Empfindung der Liebe kämpft mit solchen bittersüssen Sonderbarkeiten. Amandus gestand oft, noch immer wandle ihn, wenn er jemand unrecht getan, mitten in seiner Kränkung darüber die Neigung an, fortzubeleidigen, um sich selber so weit fortzukränken, dass er endlich vor Schmerz sich mit der heissesten Liebe ans versehrte fremde Herz werfen müsste. Aber, o lieber Amandus! wenn gerade ein Pädagog in Gestalt einer Moral die Tür aufgemacht hätte! –
Man muss niemals glauben, als wollt' ich hier persönlichen Groll an sämtlichen Hofmeistern auslassen: denn erstlich hatte' ich gar niemals einen Hofmeister, zweitens war ich selber einer und ein rechter.
Zwölfter Sektor
Konzert – der Held bekommt einen Hofmeister von
Ton
Ich habe mich in einen neuen Ausschnitt begeben, weil ich darin dem Leser eine neue person zu präsentieren habe – den Hofmeister meines Helden.
Ich brauche keinen Menschen daran zu erinnern, dass der Rittmeister ein so närrisches, bald zu gefügiges, bald zu sprödes, moralisierendes, mutloses Ding, als ein Informator ist, in Scheerau suchte, damit sein Kind zu gleicher Zeit mit dem land einen Regenten bekäme. Nun hatte' er eine Pate da, welche advozierte, musizierte, badinierte, lorgnierte und Welt hatte; aber er hatte nicht den Mut, ihr in einem Pädagogium, dessen Schuljugend auf einen Mann belief, die Lehrstelle anzutragen. Ich will es nur heraussagen, dass ich selber diese Pate und diese neue person bin; aber es wird meiner Bescheidenheit mehr zustatten kommen, wenn ich mich in einem Sektor, wo ich so viel zu meinem Lobe vorbringen muss, aus der ersten person in die dritte umsetze und bloss sage Pate, nicht ich.
Diese Pate blies im Unterscheerauer Konzert, um mit der Flöte in die Sphärenstimme eines sehr jungen Fräuleins von Röper zu spielen, dessen Kehle sich oft dieses Mädchens ist ein Nachtigallton unter Blütenüberhang; der Leib desselben ist eine fallende himmelreine Schneeflocke, die nur im Äter dauert und auf dem Kot des Bodens zerläuft. Dem Flötenisten fiel während den Pausen ein schönes, in phantasierende Aufmerksamkeit verlornes Kind in die Augen und auf das Herz: Gustav war es. Der erste blick nach der Begleitung war auf die Nachbarschaft des Kindes, um den Eigner desselben zu finden – der erste Schritt, den die Pate tat, war zur andern Pate, zum Rittmeister, dessen Freundschaft mit mir bekannt genug ist. Das männliche Geschlecht ist glücklicher und neidloser als das weibliche, weil jenes imstande ist, zweierlei Schönheiten mit ganzer Seele zu fassen, männliche und weibliche; hingegen die Weiber lieben meistens nur die eines fremden Geschlechts. Ich hab' aber vielleicht zu viel Entusiasmus für die erhabne männliche Schönheit, so wie für poetische Schwärmerei, ungeachtet ich wenigstens letzte selber nicht habe. Aus Gustav wirkte die doppelte Zauberei auf mich, ich vergass alle Zauberinnen des Konzerts über den Zauberer; aber ich ward am Ende traurig, dass ich dem Schönen mehr Blicke als Worte abzuschmeicheln vermochte. Auf das Konzert gab ich, gleich andern Zuhörern, ohnehin nur so lange acht, als ich selber ein Mitarbeiter war oder als eine meiner Schülerinnen spielte; denn die Scheerauer Konzerte sind bloss in Musik gesetzte Stadtgespräche und prosaische Melodramen, worin die Sesselreden der Zuhörer wie gedruckter Text unter der Komposition hinspringen. übrigens unterzeichnen wir auf unsere Konzerte mehr unserer Kinder als unserer selber wegen; die musikalische Schuljugend bekommt darin einen Tanz- und Tummelplatz ihrer Finger, und von meinen artistischen Katechumenen kantschuet wöchentlich wenigstens einer den Flügel. Ich frische die Eltern dazu an und sage, in einem solchen Konzertsaal lernen die Kleinen Takt, weil da nicht nur genug, sondern auch überflüssig Takt ist, indem jeder dasige Musikoffiziant seinen eignen originellen pfeift, hackt, streicht, stampft, den erstlich kein anderer neben ihm pfeift, hackt, streicht, stampft und den er zweitens selber von Minute zu Minute umbessert. "Und wenn auch das nicht wäre," sag' ich, "so ist doch wahrer musikalischer Ausdruck im Überfluss da; jeder drückt darin seine Empfindungen, die der Verlegenheit, des Erstarrens, auf seinem Instrumente aus; und Bachs Regel, Dissonanzen stark und Konsonanzen schwach vorzutragen, weiss in einem saal jeder, wo die Konsonanzen so sanft eingeschmolzen werden, dass man fast keine hört und nur die Dissonanzen zu vernehmen meint."
Am andern Morgen flog ich unfrisiert zum Rittmeister und – da ich den guten Kleinen um keinen niedern Preis erhalten konnte – brachte ihn ganz ans erste Ziel seiner Reise hinan, nämlich das, einen Hofmeister mitzubekommen. Man muss nicht denken, dass ich Informator geworden, um Lebensbeschreiber zu werden, d.h. um pfiffigerweise in meinen Gustav alles hineinzuerziehen, was ich aus ihm wieder ins Buch herauszuschreiben trachtete; denn ich brauchte es erstlich ja nur wie ein Romanen-Manufakturist mir bloss zu ersinnen und andern vorzulegen; aber zweitens damals wurde an eine Lebensbeschreibung gar nicht gedacht.
Mir ist weit weniger daran gelegen, meine scheerauischen Verhältnisse bekannt zu sehen, als der Welt; denn ich kenne sie schon. Aber die Welt nicht. Ich formierte eine Dreieinigkeit von Personen da: ich war Klaviermeister, Rechtskonsulent und Weltmann. drei närrische Rollen! – Ich studierte in der Stadt, die sonst die grössten Juristen und jetzt die kleinsten Hunde liefert, in Bologna, zwei ganz entgegengesetzte Lieferungen, wie Paris sonst die Universität aller europäischen Teologen war, jetzt der Philosophen. In Paris war ich auch, hätte auch da ein geschickter Parlamentsadvokat werden können; ich wollt' aber nicht und nahm