1793_Jean_Paul_048_21.txt

; ein Grummetschober alter fräulein hatte schon vier Wochen vorher eingesprochen, und jetzt wieder, um nur ein solches Wunderkind ansichtig zu werden. Die herrnhutischen Brüder waren lebhaft und frei mit Anstand; die Schwestern mauerten sich sämtlich um eine Standuhr, deren Gehäuse mit Engeln als Hornisten gerändert warsie waren von den Hornisten nicht wegzubringen. Beizubringen war ihnen auch nichts; Maul und Augen machten sie auch nicht auf, und der Rittmeister wurde schwarz vor verhaltenem Ärger. Endlich tippte die Lippe einer Schwester an ein Weinglas, die andern tippten nachso viel die eine vom Gebacknen abknickte, so viel bröckelten die andern sich zuein Zuck regte die ganze obligate Kompagnie dieser auf zwei Füsse gestellten Schafe. Der Fräuleinschober hingegen hieb in alles ein; im Flüssigen und Festen war er wie ein Amphibium zu haus, sie hatten in ihrem kauenden und klappernden Leben nie etwas gereget als die Zunge. – Als nun für so viele Zuschauer das Wundertier her sollte: war esweg. Alles wurde ausgestöbert, langverlorne Dinge wurden gefunden, in alles hineingeschrien, in jeden Winkel und Buschkein Gustav! Der Rittmeister, dessen anfangende Betrübnis immer eine Art Zorn war, liess die ganze sehlustige Schwesterschaft sitzen; die Rittmeisterin aber, deren Betrübnis noch weichere Teile angriff, setzte sich kosend zu ihr. Als aber alle ängstliche, fragende, laufende Gesichter immer trostloser zurückkamen und als man gar hinter dem offnen Schlosstor, wo der Kleine abgerissne Blumen in kleine beschattete Beete steckte, diese noch nass von seinem Begiessen fand: so zerknirschte die Verzweiflung die Gesichter der Eltern; "ach der Engel ist gewiss in den Rhein gestürzt", sagte sie, er aber sagte nichts dagegen. Zu einer andern Zeit hätt' er einen solchen Fehlschluss mit den Füssen zerstampft; denn der Rhein floss eine halbe Stunde vom schloss; aber hier schloss in beiden die Angst, die weit tollere Sprünge tut als die Hoffnung. Ich rede hier deswegen von einer andern Zeit, weil mir bekannt ist, wie sonst der Rittmeister war: nämlich aus Mitleiden aufgebracht gegen den Leidenden selber. Niemals z.B. fluchten seine Mienen mehr gegen seine Frau, als wenn sie krank war (und ein einziges schnelles Blutkügelchen stiess sie um) – klagen sollte sie dabei gar nichtwar das, auch nicht seufzenwar auch das, nur keine leidende Miene machengehorchte sie, überhaupt gar nicht krank sein. Er hatte die Torheit der müssigen und vornehmen Leute, er wollte stets fröhlich sein.

Hier aber, da einmal sein Glücktopf in Scherben lag, versüssete ein fremder Seufzer seinen eignen und seinen Zorn über die unachtsame Hausdienerschaft und über den dürren Schwester- und Grummetschober.

Als das Kind die Nacht ausblieb und den ganzen Vormittag und als man gar im wald auf der Kunststrasse sein Hütchen antraf: so verwandelten sich die Stiche der Angst in das forteiternde Schmerzen dieser Stichwunden. Gegen keine Gemüterschütterung ist ein guter Gegenbeweis so schwer zu führen als gegen die Angst; ich führe daher gar keinen seit Jahr und Tag, sondern ich gebe ihr das Ärgste, was sie behauptet, sofort willig zu und falle dann bloss die andere Gemütbewegung, die aus dem besorgten Ärgsten kommen kann, mit der Frage an: "Und wenn es nun wäre?"

Jeder Fliegenschwamm im wald wurde breitgetreten und jeder Baumspecht aufgejagt, um den Kopf zum Hut zu findenaber vergeblich; – und am dritten Tage ging der Rittmeister, dessen Gesicht eine Ätzplatte des Schmerzes war, ohne Absicht zu suchen so vertieft im wald herum, dass er einen mit Koffern und Bedienten ausgelegten Reisewagen durch das Gebüsch schwerlich hätte fliegen sehen, wenn nicht daraus wie ein Freuden-Donnerschlag die stimme seines verlorenen Sohnes ihn erschüttert hätte. Er rennt nach, der Wagen schiesset voraus, und im Freien sieht er ihn schon hinter seinem schloss stäuben. Ausser sich kommt er in Schlosshof angestürmt, um nachzusprengen und um esbleiben zu lassen. Denn oben an der Haustüre stand die in einen Knäul zusammengelaufne Schloss-Genossenschaft schon um den Gustav, die Schlosshunde bellten, ohne einen gescheiten Grund zu haben, und alles sprach und fragte so, dass man gar keine Antwort des Kleinen vernahm. Der vorbeifliegende Wagen hatte ihn ausgesetzt. Am Halse hing in einem schwarzen Bande sein Porträt. Seine Augen waren rot und feucht von den Qualen der Heimsucht. Er erzählte von langen langen Häusern, wofür er Gassen hielt, und von seinem Schwesterchen, das mit ihm gespielet, und vom neuen hut; es wär' aber keine Seele daraus klug geworden, hätte nicht der Koch eine entfallne Karte zu seinen Füssen erblickt. Diese las der Rittmeister und sah, dass er sie nicht lesen sollte, sondern seine Frau. Er verdolmetschte es aus dem mit weiblicher Hand geschriebenen Italienischen so:

"Kann sich denn eine Mutter bei einer Mutter entschuldigen, dass sie ihr Kind ihr so lang entzogen? Wenn Sie mir auch meinen Fehler nicht vergeben: ich kann ihn doch nicht bereuen. Ich traf Ihren lieben Kleinen vor drei Tagen im wald irrend an, wo ich ihn in meinen Wagen stahl, um ihn vor schlimmern Dieben zu bewahren und um seine Eltern auszufinden. – Ach, ich will es Ihnen nur sagen: ich hätt' ihn auch mitgenommen, wenn auch beides nicht gewesen wäre. O nicht, weil er so himmlisch schön, sondern weil er so ganz, sogar bis auf die Haare, wie mein teuerer verlorner Guido aussieht, kann ich ihn kaum