Sonne auf fünf Blumen lag: so überfloss ein irrendes Feuer die grüne Fläche und erhellete einen schwarzen Flor, der ungesehen die Erde umfasset hatte. Der Flor zog sich schwellend auf zu einem unendlichen Zelte und riss von der Welt ab und fiel zu einem Leichenschleier zusammen und blieb in einem grab. – Da ward die Erde ein tagender Himmel, aus den Sternen stäubte ein warmer Regen von lichten Pünktchen nieder, am Horizont standen weisse Säulen aufgepflanzt – von Westen her walleten kleine Wolken herüber, perlen-hell, grünlich-spielend, rot-glühend, und auf jeder Wolke schlief ein Jüngling und sein Atem-Zephyr spielte mit dem rinnenden Dufte wie mit weichen Blüten und wiegte seine Wolke – die Wogen eines lauen Abendwindes spülten an die Wolken an und führten sie. – Und als eine Welle in meinen Atem floss, so wollt' in ihr meine Seele dahingegeben in ewige Ruhe auseinanderrinnen – weit gegen Westen erschütterte eine dunkle Kugel sich unter einem Gewitterguss und Sturm – von Osten her war auf meinen Boden ein Zodiakallicht wie ein Schatten hingeworfen ....
Ich wandte mich nach Osten, und ein ruhig-grosser, in Tugend seliger, wie ein Mond aufgehender Engel lächelte mich an und fragte. "Kennst du mich? – Ich bin der Engel des Friedens und der Ruhe, und in deinem Sterben wirst du mich wiedersehen. Ich liebe und tröste euch Menschen und bin bei eurem grossen Kummer. – Wenn er zu gross wird, wenn ihr euch auf dem harten Leben wundgelegen: so nehm' ich die Seele mit ihren Wunden an mein Herz und trage sie aus eurer Kugel, die dort in Westen kämpft, und lege sie schlummernd auf die weiche Wolke des Todes nieder."
Ach! ich kenne einige schlafende Gestalten auf diesen Wolken! ...
"Alle diese Wolken ziehen mit ihren Schläfern nach Morgen – und sobald der grosse gute Gott aufgeht in der Gestalt der Sonne: so wachen sie alle auf und leben und jauchzen ewig."
O siehe! die Wolken gegen Osten glühen höher und drängen sich in ein Glut-Meer zusammen – die steigende Sonne nahet sich – alle Schlummernden lächeln lebendiger aus dem seligen Traum dem Wachen entgegen –
O ihr ewig geliebten kenntlichen Gestalten! wenn ich in eure grossen himmeltrunknen Augen wieder werde schauen können ....
Ein Sonnenblitz schlug empor – Gott ruhte flammend vor der zweiten Welt – alle geschlossene Augen fuhren auf – –
Ach! auch meine; nur die Erdensonne ging auf – ich klebte noch auf der streitenden Abend-Kugel – die kürzeste Nacht war über meinen Schlummer vorübergeeilet, als wäre sie die letzte des Lebens gewesen.
Es sei! Aber heute richtet sich mein Geist auf mit seinen irdischen Kräften – ich erhebe meine Augen in die unendliche Welt über diesem Leben – mein an ein reineres Vaterland geknüpftes Erdenherz schlägt gegen deinen Sternenhimmel empor, Unendlicher, gegen das Sternenbild deiner grenzenlosen Gestalt, und ich werde gross und ewig durch deine stimme in meinem edelsten inneren: du wirst nie vergehen. – –
Und so wer mit mir sich einer Stunde erinnert, wo ihm der Engel des Friedens erschien und ihm teuere Seelen aus der irdischen Umarmung zog; ach, wer sich einer erinnert, wo er zu viel verlor – der bezwinge das Sehnen und sehe mit mir fest zu den Wolken auf und sage: Ruhet immerhin auf eurem Gewölke aus, ihr entrückten Geliebten! Ihr zählt die Jahrhunderte nicht, die zwischen eurem Abend und eurem Morgen verfliessen, kein Stein liegt mehr auf eurem bedeckten Herzen als der Leichenstein, und dieser drücket nicht, und euer Ruhen störet nicht einmal ein Gedanke an uns ....
Tief im Menschen ruht etwas Unbezwingliches, das der Schmerz nur betäubt, nicht besiegt. – Darum dauert er ein Leben aus, wo der beste nur Laub statt Früchte trägt, darum wacht er fest die Nächte dieser westlichen Kugel hinaus, wo geliebte Menschen über die liebende Brust in ein weit entlegenes Leben wegziehen und dem jetzigen bloss das Nachtönen der Erinnerung hinterlassen, wie durch Islands schwarze Nächte Schwanen als Zugvögel mit den Tönen von Violinen fliegen – – Du aber, den die zwei schlafenden Gestalten geliebt und in dem sie mir ihren und meinen Freund zurückgelassen, du mein mit ewiger Hochachtung geliebter Christian Otto, bleibe hienieden bei mir!