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dem Verfasser, der in einem für ihn noch jugendlichen Alter schrieb, bei seinen zu häufigen Grablegungen und seinen Nachtstücken der Vergänglichkeit in diesem Werke zugute. – Indes ist hier eben eine nicht zu furchtsame Rechtfertigung notwendig; denn da wir doch einmal alle in der immer vernichtenden und vernichtet-werdenden Zeit fortschwimmen und wir auf den kleinen Gräbchen jeder Minute in das grosse der letzten Stunde steigen müssen: so kann hier kein scheues Seitwärtsschielen der Poesiewas etwa bei Übeln gelten könnte, die nur einzelne und nur zeitweise ergreifen –, sondern bloss ein tapferes Aufwärtsschauen dichterisch und erquickend werden. Die Poesie mache nur keck die Erdgruft auf, aber sie zeige auch, wie sie zwischen zwei Halbhimmeln liegt und wie wir aus dem zugedeckten uns dem aufgedeckten zudrehen. – Und wenn wir nur als spielende Eintagmücken, eigentlich Einabendmücken in den Strahlen der untergehenden Sonne uns sonnen und dann senken: so geht nicht bloss die Mücke, auch die Sonne unter; aber im weiten Freien der Schöpfung, wo kein Erdboden sich dazwischenstellt, haben Sonnen und Geister keinen Untergang und kein Grab.

Und so mögen denn diese zwei Mumien, weniger mit neuen Gewürzen zur Fortdauer einbalsamiert als hie und da mit den Zeichen-Binden anders eingewikkelt, sich wieder der frühern Zuziehung und Einladung zu den Gastmahlen der Leser zu erfreuen haben! Und die dritte oder Schlussmumie soll nachgeschickt werdenals die dritte Parze im schönen griechischen Sinne –, wenn nicht den Mumien-Vater selber vorher das Schicksal zur grossen Mumie macht. Also im einen und im andern Falle kann es an einer dritten Schlussmumie nicht fehlen.

Baireut den 24ten Jun. 1821.

Jean Paul Fr. Richter.

Fussnoten

1 Es steht am Ende des zweiten Bandes der Loge; wurde aber früher als diese gemacht; und das Schulmeisterlein zog denn als Logemeister und Altmeister und Leitammel meinen romantischen Helden Gustav, Viktor, Albano etc. voran. 2 Ovid. Metamorph. VI.

Vorredner

in Form einer Reisebeschreibung

Ich wollte den Vorredner anfangs in Sichersreut oder Alexandersbad bei Wonsiedel verfertigen, wo ich mir das Podagra wieder in die Füssen hinunterbaden wollte, das ich mir bloss durch gegenwärtiges Buch zu weit in den Leib hinaufgeschrieben. Aber ich habe mir meinen Vorredner, auf den ich mich schon seit einem Jahre freue, aus einem recht vernünftigen grund bis heute aufgespart. Der recht vernünftige Grund ist der Fichtelberg, auf welchen ich eben fahre. – Ich muss nun diese Vorrede schreiben, damit ich unter dem Fahren nicht aus der Schreibtafel und Kutsche hinaussehe, ich meine, damit ich die grenzenlose Aussicht oben nicht wie einen Frühling nach Kubikruten, die Ströme nach Ellen, die Wälder nach Klaftern, die Berge nach Schiffpfunden, von meinen Pferden zugebröckelt bekomme, sondern damit ich den grossen Zirkus und Paradeplatz der natur mit allen seinen Strömen und Bergen auf einmal in die aufgeschlossene Seele nehme. – Daher kann dieser Vorredner nirgends aufhören als unweit des Ochsenkopfs, auf dem Schneeberg.

Das nötigt mich aber, unterweges mich in ihm an eine Menge Leute gesprächsweise zu wenden, um nur mit ihm bis auf den Ochsenkopf hinauf zu langen; ich muss wenigstens reden mit RezensentenWeltleutenHolländernFürstenBuchbindernmit dem Einbein und der Stadt Hofmit Kunstrichtern und mit schönen Seelen, also mit neun Parteien. Es wird mein Schade nicht sein, dass ich hier, wie es scheint, in den Klimax meiner Pferde den Klimax der Poeten verflechte .....

Der Wagen stösset den Verfasser dermassen, dass er mit Nro. 1, den Rezensenten, nichts Vernünftiges sprechen, sondern ihnen bloss erzählen will, was sein guter grauer Schwiegervater begehtnämlich alle Tage seinen ordentlichen Mord und Totschlag. Ich geb' es zu, viele Schwiegerväter können hektisch sein, aber wenige sind dabei in dem Grade offizinell und arsenikalisch als meiner, den ich in meinem hausich hab's erst aus Hallers Physiologie T. II. erfahren, dass Schwindsüchtige mit ihrem Atem Fliegen töten könnenstatt eines giftigen Fliegenschwamms mit Nutzen verbrauche. Der Hektiker wird nicht klein geschnitten, sondern er gibt sich bloss die kleine Mühe, den ganzen Morgen statt einer Seuche in meinen Stuben zu grassieren und mit dem Schirokkowind seines phlogistischen Atems aus seiner Lunge der Fliegen ihre anzuwehen; aber die Rezensenten können sich leicht denken, ob so kleine Wesen und Nasen, die sich keinen antimephitischen Respirator vom Herrn Pilatre de Rozier applizieren können, einen solchen abscheulichen Schwaden auszuhalten fähig sind. Die Fliegen sterben hin wieFliegen, und statt der bisherigen Mücken-Einquartierung hab' ich bloss den guten giftigen Schwiegervater zu beköstigen, der mit ihnen auf den Fuss eines Mücken-Freund-Hein umgeht. Nun glaube' ich, den ordentlichen guten Rezensenten einem Schwiegervater von solchem Gift und Wert gleichsetzen zu dürfen; ja ich möchte jenen bei der Hand anfassen und, auf den grassierenden Phtisiker hindeutend, ihn anfeuern und fragen: "ob er nicht merke, dass er selber gar nicht zu verachten sei, sondern dass erwenn der Hektikus, mit seinen Lungenflügeln das feinste und nötigste Miasma unter die Fliegen wehend, ein edles seltenes Glied in der naturhistorischen Welt vorstelleein ebenso nützliches in der literarischen ausmache, wenn er, in der Gelehrtenrepublik auf- und abschleichend, das summende Insektengeflügel mit seinem ätzenden Atem so treffend anhauche, dass es krepiere wie eine Heuschreckenwolke –; ob er dieses und noch besseres, möchte' ich den Rezensenten fragen, nicht merke und nicht daraus schliesse, dass der Vorredner