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preisend aus dem Staube machen? Denn so scherzt man hienieden." Es gibt einen poetischen Wahnsinn, aber auch einen humoristischen, den Sterne hatte; aber nur Leser von vollendetem Geschmack halten höchste Anspannung nicht für Überspannung.

Der Falkenbergische Reisezug kam in Scheerau abends an, abends, der schönsten Zeit, um anzulangen, daher so viele abends in der andern Welt anlangen. Gustav schien schon dort gewesen zu sein, während seiner Entführung. Da aber von meinen Lesern die wenigsten der Schönheit wegen nach Scheerau sind entführt worden und sie also die Stadt nicht kennen: so soll sie ihnen der zehnte Ausschnitt vorzeigen.

Zehnter Sektor

Ober-, UnterscheerauHoppedizelKräuterbuch

BesuchbräuneFürstenfeder

Es ist noch keinem Geographen und Oberkonsistorialrat das Unglück begegnet, das Herr Büsching hatte, dass er in seinem topographischen Atlas ein ganzes gutes Fürstentum ausliess, das auf der wetterauischen Grafenbank mit sitzt und Scheerau heisstdas nach dem Reichsmatrikularanschlag 8/9 zu Ross und 92/3 zu fuss und zum Kammerzieler 21 Fl. l/19 Xr. gibtdas unter Karl IV. gefürstet wurdedas seine fünf hübschen Landesstände hat, die allerhand zu sagen, aber nichts zu tun haben, nämlich den Kommentur des deutschen Ordens, die Universität, die Ritterschaft, die Städte und die Dörferund das unter andern Einwohnern auch mich hat. Ich möchte nicht an der Stelle eines solchen schreibe-Mannes sein, der sonst in jede Sackgasse mit seinem geographischen Spiegel kriecht, um sie zurückzuspiegeln, der aber hier ein ganzes Fürstentum samt seinen fünf paralytischen Landständen rein übersprungen hat; ich weiss, wie es ihn kränkt, aber nun, da ich mit der Welt darüber gesprochen, ist ihm nicht mehr zu helfen.

Die Hauptstadt Scheerau besteht eigentlich aus Fürst residiert, und aus Alt- oder Unterscheerau, wo der Rittmeister logiert. Ich meines Orts bin längst überzeugt, dass die Sachsenhäuser nicht halb so weit von den Frankfurtern abstehen als die Altscheerauer von den Neuscheerauern, in Ton, Gesicht, Kost und allem. Der Neuscheerauer hat Hofton genug, um Anstand und Schulden und Wut zu ausserhäuslichen Freuden zu haben, und doch wieder zu viel Kanzleiton (weil alle höchste Landeskollegien da sind), um nicht überall steife Subordination entweder anzuerkennen oder abzufodern und um nicht aus dem Kammerherrn in den Kanzelisten und Rechnungrevisor zurückzufallen. Das sieht nun der Altscheerauer ein. Der Neuscheerauer hingegen sieht ein, dass jener folgende Züge hat: wenn in China die Mäuler einer Tischgenossenschaft sich wie ein Doppelklavier zu gleicher Zeit bewegen müssen; wenn in Monomotapa das Land dem Kaiser nachzuniesen pflegt: so gehe man nach Altscheerau, wo es noch viel besser ist; in derselben Minute müssen alle Gassen weinen, husten, beten, laxieren, hassen und pissenihre Konduitenliste sieht wie eine Partitur aus, aus der alle das nämliche Stück, nur mit verschiednen Instrumenten und Stimmen spielen – (bloss in der Musik regiert sie einiger wahre Freiheitgeist, und keiner bindet seinen Ellen- oder Fiedelbogen oder Tangenten sklavisch an seines Nachbars seinen) – sie hassen schöne Wissenschaften so sehr wie sich untereinanderunfähig, gesellschaftliches Vergnügen zu entbehren, zu veranstalten, zu geniessen, unfähig zu wagen, einander offen zu hassen und zu lieben und zu ertragen, bohren sie sich in ihre Geldhügel und achten öffentlich den Reichsten und geheim den Verwandten oder gar niemandohne Geschmack und ohne Patriotismus und ohne Lektüre ...

Ich mach' es aber gar zu toll; kein Leser wird hinter dem Rittmeister einen Fuss nach Unterscheerau setzen wollen. Ihr grösster Fehler ist, dass sie nichts taugen; aber sonst sind sie fleissig, voll lauter Kaufleute, entaltsam und fegen die Gassen und Gesichter hübsch. Residenzstädte haben wie Höfe Familienähnlichkeit; aber Landstädte habenje nachdem nicht kaufmännische, militärische, juristische, bergmännische, seemännische Säfte in ihnen rinnenein verschiednes Vollgesicht und Halbgesicht.

Vor der überblechten Haustür des Professors der Moral Hoppedizel stieg die Falkenbergische Schiffgesellschaft aus ihrer fahrenden Arche; sie hielt in des Professors zweitem Stockwerk gewöhnlich ihr Winterquartier. Gleich hinter der Haustüre stiess der Rittmeister auf ein tolles Melodrama. Nämlich der Flössinspektor Peuschel lehnte sich an die Wand und vomierte und schimpfte; und wechselte mit beidem regelmässig, wie mit Pentameter und HexameterDer Professor der Moral schrieb mit einem uneingetunkten Finger ruhig die Züge folgender Worte an die Wand, die er unaufhörlich ablas: "Ekelhaft war es wohl, verteufelt ekelhaft!" – Jeden andern hätte ein eintretender alter Freund wie Falkenberg sogleich in der ganzen Szene gestört; aber der Professor war nicht aus seinem Spass zu ziehen, sondern hob seine Umhalsung in unverändertem Tone mit dem Rapport des gegenwärtigen Vorfalls an: "gegenwärtiger Herr Flössinspektor Peuschel", begann Hoppedizel, "zeche gern, Wein nämliches habe nichts verfangen, dass die Frau Inspektorin" denn schonende Diskretion war nie auf Hoppedizels Lippen "ihn habe umbessern wollen durch einen lebendigen Frosch, den sie in seinem Weine krepieren lassen. Er selber habe daher heute Hand angelegt, ihm das Nippen zu verleiden. Denn er habe zum Glück einen Blasensteinso dick wie eine Muskatellerbirnaus einem Universitätkadaver geschnitten; den hab' er zu einer Trinkurne ausgebohret und Herr Peuscheln weisgemacht, aus Lava sei sie; und heute habe er seinen vomierenden Freund echten ungarischen Ausbruch daraus saugen lassen; damit es ihn nun geekelt und zu einem andern Ausbruch genötigt hätte, hab' er es vor einem Paar Minuten dem Patienten klar dargetan, dass das vulkanische Spitzglas wahrer Harn- oder Nierenstein gewesen. Und