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er hoffe, sein Freund schlage sich das urinöse Steingut eine Zeitlang nicht aus dem Kopf." Der Professor ging den Inspektor an, ihm den Gefallen zu tun und, sobald der Ekel nachliesse, heute abends in der Gesellschaft des Herrn Rittmeisters zu einem Löffel voll Suppe dazubleiben.

Man komme noch so oft in gewisse Häuser, so erblickt man alles revidiert und umgesetzt und umgestürzt; aber im Hoppedizelschen am meisten; und des Rittmeisters Winterlager sah immer aus wie ein Gartenhaus im Winter. Menschen von feinem Gefühl bezaubern durch eine gewisse zärtliche Aufmerksamkeit auf kleine Bedürfnisse des andern, durch ein Erraten seiner leisesten Wünsche, durch eine stete Aufopferung ihrer eignen, durch Gefälligkeiten, deren seidenes Geflecht sich fester und sanfter um unser Herz herumlegt als das schneidende Liebeseil einer grossen Wohltat. – Hoppedizel bediente sich weder des Flechtens noch Seiles und fragte nach nichts. Es war nicht Abwesenheit des feinen Gefühls, sondern Ungehorsam gegen dasselbe, dass erwenn der Rittmeister die erste Woche Quartier und Verleiher verfluchtedazu lachte.

Der zarte Amandus bewohnte den ganzen Abend das Siechbett, und Gustav kroch an seine Seite, um mit ihm zu spielen. Wie heitern uns im steinichten Arabien der hassenden Welt Kinder wieder auf, die einander lieben und deren gute kleine Augen und kleine Lippen und kleine hände noch keine Masken sind!

Am andern Tage nahm beide Kinder ein Zufall wieder auseinander. Der Rittmeister führte sie durch alle Gassen der Stadt wie durch eine Bildergalerie und hielt endlich mit den zwei Herzensmilchbrüdern vor seines Freundes, des Doktor Fenks haus still und sah sehnend das Gemälde desselben anes bildete eine Doktors-Kutsche vor mit einem Arzt innen, mit dem tod vorn, der in die Gabel eingespannt war, und mit dem Teufel oben, der auf dem Bock sass. – "Der gute Narr", dachte' er, "könnt' auch einmal aus seinem Italien abziehen und seinen Freunden eine Freude machen!" Denn er wusste von seiner Ankunft nichts. "Mandus! Mandus! lauf rauf!" schrie plötzlich ein zappelndes Mädchen oben und kam selber gesprungen und zerrte und guckte am Kleinen. Der gutmütige Rittmeister wanderte gern aus dem grossen Parterre den Kindern nach ins vertraute Haus, und seine Verwunderung über alle Zeichen der Rückkehr Fenks endigte nichts als der hereinbrechende Doktor selbst. Dieser prallte vom halben Wege zu seiner Umarmung auf den kleinen Blinden zurück und riss unter Tränen und Küssen die Bandage aufbesah die Augen lange am Fensterund sagte nach einem tiefen Atemzug: "Gott Lob und Dank! er wird nicht blind!" Erst jetzt schlug der Doktor seine arme mit doppelter Wärme um den Freund: "Verzeihs, es ist mein Kind!" Gleichwohl nahm er Amandus wieder ans Licht und beschauete ihn noch länger und sagte mit hinaufgezogenen Augenbrauen: "Bloss die Sclerotica scheint lädiert; die Okulistin zapfte die wässerige Feuchtigkeit heraus. In Pavia sah ichs alle Wochen an Hunden, denen die Zahnärzte (unsre medizinischen Lehnsvettern) die Augen aufschnitten und eine dumme Salbe daraufstrichen. Wenn nachher die Feuchtigkeit und das Gesicht von selber wiederkamen: so hatte' es die Salbe getan."

Ich übergehe den Strom von gesprächiger und freudiger Ergiessung beider Freunde, vor dem sie kaum mehr hörten und sahen, am wenigsten die Uhr – "Ach sie kommen!" sagte Fenk, nämlich die Gäste. – Da meine Leser Verstand genug haben: so können sie mich, hoff' ich, auserzählen lassen, eh' sie ihre Zornrute gegen den bildlichen Steiss des Doktors hinter dem Spiegel vorholen. –

Niemand als er hasste so brennend das Enge, das Unduldsame und Kleinstädtsche der Unterscheerauer, womit sie sich ein so kurzes Leben verkürzten und ein so saueres versäuerten. – "Mich ekelts, von ihnen gelobt zu werden", sagt' er nicht bloss, sondern er erboste auch gern mit dem schlimmsten Anstrich seiner reinsten Sitten alles von einem Tore zum andern; indes vermocht' er aus Herzens-Weichheit mehr nicht zu ärgern als die ganze Stadt in grosso, einen allein nie. Deswegen grassierte er am zweiten Morgen seiner Ankunft wie eine Influenza von einem haus zum andern und bat alle Muhmen, Basen, Blutfeinde, Leute, die ihn nichts angingen als die liebe Christenheit, z.B. den Flössinspektor Peuschel, den Lottodirektor Eckert mit seinen vier Spätbirnen von Töchtern, und was nur unterscheerauschen Atem hatte, das bat er sämtlich zusammen auf den Nachmittag, auf eine Reiseseltenheit, nämlich auf ein Herbarium vivum, das er zeigen werde: "es sei kein lebendiges Kräuterbuch, sondern etwas ganz Besondres, und von den Gletschern wäre das Beste her."

Diese kamen eben jetzt allenicht weil sie das geringste nach einem Kräuterbuch fragten, sondern weil sie es doch sehen wollten und die Haushaltung des unbeweibten Doktors nebenbei. Ich muss den europäischen Höfen so viel gestehen, dass sich die Landsmannschaft und Basenschaft mit Grazie hineinhustete, hineinfegte und -räusperte; und den vier Spätbirnen fehlt' es nicht an Welt, sondern sie machten statt der Verbeugung eine Vertiefung und bewegten sich sehr gut steilrecht. Der Hauswirt trug alsdann zwei lange Kräuterfolianten herein und sagte freundlich, er wolle gern alles herweisennun zündete er die Hölle an, in die er die Gesellschaft warfer kroch mit Raupenfüssen und Schneckenschleim von Blatt zu Blatt des Buches sowohl als des Krauteser zeigte nichts oberflächlicher ging die Pistillen, die Stigmen, die Anteren eines jeden Gewächses genau durcher sagte, er würde