professorin. Man konnte' es also bei jeder Möbelversteigerung oder auf jedem Jahrmarkt in einer Kalenderpraktika neben den Kriegen der grossen Herren prophezeien, dass hier ein kleiner zwischen dem Ehepotentaten und der andern feindlichen Macht ausbrechen werde; weil diese seinen Kommerzien-Traktat nicht leiden konnte; das Ehepaar feierte dann seine olympischen Spiele der Zunge und hände und konnte die Zeitrechnung der Ehe nach diesen Olympiaden abteilen.
Weiter! Unser neue Regent liess – da das Volk in Italien den Palast des verstorbnen Papstes und Doge gratis erhält – die Möbeln seines Herrn Vaters um Weniges versteigern; er tats wie alle Kronprinzen aus achtung gegen ihn, damit das Volk ein Andenken vom Seligen, wie das römische die Gärten von Cäsar, erben könnte. Der Professor wollte auch erben und erstehen. Er bot also zum Besten des Rittmeisters, in dessen Zimmer die Kommode, der Spiegel und die Sessel jämmerlich waren, nicht auf diese drei Dinge, sondern auf drei benachbarte – auf zwei schöne Bronze-Vasen mit Ziegenköpfen und Myrtenblättern für die elende Kommode, auf einen gerad- und spitzbeinigen Spiegeltisch unter den elenden Spiegel, auf eine prächtige Bergere zwischen die elenden Sessel. Es wurde ihm zugeschlagen. Sein erstes Wort, als er aus dem Auktionzimmer in seines trat, war an seine Frau: "Ist der Rittmeister droben? – Ich hab' schöne Dinge für ihn erstanden." jetzt sang sie schon den ersten Vers ihres Kriegliedes, ohne ein Kaufstück noch zu kennen. Er nannte ihr keines; denn er hatte das grösste Unglück eines Ehemannes, nämlich Verachtung gegen seine Frau, so wie sie hingegen ihm gegen alle Menschen, sogar gegen die besten, beitrat, ausser gegen sich nicht. Unter dem Abholen der Kaufstücke antwortete er auf den ersten Vers des Krieggesanges und nannte doch keines; und so antiphonierten sie bloss. Endlich wurden die Ziegenköpfe und Spitzbeine ins Haus gesetzt. Da ging das Krieggeschrei los: "Das ist dumm, dumm, dumm! Ei du dummer Mann du! das Zeug! den Bettel! wo waren heute deine fünf Sinne? Ich bezahle keinen Deut." (sie war ohnehin nie Kassierer) "Und so teuer! Aber wenn man Kinder und Narren zu Markt etc." Er sagt ganz kalt: "Lasse nur nichts drankommen und schaff es hinauf zum Rittmeister, mein Schatz!" Sie gehorchte den Augenblick; ging aber in seine stube und öffnete alle Schleusen ihres rauschenden Zorns. Spät unter diesem Rauschen sagt' er endlich drohend: "Du weisst, Frau! ...." Nun wurde in ihrem mund aus dem Wind ein Sturm. Er war kein Mann, den Zorn oder irgendeine leidenschaft fortrissen, sondern ein echter Stoiker war er und immer bei sich; daraus lässt sichs erklären, warum er, da Epiktet und Seneka Stoikern den verbotnen inneren Zorn durch den äussern Schein desselben zu ersetzen raten, um die Leute zu bändigen, sich sogar dieses zornigen Scheins befliss und gelassen seine Faust petrifizierte und diesen Knauf als eine Leuchtkugel auf diejenigen Gliedmassen seiner Gattin warf, die ohne Licht in der Sache waren. Dieser stumpfe Wilsonsche Knopfableiter ihres Zorns zog erst die grössten beredten Funken aus ihr hervor; und in der Tat ist es in der Ehe wie in den alten Republiken, die (nach Homes Bemerkung) nie grössere Redner trugen als in stürmenden kriegerischen zeiten. Er machte das Sinnliche bloss zum Fahrzeug des Geistigen und begleitete seine Hand mit ausgewählten Bruchstücken aus Epiktets Handbuch: "Ich bin wahrlich ganz bei mir;" (sagt' er) "aber du schreiest gar zu sehr, wenn ich mich nicht dreinschlage." Sein weltlicher Arm bewegte sich auf ihr fort. "Ich fahre immer fort" (fuhr er fort) – "inzwischen danke Gott, dass dein Mann so viel Gelassenheit hat, dass er alles