1793_Jean_Paul_048_177.txt

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Und eben dieses, dass die Hand eines Menschen über so wenige Jahre hinausreicht und dass die so wenige gute hände fassen kann, das muss ihn entschuldigen, wenn er ein Buch macht: seine stimme reicht weiter als seine Hand, sein enger Kreis der Liebe zerfliesset in weitere Zirkel, und wenn er selber nicht mehr ist, so wehen seine nachtönenden Gedanken in dem papiernen Laube noch fort und spielen, wie andre zerstiebende Träume, durch ihr Geflüster und ihren Schatten von manchem fernen Herzen eine schwere Stunde hinweg. – Dieses ist auch mein Wunsch, aber nicht meine Hoffnung. Wenn es aber eine schöne weiche Seele gibt, die so voll ihres inneren, ihrer Erinnerung und ihrer Phantasien ist, dass sie sogar bei meinen schwachen überschwilltwenn sie sich und ein volles Auge, das sie nicht bezwingen kann, mit dieser geschichte verbirgt, weil sie darin ihre eigne, ihre verschwundnen Freunde, ihre vorübergezognen Tage und ihre versiegten Tränen wiederfindet: o dann, geliebte Seele, hab' ich an dich darin gedacht, ob ich dich gleich nicht kannte, und ich bin dein Freund, wiewohl nicht dein Bekannter gewesen. Noch bessere Menschen werden dir beides sein, wenn du den schlimmern verbirgst, was du jenen zeigst, wenn das Göttliche in dir, gleich Gott, in einer hohen Unsichtbarkeit bleibet, und wenn du sogar deine Tränen verschleierstweil harte hände sich ausstrecken, die gern sie mit dem Auge zerdrücken, wie man nach dem Regen alle grünen Spitzen des englischen Gartens niederschleift, damit sie nicht weiterkeimen ....

Der helle Stern oder Tautropfe in der Ähre der Jungfrau fällt jetzt unter den Horizont. – Ich stehe noch hier auf meiner blumichten Erde und denke: noch trägst du auf deinen Blumen, alte gute Erde, deine Menschenkinder an die Sonne, wie die Mutter den Säugling ans Lichtnoch bist du ganz von deinen Kindern umschlungen, behangen, bedeckt, und indes Geflügel auf deinen Schultern flattert, Tiermassen um deine Füsse schreiten, geflügelte Goldpunkte um deine Locken schweifen, führest du das aufgerichtete hohe Menschengeschlecht an deiner Hand durch den Himmel, zeigest uns allen deine Morgenröten, deine Blumen und das ganze lichtervolle Haus des unendlichen Vaters und erzählest deinen Kindern von ihm, die ihn noch nicht gesehen haben. – – Aber, gute Mutter Erde, es wird ein Jahrtausend aufgehen, wo alle deine Kinder dir werden gestorben sein, wo der feurige Sonnen-Strudel dich in zu nahe verzehrende Kreise an sich wird gewirbelt haben: dann wirst du, verwaiset, mit Stummen im Schoss, mit Todesasche bestreuet, öde und stumm um deine Sonne ziehen, es wird das Morgenrot kommen, es wird der Abendstern schimmern, aber die Menschen alle werden tief schlafen auf deinen vier Welt-Armen und nichts mehr sehen .... Alle werden es? – Ach, dann lege eine höhere tröstende Hand unserem Mitbruder, der zuletzt entschläft, den letzten Schleier ohne Zögern über das einsame Auge ....

.... Das Abendrot schimmert schon in Nordenauch in meiner Seele ist die Sonne hinunter und am rand zucket rotes Licht und mein Ich wird finsterdie Welt vor mir liegt in einem festen Schlafe und hört und redet nichtes setzet sich in mir zusammen eine bleiche Welt aus Totengebeinendie alten Stunden stäuben sich ab, es brauset, wie wenn an den Grenzen der Erde eine Vernichtung anfinge und ich herüberhörte das Zerbrechen einer Sonneder Strom stockt und alles ist stilleein schwarzer Regenbogen krümmt sich aus Gewittern zusammen über diese hülflose Erde.

– – Siehe! es tritt eine Gestalt unter den schwarzen Bogen, es schreitet über die Junius-Blumen ungehört ein unermessliches Skelett und geht zu meinem Berge heranes verschlingt Sonnen, erquetscht Erden, tritt einen Mond aus und ragt hoch hinein in das Nichtsdas hohe weisse Gebein durchschneidet die Nacht, hält zwei Menschen an den Händen, blickt mich an und sagt: "Ich bin der Todich habe an jeder Hand einen Freund von dir, aber sie sind unkenntlich."

Mein Mund lag auf die Erde gestürzt, mein Herz schwamm im Gifte des Todesaber ich hörte noch sterbend ihn reden.

"Ich töte dich jetzt auch, du hast meinen Namen oft genennt und ich habe dich gehörtich habe schon eine Ewigkeit zerbröckelt und greife in alle Welten hinein und erdrücke; ich steige aus den Sonnen in euren dumpfen, finstern Winkel nieder, wo der Menschen-Salpeter anschiesset, und streich' ihn ab .... Lebst du noch, Sterblicher?" ....

Da zerging mein verblutetes Herz in eine Träne über die Qualen des Menschenich richtete mich gebrochen auf und schaute nicht auf dieses Skelett und auf das, was es führteich blickte auf zu dem Sirius und rief mit der letzten Angst: "Verhüllter Vater, lässest du mich vernichten? Sind diese auch vernichtet? Endigt das gequälte Leben in eine Zerschmetterung? Ach, konnten die Herzen, die zertrümmert werden, dich nur so kurz lieben?"

Siehe! da entfiel droben dem nachtblauen Himmel ein heller Tropfe, so gross wie eine Träne, und sank wachsend neben einer Welt nach der andern vorbeiAls er gross und mit tausend Farbenblitzen durch den schwarzen Bogen drang: so grünte und blühte dieser wie ein Regenbogen und unter ihm waren keine Gestalten mehrund als der Tropfen gross-glimmend wie eine