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Haube des KindesDer leise Kirschbaum vor dem Fenster malte auf dem Grund von Mondlicht aus Schatten einen bebenden Baumschlag in die stubeAm stillen Himmel wurde zuweilen eine fackelnde Sternschnuppe niedergeworfen, und sie verging wie ein MenschEs fiel mir bei, die nämliche stube, die jetzt der schwarz ausgeschlagene Vorsaal des Grabes war, wurde morgen vor 43 Jahren, am 13ten Mai, vom Kranken bezogen, an welchem Tage seine elysischen Achtwochen angegangenIch sah, dass der, dem damals dieser Kirschbaum Wohlgeruch und Träume gab, dort im drückenden Traume geruchlos liege und vielleicht noch heute aus dieser stube ausziehe und dass alles, alles vorüber sei und niemals wiederkomme .... und in dieser Minute fing Wutz mit dem ungelähmten arme nach etwas, als wollt' er einen entfallenden Himmel erfassen – – und in dieser zitternden Minute knisterte der Monatzeiger meiner Uhr und fuhr, weils 12 Uhr war, vom 12ten Mai zum 13ten über .... Der Tod schien mir meine Uhr zu stellen, ich hörte ihn den Menschen und seine Freuden käuen, und die Welt und die Zeit schien in einem Strom von Moder sich in den Abgrund hinabzubröckeln! ...

Ich denke an diese Minute bei jedem mitternächtlichen Überspringen meines Monatzeigers; aber sie trete nie mehr unter die Reihe meiner übrigen Minuten!

Der Sterbendeer wird kaum diesen Namen lange mehr habenschlug zwei lodernde Augen auf und sah mich lange an, um mich zu kennen. Ihm hatte geträumt, er schwankte als ein Kind sich auf einem Lilienbeete, das unter ihm aufgewalletdieses wäre zu einer emporgehobnen Rosen-Wolke zusammengeflossen, die mit ihm durch goldne Morgenröten und über rauchende Blumenfelder weggezogendie Sonne hätte mit einem weissen Mädchen-Angesicht ihn angelächelt und angeleuchtet und wäre endlich in Gestalt eines von Strahlen umflognen Mädchens seiner Wolke zugesunken und er hätte sich geängstigt, dass er den linken gelähmten Arm nicht um und an sie bringen können. – – Darüber wurde' er wach aus seinem letzten oder vielmehr vorletzten Traum; denn auf den langen Traum des Lebens sind die kleinen bunten Träume der Nacht wie Phantasieblumen gestickt und gezeichnet.

Der Lebensstrom nach seinem kopf wurde immer schneller und breiter: er glaubte immer wieder, verjüngt zu sein; den Mond hielt er für die bewölkte Sonne; es kam ihm vor, er sei ein fliegender Taufengel, unter einem Regenbogen an eine DotterblumenKette aufgehangen, im unendlichen Bogen auf- und niederwogend, von der vierjährigen Ringgeberin über Abgründe zur Sonne aufgeschaukelt .... Gegen 4 Uhr morgens konnte er uns nicht mehr sehen, obgleich die Morgenröte schon in der stube wardie Augen blickten versteinert vor sich hineine Gesichtzukkung kam auf die andreden Mund zog eine Entzükkung immer lächelnder auseinanderFrühling-Phantasien, die weder dieses Leben erfahren, noch jenes haben wird, spielten mit der sinkenden Seeleendlich stürzte der Todesengel den blassen Leichenschleier auf sein Angesicht und hob hinter ihm die blühende Seele mit ihren tiefsten Wurzeln aus dem körperlichen Treibkasten voll organisierter Erde ..... Das Sterben ist erhaben; hinter schwarzen Vorhängen tut der einsame Tod das stille Wunder und arbeitet für die andre Welt, und die Sterblichen stehen da mit nassen, aber stumpfen Augen neben der überirdischen Szene ....

"Du guter Vater," sagte seine Witwe, "wenn dirs jemand vor 43 Jahren hätte sagen sollen, dass man dich am 13ten Mai, wo deine Achtwochen angingen, hinaustragen würde!" – "Seine Achtwochen", sagt' ich, "gehen wieder an, dauern aber länger."

Als ich um 11 Uhr fortging, war mir die Erde gleichsam heilig, und Tote schienen mir neben mir zu gehen; ich sah auf zum Himmel, als könnt' ich im endlosen Äter nur in einer Richtung den Gestorbnen suchen; und als ich oben auf dem Berge, wo man nach Auental hineinschauet, mich noch einmal nach dem Leidensteater umsah und als ich unter den rauchenden Häusern bloss das Trauerhaus unbewölket dastehen und den Totengräber oben auf dem Gottesacker das Grab aushauen sah, und als ich das Leichenläuten seinetwegen hörte und daran dachte, wie die Witwe im stummen Kirchturm mit rinnenden Augen das Seil unten reisse: so fühlt' ich unser aller Nichts und schwur, ein so unbedeutendes Leben zu verachten, zu verdienen und zu geniessen. –

Wohl dir, lieber Wutz, dass ichwenn ich nach Auental gehe und dein verrasetes Grab aussuche und mich darüber kümmere, dass die in dein Grab beerdigte Puppe des Nachtschmetterlings mit Flügeln daraus kriecht, dass dein Grab ein Lustlager bohrender Regenwürmer, rückender Schnecken, wirbelnder Ameisen und nagender Räupchen ist, indes du tief unter allen diesen mit unverrücktem haupt auf deinen Hobelspänen liegst und keine liebkosende Sonne durch deine Bretter und deine mit Leinwand zugeleimten Augen brichtwohl dir, dass ich dann sagen kann: "Als er noch das Leben hatte, genoss er es fröhlicher wie wir alle."

Es ist genug, meine Freundees ist 12 Uhr, der Monatzeiger sprang auf einen neuen Tag und erinnerte uns an den doppelten Schlaf, an den Schlaf der kurzen und an den Schlaf der langen Nacht ....

Fussnoten

1 Die bekanntlich besser schmecken, wenn man sie mit Rutenstreichen tötet. 2 Langens geistliches Recht S. 534. 3 In manchen deutschen Gegenden tragen die Mädchen drei Dukaten am Halse. 4 Cobers Kabinettspredigerin dem mehr Geist steckt (freilich oft ein närrischer) als in zwanzig