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Ohne Gustav, der so viel zuschleppt, kämen wir vor zehn Minuten nicht aus dem schloss. Mein Leser malt sich ihn wider meine Erwartung ganz falsch vor, traurig nämlich, weil er aus seiner Kindheit-Erdenwiege, aus seinem Adamsgarten und von seinem Abendberge weichen soll. So falsch! – Ein anderer Leser würde sich ihn freudig denken, weil für Kinder, denen noch jede andre Szene eine neue ist, Reisen die Schöpfung eines neuen himmels und einer neuen Erde wird und weil die Phantasien eines Kindes noch keine kummerhaften sind. Scheerau musste in seinen Vermutungen durchaus die Stadt mit langen Häusern sein, worin er mit seiner Schwester gespielt. Noch dazu wurde – was allen Kindern eine Naturalisationakte ist – sein Spielmagazin eingeschifft; sogar den Starmatz, der als geschüttelter Hierarch in der salomonischen Filialkirche auf- und absprang, hielt er auf den stauchenden Knien. Jeden Winkel des Schlosses bedauerte er samt dem, was darin war, dass es nicht mit einsteigen dürfte; dieses ganze Konchyliengehäus kam ihm so eng, so abgegriffen, so abgeschossen vor! Leute, die wenig gereiset, schauen ihre stube in den Augenblicken der Abreise – der Ankunft – und in den übrigen mit drei verschiedenen Gefühlen an; aber für Zugheuschrecken und Zuggeflügel sind die Kunststrassen und Residenzstrassen nur Korridore zwischen den Zimmern.
Schon eine halbe Stunde sass er auf dem nackten Kutschenkasten voraus, mit den Beinen in Gepäck eingekeilt und in zappelnder Erwartung, wann die Pferde den ersten Riss täten. Endlich wurde die Wagentüre zugeworfen, und alles rollte dahin, den Berg hinab, den Gemeindeanger hinüber, auf welchem der weissgeschälte Baum, der zur Kirchweih sich mit gerötelter Fahne und Bänderwimpeln noch einmal in die Erde bohren sollte, unserem Gustav ganz verächtlich wurde, der jetzt in Scheerau hundert schönern Maienbäumen und Kirchweihen entgegenfuhr. – Aber als es vor der an Freuden fruchtbaren Region seines berges vorüberging: so zog er vom Trauergerüste der gestorbnen Nachmittage, vom klingenden Vieh, das am Gipfel grasete, von einem Weideadjunktus, der ihm schlecht gefiel, vom zusammengetragenen Steinpferch, in den er sein Lämmchen gestellt, das nun ohne Band und ohne Liebe droben stand, und endlich vom Markstein, auf dem sonst seine Traute, seine Schöne strickte, davon freilich zog er die zurückgewandten Blicke sehnend langsam weg. "Ach", dachte' er, "wer wird dir Zitronenkuchen geben und meinem Lämmchen Brotrinden? Ich will euch aber schon alle Tage recht viel herschicken!"
Es war ein reiner Oktobermorgen, der Nebel lag zusammengefaltet dem Himmel zu Füssen, der wegfliegende Sommer schwebte mit seinen blauen Schwingen noch hoch über den Ästen und Blumen, die ihn getragen, und schaute mit dem weiten, still erwärmenden Sonnenauge den Menschen an, von dem er Abschied nahm. Gustav wollte aus dem Wagen, um den betaueten fliegenden Sommer, der zartgesponnen wie ein Menschenleben die Erde überzog, zusammenzuwickeln und mitzunehmen. Aber du, Mensch, hängst so oft als stinkende Pest- und Nebelwolke in die reine natur herein!
Denn sie mochten kaum eine Stunde gefahren sein, nach der er schon jedes Dorf für Scheerau hielt .... Ich will aber erst angeben, wo's war. Bei Issig schrie er im Wald. "O! nun dort wird der schwarze Arm hineinlangen und mich hinausziehen!" Als sich der Alte noch darüber wunderte, woher der Kleine wüsste, dass jetzt eine Armsäule komme, die wirklich aus den Bäumen herauswies: so fings auf einmal darhinter an zu schreien: "Ach meine Augen, meine Augen!" Den Kleinen und die Mutter versteinerte der Schrecken; aber der Rittmeister stürzte sich aus oder durch den Wagen, zerstiess die Gläser und prallte in den Wald hinein – und an ein kniendes feines Kind hinan, aus dessen zerschnittenen Augen Tränen und wasser liefen. "Ach tu mir nichts, ich kann nimmer sehen!" sagt' es und griff mit den Händchen um sich, um die Lanzette wegzuschlagen, die zu seinen Knien lag. "Wer hat dir denn das getan?" sagt' er mit der sanftesten, vom heftigsten Mitleid brechenden stimme; aber eh' es sprach, kam ein altes verwüstetes Bettelweib näher und sagte, im Gebüsch wär' ein Bettler hingeschossen, ders Kind blenden hätte wollen, um darauf zu betteln. Allein das Kind krümmte sich mit grösseren Konvulsionen an seine Hand und sagte: "O! sie will mich wieder schneiden." Der Rittmeister erriet die Spitzbüberei, schlitzte den nächsten Ast herab, peitschte die Elende mit verfehlender Wut ins Angesicht und lief mit dem Blinden auf dem Arm dem furchtsamen Wagen zu. Es war ein herzerdrückender Anblick, der unschuldige Wurm mit feinen Zügen und Bewegungen in Lumpen und mit rot eingerunzelten Augen! –
Fussnoten
1 Affirmant idem corpus existens in duobus locis habere posse utrobique formas absolutes non dependentes – ita ut hic moveatur localiter, illic non, hic calidum sit, illic frigidum, etc. hic moriatur, illic vivat, hic eliceret actus vitales tum sensitivos tum intellectivos, illic non. Voetii disp. teol. T.I. p.432. Bekanus beschränkt es mit philosophischem Scharfsinn so weit, dass ein solcher Körper – also eine Frau – nicht an einem Orte fromm und zugleich am andern gottlos sein könne; dieses leuchtet mir auch ein. 2 Wolfii lect. memorab. Cent. XVI. p. 994. etc. 3 loco cit. 4 loco cit.
Neunter Sektor
Eingeweide ohne Leib – Scheerau
Nicht bloss Lügner