1793_Jean_Paul_048_176.txt

jetzigen ausgelaugten Predigtaufen.

Ausläuten oder Sieben Letzte Worte an die

Leser der Lebensbeschreibung und der Idylle

Am 21ten Junius oder längsten Tage

Heute wird also meine kleine Rolle, wenigstens für den ersten Auftritt, aus; sobald ich die sieben Worte gar geschrieben habe: so gehen ich und die Leser auseinander. Aber ich trete trauriger weg als sie. Ein Mensch, der den Weg zu einem weiten Ziel vollendet hat, wendet sich an diesem um und sieht unbefriedigt und voll neuer Wünsche über die zurücklaufende Strasse hin, die seine schmalen Stunden wegmass und die er, wie eine Medea, mit Gliedern des Lebens überstreuete. Eh' es heute Nacht wurde, hab' ich alle die Papierspäne, die von diesem buch fielen, eingesargt, aber nicht, wie andre Schreiber, eingeäschertich habe zugleich alle Briefe der Freunde, die mir keine neue mehr schreiben können, als Akten der in der Erden-Instanz geschlossenen Prozesse inrotuliert und hingelegt. – So etwas sollte der Mensch stets deponieren und alle Freudenblumen aufkleben, trotz ihrer Vertrocknung, in einem Kräuterbuche; nicht einmal seine alten Fracks, Pikeschen und Bratenröcke (die übrigen Kleiderstücke charakterisieren wenig) sollte er verschenken oder versteigern, sondern hinhenken sollt' er sie als Hülsen seiner ausgekernten Stunden, als Puppengehäuse der ausgeflognen Freuden, als Gewandfall oder tote Hand, die der Erinnerung heimfällt von den gestorbenen Jahren ....

– – Sobald ich heute am Tage, der so lang war als dieses Buch, mit dieser Leichenbestattung fertig war: so ging ich in die Nacht heraus, die so kurz ist wie die des Lebens ... und hier steh' ich unter dem Himmel und fühl' es wieder wie allemal, dass jede überstiegne Treppe hienieden sich zur Staffel einer höhern verkürzt und dass jeder erkletterte Tron zum Fussschemel eines neuen einschrumpft. – Die Menschen bewohnen und bewegen das grosse Tretrad des Schicksals und glauben darin, sie steigen, wenn sie gehen .... Warum will ich schon wieder ein neues Buch schreiben und in diesem die Ruhe erwarten, die ich im alten nicht fand? – – Ein buschichter Felsen, der sich über einen Steinbruch bückt, hält mich hier mit meiner Schreibtafel, in der ich dieses Buch zu Ende führen will, in der Nacht des Junius empor, den die Maler, wie den Tod, mit einer Sense malen. – – Es ist über 11 Uhr; auf dem erloschnen blauen himmels-Ozean über mir glimmt nur hier und da ein zitterndes Pünktchender Arkturus wirft aus Westen seine kleinen Blitze auf seine Erden und auf meineder grosse Bär blinkt aus Norden, und die Andromeda aus Ostender breite Mond liegt unter der Erde neben dem Mittage der neuen Weltaber die eingesunkne Abendröte (dieser bunte Sonnen-Schatte) beugt den Tagschimmer der neuen Welt gemildert in die alte herein und wirft ihn über zehn überlaubte Dörfer um mich und über den schwarzen, allein fortredenden Strom, diese lange Wasseruhr der Zeit, die damit ein Jahrtausend ums andre misset. – –

So jämmerlich ist der enge Mensch; wenn er ein Buch hinaus hat, so blickt er zu allen entlegnen Sonnen auf, ob sie ihm nicht zusehen; – bescheidner wäre es, er dächte, er werde bloss von Europa und dessen indischen Besitzungen bemerkt. – – Ich wünsche nicht, dass mich hier ein Cherub, ein Seraph oder nur ein Berggeist mit meiner Schreibtafel und meinen Narrheiten gewahr werde. Mich sehe lieber ein Mensch stehen und schreiben: der wird mild sein und von seinem eignen Herzen lernen, die Schwächen eines fremden tragen; der gebrechliche Mensch wird es fühlen und vergeben, dass jeder das Nest, worin er sitzt und quiekt und welches das einzige ist, worüber er mit Schnabel und H– hinaussticht, für den Fokus des Universums hält, für eine Frontloge und Rotunda, die sämtlichen Nester aber auf den andern Bäumen für die Wirtschaftgebäude seines Fokalnestes ..... O ihr guten Menschen! warum ist es möglich, dass wir uns untereinander auch nur eine halbe Stunde kränken? – Ach, in dieser gefährlichen Dezember-Nacht dieses Lebens, mitten in diesem Chaos unbekannter Wesen, welche die Höhe oder Tiefe von uns entfernt, in dieser verhülleten Welt, in diesen bebenden Abenden, die sich um unser zerstäubendes Erdchen legen, wie ist es da möglich, dass der verlassene Mensch nicht die einzige warme Brust umschlinge, in der ein Herz liegt wie seines und zu der er sagen kann: "Mein Bruder, du bist wie ich und leidest wie ich, und wir können uns lieben"? – Unbegreiflicher Mensch! du sammelst lieber Dolche auf und treibest sie, mitten in deiner Mitternacht, in die ähnliche Brust, womit der gute Himmel deine wärmen und beschirmen wollte! ... Ach, ich schaue über die beschatteten Blumengründe hin und sage mir, dass hier sechstausend Jahre mit ihren schönen hohen Menschen vorübergezogen sind, die keiner von uns an seinen Busen drücken konntedass noch viele Jahrtausende über diese Stätte gehen und darüber himmlische, vielleicht betrübte Menschen führen werden, die uns nie begegnen, sondern höchstens unsern Urnen, und die wir so gern lieben würdenund dass bloss ein paar arme Jahrzehende uns einige fliehende Gestalten vorführen, die ihr Auge auf uns wenden und in denen das verschwisterte Herz für uns ist, nach dem wir uns sehnen. – Umfasset diese eilenden Gestalten; aber bloss aus euren Tränen werdet ihr wissen, dass ihr seid geliebet worden .