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zeigte den Ort, wo sein Frühling schöner ist. – Sie hörten die Blätter der Terrasse lispeln und den Lebensbaum, unter welchem sie nach dem Untergang der Sonne sich zum zweiten Mal ihre Seelen gegeben hatten .... O ihr zwei Überseligen und Guten! jetzt schöpft ein guter Seraph für euch eine Silber-Minute aus dem Freuden-Meere, das in einer schönern Erde liegtauf diesem eilenden Tropfen blinkt die ganze Perspektive des Edens, worin der Engel ist; die Minute wird zu euch herunterrinnen, aber ach, so schnell wird sie vorübergehen! –

Beata gab Gustav, als Wink zum Abschied, das begehrte Blatter drückte die Hand, aus der es kam, an seinen stillen Munder konnte weder Dank noch Lebewohl sagener nahm ihre zweite Hand, und alles rief und wiederholte in ihm: "Sie ist ja wieder dein und bleibt es ewig", und er musste weinen über seine Seligkeit. Beata sah ihm in sein überströmendes Herz und ihres floss in eine Träne über und sie wusst' es noch nicht; aber als die Träne des heiligsten Auges auf die Rosenwange glitt und an diesem Rosenblatte mit erzitterndem Schimmer hingals seine fesselnde und ihre gefesselte hände sie nicht trocknen konntenals er mit seinem flammenden Angesicht, mit seiner überseligen zerspringenden Brust die Zähre nehmen wollte und sich nach dem Schönsten auf der Erde wie eine Entzückung nach der Tugend neigte und mit seinem Gesicht das ihrige berührte: dann führte der Engel, der die Erde liebt, die zwei frömmsten Lippen zu einem unauslöschlichen Kusse zusammendann versanken alle Bäume, vergingen alle Sonnen, verflogen alle Himmel, und Himmel und Erde hielt Gustav in einem einzigen Herz an seiner Brust; – dann gingest du, Seraph, in die schlagenden Herzen und gabest ihnen die Flammen der überirdischen Liebeund du hörtest fliehen von Gustavs heissen Lippen die gehauchten Laute: "O du Teure! Unverdiente! und so Gute! so Gute!"

Es sei genugdie hohe Minute ist vorübergeflossender Erdentag schickt sein Morgenrot schon an den Himmelmein Herz komme zur Ruhe, und jedes andre auch!

Fussnoten

1 Die Zahuri in Spanien sehen durch die verschlossene Erde hindurch bis zu ihren Schätzen hinab, zu ihren Toten, zu ihren Metallen etc.

Vierundfunfzigster oder 6ter Freuden-Sektor

Tag nach dieser NachtBeatens Blatt

Merkwürdigkeit

Ich bitte die Kritik um Verzeihung, wenn ich diese Nacht zu viele Metaphern und zu viel Feuer und Lärm gemacht: ein Freuden-Sektor (so wie die Kritik darüber) muss sich dergleichen gefallen lassen, sobald einmal der Verfasser sich eine ähnliche Überfracht von Zitronensäure, Teeblüte, Zuckerrohr und Arrak gefallen lässt, wie ich tat.

Ich legte mich heute gar nicht nieder: die Vögel fingen schon wieder zu singen an, und als der Traum kaum das vergangne Schauspiel einige 40mal wieder vor den zugesunknen Augen aufgeführet hatte, macht' ich sie wieder auf, weil die Sonne mich umflammte.

Eine durchwachte und durchfreuete Nacht lässt einen Morgen zurück, wo man in einer süssen Abspannung weniger empfindet als phantasieret, wo die nächtlichen Töne und Tänze unsere inneren Ohren immerfort anklingen, wo die Personen, mit denen wir sie verbrachten, in einem schönen Dämmerlichte, das unsre Herzen zieht, vor unsern inneren Augen schweben. In der Tat, man liebt nie eine Frau mehr als nach einer solchen Nacht, morgens eh' man gefrühstückt. vor Tage seine fünftägige Reise angetreten, und an meinen festen Ottomar, der mit ihm geht. Möchtet ihr an keine Dornen kommen als solche, die unter die Rose gesteckt sind, unter keine Wolke treten als die, die euch den ganzen blauen Himmel lässt und bloss die Glut-Scheibe nimmt, und möchte euren Freuden keine fehlen als die, dass ihr sie uns noch nicht erzählen könnet!

Alles Sonnenlicht umzauberte und überwallte mir bloss wie erhöhtes Mondenlicht alle Schattengänge von Lilienbad; die vorige Nacht schien mir in den heutigen Tag herüberzulangen, und ich kann nicht sagen, wie mir der Mond, der noch mit seinem abgewischten Schimmer wie eine Schneeflocke tief gegen Abend herhing, so willkommen und lieb wurde. O blasser Freund der Not und der Nacht! ich denke schon noch an dein elysisches Schimmern, an deine abgekühlten Strahlen, womit du uns an Bächen und in Laubgängen begleitest und womit du die traurige Nacht in einen von weiten gesehenen Tag umkleidest! Magischer Prospektmaler der künftigen Welt, für die wir brennen und weinen, wie ein Gestorbner sich verschönert, so malest du jene auf unsre irdische, wenn sie mit allen ihren Blumen und Menschen schläft oder schweigend dir zusieht! –

Ich gäbe heute die vornehmste Visite darum, wenn ich eine bei den Glücklichen des gestrigen Tages machen könnte; es ist aber nicht zu tun. Sogar Beata hat heute eine von ihrer Mutter; und mein Auge konnte noch nichts von ihr habhaft werden als die fünf weissen Finger, womit sie einen Blumentopf an ihrem Fenster aus dem Schatten eines Zweiges wegdrehte. O wenn unser altes Leben und unsre Wandelgänge wieder anheben und alles wieder beisammenlebt: was soll da die Gelehrten-Republik nicht zu lesen bekommen!

Heute reich' ich ihr nichts mehr als Beatens Geleitbrief an Gustav, weil ich ihn nur abzuschreiben brauche. Ich schlüpfe dann wieder ins Freie, beschiffe nach der Seekarte meines Kopfes den gestrigen Weg noch einmal, und indem ich die verzettelten Blumen, die gestern unsre vollen hände fallen liessen, als Nachflor auflese, find' ich