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früherer zeiten sucht man Kunst-Verrückungen und Anamorphosen und Anagrammen des Verstandes, wie z.B. in des gedachten Proselyten Luter oder Attila, umsonst. Sogar ein Sophokles glaubte, von seinen erbsüchtigen Kindern des Alterwahnwitzes angeklagt, sie durch ein so verstandreiches Trauerspiel wie der Ödipus zu Boden zu schlagen; aber in unserer Zeit würde wohl ein deutscher Sophokles vor Gericht den Beweis seines Verstandes durch kein anderes Gedicht führen als durch eines, worin er seinen Haupt-Charakteren den ihrigen genommen hätte.

Dieser romantische Kunst-Wahnwitz schränkt sich glücklicherweise nicht auf das Weinen ein, sondern erstreckt sich auch auf das lachen, was man Humor oder auch Laune nennt. Ich will hier der VorredenKürze wegen mich bloss auf den kraftvollen Friedrich Hoffmann berufen, dessen Callotische Phantasien ich früher in einer besonderen Vorrede schon empfohlen und gepriesen, als er bei weitem weniger hoch, und mir viel näher stand. Neuerer Zeit nun weiss er allerdings die humoristischen Charakterezumal in der zerrüttenden Nachbarschaft seiner Morgen-, Mittag-, Abend- und Nachtgespenster, welche kein reines Taglicht und keinen festen Erdboden mehr gestattenzu einer romantischen Höhe hinaufzutreiben, dass der Humor wirklich den echten Wahnwitz erreicht; was einem Aristophanes und Rabelais und Shakespeare nie gelingen wollen. Auch der heitere Tieck tat in frühern Werken nach diesen humoristischen Tollbeeren einige glückliche Sprünge, liess aber als Fuchs sie später hangen und hielt sich an die Weinlese der Bacchusbeeren der Lust. – –

Dieses wenige reiche hin, um zu zeigen, wie willig und freudig der Verfasser den hohen Stand- und Schwebepunkt der jetzigen Literatur anerkenne. Unstreitig ist jetzt die Belladonna (wie man die Tollkirsche nennt) unsere Muse, Primadonna und Madonna, und wir leben im poetischen Tollkirschenfest. Desto erfreulicher ist es, dass auch die Lesewelt diese poetische Hinaufstimmung auf eine freundliche Weise begünstigt durch ihre Teilnahme, und dass sie, wie das Morgenland, Verrückte als Heilige ehrt, und was sie sagen, für eingegeben hält. Überhaupt eine schöne Lorbeer- und Kirschlorbeerzeit! – –

Bei allen neuen zweiten Ausgaben wird es dem Verfasser, der sie so gern zu recht verbesserten machen möchte, von neuem schmerzhaft, dass keine seiner Dichtungen ein um- und eingreifendes Kunsturteil über Charaktere und geschichte und Sprache jemal hat erobern können. Mit einem allgemeinen Lobe bis zur Übertreibung und mit einem ähnlichen Tadel bis zu einer noch grösseren ist einem rechtschaffenen Künstler nicht gedient und geholfen. Natürlicherweise wurden zweite Auflagen noch weniger beurteilt und geprüft als erste, und der Verfasser sah jeden Abend vergeblich auf ein Lob seiner Strenge gegen sich selber auf. Wie gern er aber bessert und streichtnoch mehr als ein Wiener Schauspieldirektor, der bloss fremde Stücke zerstücktund wie emsig er aus jedem bedornten oder gestachelten Tadel, sei er entweder Rose oder Wespe, den Honig der Besserung saugt, dies könnte ein Kunstrichter erfahren, ohne mehr Bücher zu lesen als zwei, nämlich die zweite Ausgabe neben der ersten; ja sogar aus einem einzigen könnte er alles wegbekommen, wenn er einen Herrn Verleger bloss um gefällige Vorzeigung des letzten, mit weisen Runzeln und mit Druck- und Dintenschwärze zugleich durchfurchten Alt-Exemplars ersuchte: der Mann würde im Buchladen sich wundern über das Bessern, ihm so gerade gegenüber.

Aber, wie leider gesagt, gegenwärtig wird in Deutschland wenig Belletristisches rezensiert, und die Taschenkalender sind hier wohl die einzigen Ausnahmen von Belang, nämlich ihre verschiedenen kleinen Aufsätze und die verschiedenen kleinen Urteile dazu.

Es ist eigentlich ziemlich spät, dass ich erst nach 28 Jahren sage, was die beiden Titel des buches sagen wollen. Der eine "unsichtbare Loge" soll etwas aussprechen, was sich auf eine verborgne Gesellschaft bezieht, die aber freilich so lange im Verborgnen bleibt, bis ich den dritten oder Schlussband an den Tag oder in die Welt bringe. Noch deutlicher lässt sich der zweite Titel "Mumien" erklären, der mehr auf meine Stimmung, so wie jener mehr auf die geschichte, hindeutet. Überall werden nämlich im Werke die Bilder des irdischen Vorüberfliegens und Verstäubens, wie ägyptische Mumien und griechische KunstSkelette, unter den Lustbarkeiten und Gastmahlen aufgestellt. Nun soll aber die Poesie mehr das Entstehen als das Vergehen zeigen und schaffen und mehr das Leben auf den Tod malen als das Gerippe auf das Leben. Der Musenberg soll als der höchste, alle Wolken überflügelnde Berg, der uns sowohl den Himmel als die Erde heller schauen lässt und zugleich die Sternbilder und den blumigen Talgrund uns näher bringt, dieser soll der Ararat der im wasser arbeitenden und schiffbrüchigen Menschheit sein; wie sich in der Myte2 Deukalion und Pyrrha aus der Sündflut auf dem Parnassus erretteten. So verlangt es besonders unser Goete und dichtet darnach; die Dichtkunst soll nur erheitern und erhellen, nicht verdüstern und bewölken. – Und dies glaube' ich auch; ja ohne eine angeborne unwillkürlichewas man eben Hoffnung und Erinnerung nenntwäre keine Wirklichkeit zu ertragen, wenigstens zu geniessen. –

Aber ebenso gewiss ist es, dass gerade die Jugend, diese lebendige Poesie, mitten unter ihren Blütenästen (für sie aber schon Fruchtäste) und auf ihren sonnigen warmen Anhöhen nichts lieber dichtet und gedichtet liest als Nachtgedanken; und nicht nur vor der liebekranken Jungfrau, sondern auch vor dem liebestarken Jünglingder darum einem Schlachttode weit begeisterter entgegenzieht als ein Alterschweben die Gottesäcker als hangende Gärten in Lüften, und sie sehnen sich hinauf. Die Jugend kennt nur grüne blumige Grabhügel, aber das Alter offne Gräber ohne grünende Wände.

Diese jugendliche Ansicht komme nun