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Silberschlag-Noachitische Arche von Pappendeckel mit mehr Fenstern als Mauer zusammen. Der Baumeister dieses vierten salomonischen Tempels war nicht, wie bei dem ersten, der Teufel oder der Wurm Lis1, sondern ein Mensch, der leicht beiden glich, der sogenannte Kammerjäger Robisch. Dieser Hintersasse des Rittmeisters besuchte jährlich die besten Zimmer und Gärten des ganzen Landes, um beide nicht sowohl von ihren schlimmsten als von ihren kleinsten Bewohnern zu säubernvon Mäusen und Maulwürfen. Ich will die GelehrtenRepublik eben nicht bereden, dass dieser Mausschächter so viele unterirdische Maulwürfe aus der Welt fortschickte, als jährlich schriftstellerische hineintreten, um sich auf die Hinterfüsse zu setzen und dann mit den Vorderfüssen, die an beiden Maulwurfarten Menschenhänden gleichen, in den Buchläden und auf dem Leipziger Buchhändlermarkte ihre Erdhäufchen als kleine Musenberge aufzuwerfen; – inzwischen bezahlt wurde Robisch gerade so, als habe der Kammerjäger alles Ungeziefer verjagt. Denn die Leute glaubten, wenn man diesen Kelchvergifter der Nagetiere erbose und nicht bezahle: so mach' er Moses' Wunder nach und verdoppele durch dagelassene Kolonien das Ungeziefer, das man seinem Königs- und Blutbann entziehe. Ich will von dieser morastigen Seele, die sich nie meinem Gustav näher wälze, mich wegbegeben, wenn ich geschrieben habe, dass er oft im Falkenbergischen haus war, dass er, wenn Fremde da waren, den Extra- und Kasualbedienten, und wenn Rekrutenwildpret zu fangen war, für den Rittmeister den Leitund machte, und dass er sich an den kleinen Gustav mit seinen Fabrikaten drängte. Ein solches Anhäkeln an Kinder ist ohne elterliche Kindlichkeit zweideutig. Kinder aber lieben Bediente besonders; und Gustav vollends, der schlechterdings auch später nicht vermochte, jemand zu hassen, den er in seiner Kindheit lieb gehabt; von allen Untaten, die Robisch an ihm verübt hätte, wäre gleichwohl das Band der Dankbarkeit für das elende Insektenstockhaus, das den Wall entvölkerte, nicht entzwei gegangen.

Was in der salomonischen Schlosskirche war und sumsete, sollte Zucker fressen, weil Kinder ihn für das Vortisch- und Nachtisch-Essen ansehen; und es wären die schönsten Inhaftaten verhungert, wenn nicht ihr Fronvogt, Gustav, vom Kammerjäger noch einen Starmatz zum Geschenk bekommen hätte; denn den Matz liess er auch in das Panteon hineinspringen, und der frass alles, was nichts zu fressen hatte .... Wenn ich hier unter die Flügeldecken der Insekten und in den Schnabel des Matzes die nächsten Reflexionen und die kühnsten Winke versteckt habe: so hoff' ich, man finde sich in dergleichen schön.

Ausser mir hatte wohl niemand Gustavs Namen so oft im Schnabel als der Star, der gleich Hofleuten nichts weiter im kopf hatte als ein nomen proprium. Der Kleine dachte, der Star denke und sei so gut ein Mensch wie Robisch und liebe ihn für alles; daher konnte' er sich nicht satt an ihm hören und lieben. Er konnte sich eben an nichts satt umarmen. Bloss lebendige Geschöpfe waren sein Spielzeug. Der Pachter hatte dazu noch ein schwarzes Lamm gesellt, das er mit einem roten Band und mit Brotrinden um den Wall herumlockte. Das Lamm musste wie ein Dorfkomödiant alle Rollen machen, bald musst' es der Genius, bald der Pudel sein, bald Gustav, bald Robisch. So spielte also unser Freund seine ersten Erdenrollen Solo und war zugleich Regisseur, Einbläser und Teaterdichter. Solche Komödien, die sich Kinder machen, sind tausendmal nützlicher als die, die sie spielen, und wären sie aus Weisses Schreibtisch: in unsern Tagen, wo ohnehin der ganze Mensch Figurant, seine Tugend Gastrolle und seine Empfindung lyrisches Gedicht wird, ist diese Verrenkung der armen Kinderseelen vollends gefährlich. Indes ist es zuweilen auch nicht wahr: denn ich machte den vollständigen Filou bloss ein-, zwei- oder dreimal in meinem Leben, aber wirklich noch, eh' ich zum erstenmal gebeicht hatte.

Die Verordnung, die ihn nicht vom Schlossberg hinunterliess, unterschied sich von den Verordnungen unserer transzendenten Eltern, der Obrigkeit, dadurch rühmlich, dass sie erstlich der Partei bekannt gemacht, und zweitens dass sie wenigstens 14 Tage lang gehalten wurde. Gustav hätte für sein Leben gern sich und das Lamm vom Walle hinab an den Fuss des berges getrieben. – Da nun der Rittmeister aus Quistorps peinlichen Beiträgen wusste, dass man an die Stelle der Verstrickung oder Konfination (Einsperrung auf den Wall) die Distrikt- oder Gebieträumung setzen kann: so diktierte er die letzte Strafe statt der ersten und sagte: "Kann man denn nicht das Lamm des Pachters Regel (Regina) mitgeben, solang sie da am Berge weidet? Meinetwegen kann der Junge mittreiben, wenn ich ihn nur immer im Gesicht behalte." Ich muss es noch abwarten, was die Reichsritterschaft dazu sagen oder schreiben wird, dass ein Ehrenmitglied derselben, mein Held, nachmittags um 4 Uhr sich allemal eine lange Haselgerte abdrehte und damit ein Ochsenjunge wurde und neben der eilfjährigen Strössners Regina die Schaf- und Rindherde und das Lamm am Band mit solchem Stolze und mit solchen Jupiters-Augenbraunen austrieb, dass er leicht andeutete, er lenke den ganzen Stall und die Reichsritterschaft solle ihm nur jetzt kommen.

Nur im tausendjährigen Reiche gibt es solche Nachmittage, wie Gustav an der Anhöhe, gleichsam auf dem Schosse der Erde hatte. Mein Vater hätte mich in die Zeichenschule senden sollen: könnt' ich nicht jetzt die ganze Landschaft in meinem Farbenstrom statt im Dintenstrom auffangen und hinausspiegeln? Wahrhaftig ich könnte jedes Gebüsch mit dem hineinschlüpfenden Vogel dem Leser in die Augen zurückspiegeln, jede lippenfarbige Rotbeere der Felsen