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weniger am inneren Menschen (und weit mehr am äussern) ändern kann, als Hofmeister sich einbilden: so wird man sich wundern, dass bei Gustav gerade das Gegenteil eintrat; denn sein ganzes Leben klang nach dem Chorton seiner überirdischen, d.h. unterirdischen Erziehung. Der Leser muss nämlich aus seinem ersten Sektor noch im kopf haben, dass die herrnhutisch gesinnte Obristforstmeisterin von Knör ihre Tochter Ernestine nur unter der Bedingung sich selber durch das Schach ausspielen liess, dass der gewinnende Bräutigam in den Ehepakten verspreche, das erste Kind acht Jahre unter der Erde zu erziehen und zu verbergen, um dasselbe nicht gegen die Schönheiten der natur und die Verzerrungen der Menschen zugleich abzuhärten. Vergeblich stellte der Rittmeister Ernestinen vor: "so verzög' ihm ja die Schwiegermutter den Soldaten zu einer Schlafhaube, und man sollte nur warten, bis ein Mädchen käme." Er liess auch wie mehre Männer den Unmut über die Schwiegermutter ganz am weib aus. Aber die Alte hatte schon vor der Taufe einen himmlischschönen Jüngling aus Barby verschrieben. Der Rittmeister konnte wie alle kraftvolle Leute das herrnhutische Diminuendo nicht ausstehen; am meisten redete er darüber, dass sie so wenig redeten; sogar das war nicht nach seinem Sinne, dass die herrnhutischen Wirte ihn nicht sowohl überschnellten als zu sehr überschnellten.

Allein der Geniusdiesen schönen Namen soll er vorjetzt auf allen Blättern habenlag nicht an jenen das Herz einschraubenden Krämpfen des Herrnhutismus krank, und er nahm bloss das Sanfte und Einfache von ihm. Über seinem schwärmerischen trunknen Auge glättete sich eine ruhvolle schuldlose Stirne, die das vierzigste Jahr ebenso unrastriert und ungerunzelt liess wie das vierzehnte. Er trug ein Herz, welches Laster, wie Gifte Edelsteine, zerbrochen hätten; schon ein fremdes von Sünden durchackertes oder angesäetes Gesicht beklemmte schwül seine Brust, und sein Inneres erblasste vor dastehenden Schmutzseelen, wie der Saphir an dem Finger eines Unkeuschen seinen Blauglanz verlieren soll.

Gleichwohl musste eine solche vieljährige Aufopferung für ein Kind sogar auf eine so schöne Seele wie des Herrnhuters schwer und hart aufdrücken; aber er sagte: "o welche himmlische Anlässe hab' er dazu, die er aber nur seinem Gustav, der gewiss mit Gottes hülfe so aufblühe, wie er hoffe, künftig vertraue; und niemand solle sich doch über sein scheinbares Selbstinopfern zu einem wahren tiefen Erden-Leben wundern." – Und in der Tat werden feinere Leser, die weit denken, hoff' ich, nicht sich wundern, sondern vielmehr sich anstellen, als fänden sie ein solches ErziehHeldentum eben recht natürlich. übrigens ist wohl die Tugend der meisten Menschen mehr nur ein Extrablatt und Gelegenheitgedicht in ihrem Zeitung- und Alltagleben; allein zwei, drei und mehre Genien sind doch vorhanden, in deren epischem Leben die Tugend die Heldin ist und alles übrige nur Nebenpartie und Episode und deren Steigen vom volk mehr angestaunet als bewundert werden kann.

Die ersten dunkeln Jahre lebte Gustav mit seinem Schutzengel noch in einem überirdischen Zimmer; er trennte ihn bloss von den heillosen Kipperinnen und Wipperinnen der Kindheit, denen wir ebenso viele lahme Beine als lahme Herzen zu danken habenMägden und Ammen. Ich wollte lieber, diese Unhuldinnen erzögen uns im zweiten Jahrzehend als im zweiten Jahr.

Der Genius zog darauf mit seinem Gustav unter eine alte ausgemauerte Höhlung im Schlossgarten, von der es der Rittmeister bedauerte, dass er sie nicht längst verschütten lassen. Eine Kellertreppe führte links in den Felsenkeller und rechts in diese Wölbung, wo eine Kartause mit drei Kammern stand, die man wegen einer alten Sage die Dreibrüder-Kartause nennte; auf ihrem Fussboden lagen drei steinerne Mönche, welche die ausgehauenen hände ewig übereinander legten; und vielleicht schliefen unter den Abbildern die stummen Urbilder selber mit ihren untergegangnen Seufzern über die vergehende Welt. Hier waltete bloss der schöne Genius über den Kleinen und bog jeden knospenden Zweig desselben zur hohen Menschengestalt empor.

Elende Umständlichkeit, z.B. über die Lieferanten der Wäsche, der Betten und speisen, werden mir Frauenzimmer am liebsten erlassen; aber sie werden begieriger sein, wie der Genius erzog. Recht gut, sag' ich, er befahl nicht, sondern gewöhnte und erzählte bloss. Er widersprach weder sich noch dem kind, ja er hatte das grösste Arkanum, ihn gut zu machener war es selbst. Ohne dieses Arkanum könnte man ebensogut den Teufel zum Informator dingen als sich selber, wie die Töchter schlimmer Mütter zeigen. Der Genius glaubte übrigens, beim ersten Sakramente (der Taufe) gehe die Bildung des Herzens an, beim zweiten (Abendmahl) die des Kopfes.

Von guten Menschen hören ist so viel als unter ihnen leben, und Plutarchs Biographien wirken tiefer als die besten Lehrbücher der Moralphilosophie zum Gebraucheakademischer Lehrer. Für Kinder vollends gibts keine andere Sittenlehre als Beispiel, erzähltes oder sichtbares; und es ist erzieherische Narrheit, dass man durch Gründe Kindern nicht diese Gründe, sondern den Willen und die Kraft zu geben meinet, diesen Gründen zu folgen. O tausendmal glücklicher als ich neben meinem Tertius und Konrektor lagst du, Gustav, auf dem Schosse, in den Armen und unter den Lippen deines teuern Genius, wie eine trinkende Alpenblume an der rinnenden Wolke, und sogest dein Herz an den Erzählungen von guten Menschen gross, die der Genius sämtlich Gustave und Selige nennte, von denen wir bald sehen sollen, warum sie mit Schwabacher gedruckt sind! Da er gut zeichnete, so gab er ihm, wie Chodowiecki dem Romanenmacher, die Zeichnung jeder geschichte und umbauete den Kleinen mit