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sei hier an seiner Stelle, er interessiere durch sein air de reveur stärker, als man sich selber die Rechenschaft zu geben wisse, und man würde ihn, sobald er für diese Zimmer gross genug wäre, dem Vater mit 13000 Rtlr. Handgeld abkaufen": so war der Rittmeister ausser sich, oder vielmehr aus seiner Bitte; seine Bittschriften wurden Dankadressen; sein Wunsch war, dass ich schon acht Jahre Hofmeister bei ihm gewesen wäre; seine Hoffnung war, das Geld komme nach; und der wahre Vorteil war, dass der Sohn ins beste deutsche Kadettenhaus käme.

Man tut mir keinen Gefallen, wenn man ihn auslacht. Freilich schwur er auf seinem schloss, "Hofleuten traue er keine Hand breit und die ganze Nation stink' ihn an"; hingegen solchen Hofleuten, mit denen er gerade zu tun hatte, traut' er mehrallein militärische Unwissenheit der Rechte ist bei ihm an vielem schuld; wie soll er als Soldat wissen, dass ein Fürst zu keiner Bezahlung verbunden ist? – Vielleicht ist es nicht einmal allen Lesern so bekannt, als sie vorgeben werden. Ein Regent braucht aus drei Gründen nicht einen heller zu bezahlen, den er seinen Landeskindern abgeliehen (borgte sein Herr Vater: so versteht sichs von selber). Erstlich: ein Gesandter, er sei vom ersten oder dritten Rang, stiesse die ältesten Publizisten vor den Kopf, wenn er seine Schulden abtrüge; nun kann er, der ja der blosse Repräsentant und die abgedrückte Schwefelpaste des Regenten ist, unmöglich Rechte haben, die dem Urbilde abgehen, folglich wird nicht bezahlt. Zweitens: der Fürst istoder wir dürfen unsern akademischen Nachmittagstunden kein Wort mehr glaubender wahre summarische Inbegriff und Repräsentant des Staates (wie wieder der Envoyé ein Repräsentant des Repräsentanten ist oder ein tragbarer Staat im kleinen) und stellet folglich jedes Staatsglied, das ihm einen Kreuzer leihet, so vor, als wenn er es selber wäre; mitin leihet er sich im grund selber, wenn ein solches zu seinem repräsentierenden Ich gehöriges Glied ihm leihet. Gut! man gesteht es; aber dann gestehe man auch, dass ein Fürst sich so lächerlich machen würde, wenn er seinen eignen Landeskindern wieder bezahlen wollte, als sich der Vater des Generals Sobouroff machte, der die Kapitalien, die er sich selber vorstreckte, sich ehrlich mit den landesüblichen Interessen heimzahlte und sich nach dem Wechselrecht bestrafte. Woher käm' es denn als aus der Verwandtschaft mit dem Trone und dessen Rechten, dass sogar Grosse im Verhältnis ihres Standes und ihrer Schuldenmasse fallieren dürfen? Oder warum ist ein gerichtliches Konsens- oder Hypotekenbuch der richtigste Hofadresskalender oder almanac royal? –

Drittens: der geflickteste Untertan kann sich von seinem Fürsten Anstandbriefe oder Moratorien verschaffen; wer soll sie aber dem Fürsten geben, wenn er es nicht selber tut? Und tut er es Gewissens halber nicht: so kann er sich doch wenigstens alle fünf Jahre ein erneuertes Quinquennell bewilligen.

Einen vierten Grund wüsst' ich aber nicht.

Fussnoten

1 Im Scheerauischen war damals, wie in noch einigen Staaten, den Untertanen alle Trauer verboten.

Vierzehnter Sektor

Eheliche Ordalienfünf betrogene Betrüger

Einen Hofmeister hatte Falkenberg also jetzt und die Hoffnung der 13000 Rtlr. und eine Kadettenstelle für seinen SohnRekruten braucht' er nur noch. Auch diese führte ihm und seinen Unteroffizieren der Maulwurfs-Moloch Robisch reichlich zu; ich weiss aber nicht, was die Kerle wollten, dass sie, wenn Robisch seinen Kuppelpelz und sie ihr militärisches Patengeld hattenmit letztem meistens davongingen. Im Maussenbacher Wald fielen Diebe den Transport an, und nach dem Ende der Schlacht waren Feind und Transport vom Schlachtfelde geflohen. Den Rittmeister drückt' es sehr, weil er, der für sich und seine Familie nicht die nützlichste Ungerechtigkeit beging, zuweilen auf dem Werbplatz eine kleine verstattete.

Dem stillen Gustav machte der laute Stadtwinter die längsten Stunden. Er sah keine weisse Kopfbinde und kein schwarzes Lamm vorbeitragen, ohne auf einem Seufzer hinüber zu seinem zauberischen Wall und unter seine Sommerfreuden zurückzufliegen. Wenn ihn die ungezogne Nachkommenschaft Hoppedizels für dumm hielt, weil er nicht listig, für stolz, weil er nicht laut war: so stillte er das Bluten seines inneren, das verlacht und geneckt wurde, mit dem Gedanken an die Menschen, die ihn geliebt hatten, an seinen Genius und an seine Schäferin. Um seinen Amandus hätt' er so gern eine andere als Hoppedizelische Nachbarschaft gehabt, so gern die Fluren und den freien Himmel seiner Heimat! – Er liebte das Stille und Enge neben sich und das Unermessliche in der natur. O wenn du bei mir bist, Trauter, wie will ich dich schonen und lieben! Dein Auge soll nie trübe neben meinem Lehrstuhle werden, dein Herz nie schwer! Du zarte Pflanze sollst nicht mit einschneidendem Bindfaden um mich wie um eine richtende Hopfenstange geschnüret sein, sondern mit lebendigen Efeuwurzeln sollst du selber mich als etwas Lebendiges umfassen!

Überhaupt hatte man im Hoppedizelischen haus ein verdammtes Hundeleben, wie ich selber oft sah, wenn ich und der Hausherr einander über die ersten Prinzipien der Moral bloss moralisch bei den Haaren hatten: denn alles hatte da einander dabei, aber physisch, ein Hund den anderndie Knaben die Mädchendie Dienerschaft einanderdie herrschaft die Dienerschaftder Professor die Professorin, wovon ein merkwürdiges Faktum abgedruckt werden sollund alle diese einander wechselseitig nach der Vermischrechnung. – Zum Unglück hatte Hoppedizel nie achtung für irgendeinen Menschen (mitin Verachtung auch nicht);er borgte