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nichts daraus mit (so wie aus Bologna und aus einigen deutschen Reichsstädten) als die schwarze juristische Kleidung, die ihren Grund hat; denn da unsere Klienten uns ernähren und bezahlen und mehr Recht und Not als Geld behalten: so trauern wir Patronen um sie schwarz; hingegen bei den Römern legten die Klienten, die mehr bekamen als gaben, für den Patronus, wenn es ihm schlimm erging, Trauerkleider an.

Zweitens war ich Klaviermeister, aber vielleicht kein gesetzter; denn ich verliebte mich im ersten Quartal in alle meine Schülerinnen (für Schüler dankte ich) und richtete mich nach meinen Stunden mit meinen Empfindungen. Ich hegte wahre Zärtlichkeit, erstlich gegen eine Dame von Rang, die ich nie kompromittieren werdezweitens gegen ihre Schwester, eine Äbtissin, weil sie Generalbass bei mir lerntedrittens gegen ***viertens gegen die Hofkaplänin, die zwar hektisch, aber geschmackvoll ist und die eher zu viel als zu wenig Zieraten an (nicht auf) dem Klaviere liebte und es auf das schönste wichste, überzog und aufstelltefünftens in die Residentin von Bouse, die gar nicht einmal die Sache weiss und an deren Hüften und Reizen ich ordentlich vor Bewunderung dumm wurde, bis ich zum Glück ihre allgemeine Koketterie und ihre Untreue gegen ihren InkognitoLiebhaber verspürtesechstens in den ganzen Scheerauer Hof, wo ich nach dem Recht der toten Hand den Empfang einer lebendigen Hand, die eine Schülerin der meinigen werden wollte, für eine Investitur zum ganzen Herzen und Vermögen ansahsiebentens sogar in ein wahres Kind, in Beata (die obgedachte Tochter von Röper), für welche ich alle Wochen einmal bei schlechtem Wetter und ebenso schlechtem Honorar aufs Land lief und bei der an gar nichts anders zu denken war als an Liebekurz in alles, in Laubknospen, Blütknospen, Blüten und Früchte verschiesset sich ein Mensch, der ein Klaviermeister ist.

Nun kommt der Weltmann. Ich kann mich zwar meinen Lesern (wovon ich mir die Volkmenge und richtigere Tabellen wünschte) nicht persönlich zeigen; aber die Scheerauer, denen dieses Blatt vorkommt, werden hier aufgefordert, ihre Gedanken zu sagen und abzuurteln, ob ein Mann, der der grossen Welt täglich drei Klavierstunden gibt, mehr ihr Lehrer als ihr Schüler ist. Anstand, gang, geschmackvoller Anzug, Attitüden, steilrechte, waagrechte und quere, sind zwar nicht die geforderten Vorzüge des Autors, obwohl des feinen Gesellschafters, und können nicht gedruckt werden; aber ich verfechte nur so viel: bloss an einem hof lernt mans, zumal bei einigem Einfluss, und wenn man mitspielt, es sei am L'hombretisch oder am Klaviertisch1, der, wie manche Brust am hof, unter der stummen Holzplatte ein holdes Saitenspiel verbirgt. Wenn man freilich wieder in seinem Museum auf- und abgeht, unter grossen Büchern und grossen Männern, begleitet von der ganzen republikanischen Vergangenheit, emporgerichtet zur tiefen Perspektive der unendlichen Welt hinter dem grab: so verachtet selber der Inhaber seine Konchylien-Vorzüge; er fragt sich: gibt es nichts Bessers als über seinen Körper (anstatt über Leidenschaften) Herr zu sein und ihn so leicht zu tragen wie nach den drei ersten Gläsern Champagnerseinen Ton in den allgemeinen Ton hineinzustimmen, weil an Höfen und Klavieren keine Taste über die andre hinausklingen darfauf dem dünnen schaukelnden Brette der weiblichen Launen so fliegend wegzueilen, dass unsere Tritte die Schwankungen bloss begleitenschön zu tanzen und zu gehen, soweit es mit einem langen Bein tunlich ist (denn freilich wenn ein Klaviermeister mit einem Kurzbein zu kämpfen hat: so mag der Henker auf beiden so zierlich aufstehen wie der Prinz von Artois) – kurz allen Verstand zu Narrheit zu sublimieren, alle Wahrheiten zu Einfällen, alle Kraftgefühle zu pantomimischen Nachäffungen? – – Nichts Bessers, fragt der Läufer im Museum, gibt es? –

Etwas viel Bessers gibts: ein Informator zu werden in Auental bei so einem Himmel-kind, wie Gustav ist, und den ganzen Spuk drucken zu lassen. –

Fussnoten

1 Ich meine ein in die Gestalt eines Tisches verstecktes Klavier.

Dreizehnter Sektor

Landestrauer der SpitzbubenScheerauer Fürst

fürstliche Schuld

Der Kronprinz, auf dessen Zahlen der Rittmeister wartete, war noch auf der ausländischen Kunststrasse, von der er auf den Tron wie auf einen Turm hinauffuhr. drei arme Spitzbuben hielten ihren Einzug noch früher als er. Es kann erzählet werden: Seitdem tod des Höchstseligender Papst ist der Allerseligstewurde eine Kirche um die andre im Scheerauischen nicht ausgestohlen, sondern ausgekleidet; die Kirchendiebe schälten bloss das Landtrauertuch, das unsere Kanzeln und Altäre anhatten, wieder ab. Die Kirchner und Kantores fanden alle Morgen skalpierte heilige Stätten, und die Pfarrer mussten darin stehen in dem Frühgottesdienst. Nun hatte neulich der Geldgreifgeier, Kommerzien-Agent Röper, in der Maussenbacher Kirche Altar und Kanzel am Busstage mit einem Frack von schwarzem Tuchbuntes war ihm nicht heilig und wohlfeil genugübersohlen lassen. Diese schwarze Emballage blieb daran als Landtrauer. Der alte Röper hatte mitin wenig Schlaf mehr, weil er besorgte, die Kirchen-Greifgeier zögen dem Maussenbacher Altar das Ehrenkleid aus und nähmen nähten Schuldschein mit, welcher besagte, wer alles hergeschenkt. Sein Gerichtalter Kolb, dem ein Diebfang Zobelfang und Perlenfischerei ist, umgab daher die Kirche mit allerlei Falkenaugen; es wäre auch nichts gewesen, wenn nicht der Falkenbergische Bediente Robisch am Sonntage abends, sobald die Kirche zugeschlossen war, zum Schulmeister gesagt hätte: "er solle sie zulassen, er habe die Kirchleute gezählet