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sie ermüden, wenn er weitläufiger wäre, und beschrieb also Namen, Land, Naturgeschichte eines jeden Grases ganz kurz – – alle Gesichter brannten, alle rücken brühten sich, alle Fusszehen zuckten. – Vergeblich versuchte eine Base, dem blinden Amandus mit den Augen nachzulaufen, um nur etwas Animalisches zu ersehen; der Kräuterkenner befestigte sie an einen neuen Staubbeutel, den er gerade anpries. Schon bis an die Pentandria hatte er seinen Klub geschleift, als er sagte: "Der heutige Abend soll uns nahe um die Dodecandria finden; aber Schweiss und Fleiss kostets." – Er wurde beim allgemeinen Jammer über einen solchen Fegfeuer-Nachmittag, dergleichen noch kein Scheerauer erlebt hatte, immer vergnügter und sagte, ihre Aufmerksamkeit feuere am meisten ihn an. – Gleichwohl liessen sich die botanischen Magistranden aus einem Blatte ins andere martern und wollten verbindlich bleibenbis der Rittmeister, ob er gleich den Scherz erriet, teufelstoll wurde und fort wollte. Der Doktor sagte: "den zweiten Folianten müsst' er ohnehin für eine andre Stunde versparen; aber er wünschte, sie kämen bald wieder, das soll' ihm erst ein Beweis sein, dass es ihnen heute gefallen." Der blosse Gedanke an den zweiten Torturfoliantenwogegen der Teresianische Kodex mit seinen Folterabrissen nur ein Taschenkalender mit Monatkupfern istführte etwas von einem Fieberschauer bei sich. So hatten sie also einen ganzen halben Tag schändlich ohne eine Verleumdung, ohne eine Erzählung verloren, die hätte nach Haus können mitgebracht und von da weitergegeben werden. Die ältern Damen besuchten Konzerte und Bälle gewöhnlich, aber gar nicht, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen und darin physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis, obwohl nicht der Menschenliebe, auszuarbeiten; – ja sie besuchten auch ihre erklärten Feindinnen gern, wenn über eine abwesende Feindin loszufallen war, wie Wölfe, die einander fliehen, sich doch verbunden zum tod eines andern Wolfs. Ich habe immer mit Vergnügen bemerkt, wie ein Paar Scheerauerinnen sich einander so herzlich und mit reiner Freundschaft dann mitteilen, wenn sie gerade das geheimste Schlimme von einer dritten auszupacken haben. Nur, wenn zwei auf dem Kanapee nicht mehr nebeneinander sitzen, sondern sich die Gesichter statt der Hüften zuwenden, so mag ich der nicht sein, den sie gerade handhaben.

Extrazeilen über die Besuchbräune, die alle

Scheerauerinnen befällt bei dem Anblick einer

fremden Dame

Männern schadet daselbst der Anblick einer fremden Dame wenig; bloss alle Friseure und Barbiere kommen später als sonst; auf dem Billard zeichnen die Queues oder die Tabakpfeifen ihre Gestalt in die Luft, und die Lehrer des löblichen Gymnasiums hören gar nicht daraufHingegen die Weiber! –

Auf der Insel St. Kilda geschieht, wenn ein Fremder da aus dem Schiff aussteigt, ein Unglück, das noch kein Philosoph erklären konntedas ganze Land hustet seinetwegen1. Alle Dörfer, alle Körperschaften, alle Alter hustenkauft sich der Passagier etwas ein, so umhustet ihn der Nährstandunter dem Tor tuts der Wehrstand; und der Lehrstand hustet in seine Lehren hinein. Es hilft gar nichts, zum Arzt zu gehender bellt selber ärger als seine Kunden und ist sein eigner Kunde ....

In Unterscheerau ist dasselbe Unglück, aber grösser. Eine fremde Dame setze ihren netten Fuss in das Postaus, in den Konzert- oder Tanzsaal, in irgendein Visitenzimmer: sogleich sind alle Scheerauerinnen genötigt zu husten undwas allzeit von einem schlimmen Hals herkommtleiser zu redenallen fliegt die Bräune an, d.h. die angina vera. An den armen Damen erscheinen alle Zeichen der giftigsten Halsentzündung, Hitze (daher das Fächern), Kälte, schweres Atemholen, Phantasien, aufgeblähte Nasenflügel, steigender Busen. Kühlende Mittel, wasser, Entledigung der Luftröhren tun den Patientinnen noch die besten Dienste. Ist aber (welches der Himmel abkehre) die eintretende Fremde die schönstedie bescheidenstedie reichstedie geehrtestedie am meisten gefeiertedie geschmackvollesteso wird keine einzige Leidende im Krankensaale kuriert; ein solcher Engel wird ein wahrer Todesengel, und man sollte am Tor gar keine Fremde von Verdienst einpassieren lassen. –

Die Besuchbräune grassiert wie jede andre am meisten im Herbste und Winter unter den Winterlustbarkeiten und Wintergästen. – Diese Bräune schreibt Witz oder Verstand zwei Gründen zu: erstlich den äussern oder Schalenverdiensten (inneren nie); so glaubt auch Unzer, dass Schaltiere auf den Hals am meisten wirken, daher z.B. Austern schweres Schlucken, kalzinierte Krebse gegen Wasserscheu, Dunst von Krebsen Stummheit, Skorpionen Zungenlähmung wirken. – Der zweite Grund ist, dass Damen in einer Stadt wie auf einem Isolatorium wohnen und dass, wenn eine Fremde, die mit ihnen sich nicht in Rapport gesetzt, die manipulierten Clairvoyanten berührt, oder auch nur in der Ferne von ihnen steht, diese lauter hässliche Empfindungen in allen Gliedern spüren.

Ende der Extrazeilen

Den weggehenden Scheerauerinnen gab Fenk nach dem botanischen Gottesdienste noch die Nachricht als einen Altarsegen mit nach Haus, bei welchem er das Kreuzmachen ihnen selber überliess: "dass die beiden Kinder, die man gesehen, den Kleinen und die Kleine, keine andere Wiege gehabt als den Reisewagen; dass aber er gegenwärtig Pestilenziarius samt Medizinalrat geworden; jedoch nur Frauen kurieren wolle und mit der Zeit eine ehelichen, und er bitte inständig." –

Wenn die Unterscheerauer etwas, das süss, sauer und toll zugleich scheint, vorbekommen: so horchen sie erstlich aufdann lächeln sie andann sinnen sie nach