– dann sehen sie es nicht ein – dann mutmassen sie drei Tage darnach nichts Gutes – und endlich werden sie darüber recht aufgebracht. Fenk fragte nichts darnach und sagte von Zeit zu Zeit etwas, was sie nicht verstanden oder er selber nicht.
Er erklärte alsdann dem Rittmeister, und ich dem Leser, alles. Die aufgeklebten Kräuter, sagt' er, hielten von nun an alle Basen und Tröpfe und Visitenameisen von seiner stube ab, wie umzäunender Hanf und ein paar Rätsel daraus zeig' er nur halb, weil man sich für die Menschen am meisten interessiere, an denen man noch etwas zu erraten suche, und die neugierigen Patientinnen würden die seinigen sein. – Ob er verheiratet sei, wiss' er selber nicht; und andere solltens auch nicht wissen, weil man ihn in alle Häuser, wo ein Warenlager von Töchtern steht, als Arzt hineinrufen werde, damit er als Bräutigam wieder herausgehe. – – Endlich nehm' er deshalb nur weibliche Kranke an, weil diese die häufigsten wären; weil man zu ihm für diese ausschliessende Praxis ein besonderes Zutrauen fassen würde; weil dieses Zutrauen das ganze Dispensatorium eines Weiberdoktors sei; weil die meisten Krankheiten der Weiber bloss in schwachen Nerven und deren ganze Kur in Entaltung von – Arzeneien bestände; weil Apoteken nur für Männer, nicht für Weiber wären und weil er sie ebensogern anbetete als kurierte.
Ein anderer Punkt war der, wienach er so geschwind nach Scheerau und so geschwind zum Medizinalrat gekommen. Es ist so: der Erbprinz, der jetzt auf dem hohen Tronkutschersitz mit dem Staatwagen zum Teufel fahren wird, liebt niemand; auf seiner Reise spottete er über seine Mätressen; seine Freundschaft ist nur ein geringerer Grad von Hass, seine Gleichgültigkeit ist ein grösserer; den grössten aber, der ihn wie Sodbrennen beisset, hegt er gegen seinen unehelichen Bruder, den Kapitän von Ottomar, Fenks Freund, der zu Rom in der schönsten natürlichen natur sowohl als artistischen geblieben war, um im Genuss und Nachahmen der römischen Gegenden und Antiken zu schwelgen. Ottomar schien ein Genie im guten Sinne und im bösen auch. Er und der Erbprinz ertrugen einander kaum in Vorzimmern und waren dem Duelle oft nahe. Nun hasset der scheerauische Grossfürst auch den armen Fenk, erstlich weil dieser ein Freund seines Feindes ist, zweitens weil er dem dritten Bruder des Erbregenten einmal das Leben und mitin die Apanagengelder wiedergab, drittens weil der Fürst weit weniger (oder gar keine) Gründe brauchte, um jemand zu hassen, als um zu lieben. –
Nun wäre der Doktor schon unter der vorigen Regierung, deren Magen uns entgegenfuhr, gern Medizinalrat geworden; unter der künftigen Regierung, deren Magen sich noch in Italien füllte, war wenig zu machen. Der Doktor suchte also sein Glück noch ein paar Wochen vor der neuen Krönung festzupflanzen. Er fand den alten Minister noch, der sein gönner war und dessen gönner der Erbprinz aus dem grund wenig war, aus welchem Erbprinzen gewöhnlich glauben, dass sie die Kreaturen des verstorbenen Vaters ebensowohl, nur delikater und langsamer unter die Erde bringen müssen als wilde Völker, die auf den Scheiterhaufen des Königs auch seine Lieblinge und Diener legen. Als Fenk kam, machte ihn der verstorbene Regent zu allem, was er werden wollte; denn es war so:
Da der selige Landesvater ein Landeskind im physiologischen Sinne geworden war, d.h. wieder so alt, als er gewesen, da man ihm das erste Ordenband statt eines Laufbandes umflochten, nämlich 61/2 Jahr: so wurde dem Fürsten das ewige Unterschreiben seiner Kabinettdekrete viel zu sauer und zuletzt unmöglich. – Da er indessen doch noch regieren musste, als er nicht mehr schreiben konnte: so stach der Hofpetschierstecher seinen dekretierenden Namen so gut in Stein aus, dass er den Stempel bloss einzutunken und nass unters Edikt zu stossen brauchte: so hatte' er sein Edikt vor sich. Auf diese Weise regierte er um 15 Prozent leichter; – der Minister aber um 100 Prozent, welcher zuletzt aus Dankbarkeit, um dem geschwächten Fürsten sogar das schwere Handhaben des Stempels abzunehmen, das schöne Petschaft (er zog es Michel-Angelos seinem vor) selber in sein eigenes Dintenfass eintunkte; so dass der alte Herr ein paar Tage nach seinem eignen tod verschiedene Vokationen und Reskripte unterschrieben hatte – aber dieser Poussiergriffel und Prägstock der Menschen wurde der Legestachel und Vater der besten Regierbeamten und laichte zuletzt den Pestilenziarius.
Extragedanken über Regentendaumen
Nicht die Krone, sondern das Dintenfass drückt Fürsten, Grossmeister und Kommenturen; nicht den Zepter, sondern die Feder führen sie mit so vieler Beschwerde, weil sie mit jenem bloss befehlen, aber mit dieser das Befohlne unterschreiben müssen. Ein Kabinettrat würde sich nicht wundern, wenn ein gequälter gekrönter Skribent sich, wie römische Rekruten, den Daumen amputierte, um nur vom ewigen NamenMalen, wie diese vom Kriege, loszukommen. Aber die regierenden und schreibenden Häupter behalten den Daumen; sie sehen ein, dass das Landeswohl ihr Eintunken begehrt, – das wenige Unleserliche aus Kabinettbefehlen, was man ihren Namen nennt, macht wie eine Zauberformel Geldkästen, Herzen, Tore, Kaufläden, Häfen auf und zu; der schwarze Tropfe ihrer Feder dünget und treibet oder zerbeizet ganze Fluren. Der Professor Hoppedizel hatte, da er erster Lehrer der Moral beim scheerauischen Infanten war, einen guten Gedanken, wiewohl erst im letzten monat: könnte der Oberhofmeister nicht dem Unterhofmeister befehlen, dass er den Kron-Abcschützen, der doch einmal schreiben lernen müsste, statt unnützer Lehnbriefe lieber mitten auf jedem