Wangen unter einem Schleier – rote und weisse Nebel-Rosen – einen roten Sonnenhut u.s.w. ...
Punsch, denke' ich, wurde endlich für die Herren gebracht, von denen einer ihn in solcher Mässigkeit zu sich nahm, dass er noch um 21/2 Uhr seinen Sektor setzen kann. Wir wandelten dann unter dem kühlenden rauschenden Baum des himmels, dessen Blüten Sonnen und dessen Früchte Welten sind, hin und her. Das Vergnügen führte uns bald auseinander, bald zueinander, und jeder war gleich sehr fähig, ohne und durch Gesellschaft zu geniessen. Beata und Gustav vergassen aus Schonung über die fremde Liebe und Freude ihre besondere und waren unter lauter Freunden sich auch nur Freunde. O predigt doch bloss die Traurigkeit, die das Herz so dick wie das Blut macht, aber nicht die Freude aus der Welt, die in ihrem Taumeltanz die arme nicht bloss nach einem Mittänzer, sondern auch nach einem wankenden Elenden ausstreckt und aus dem Jammer-Auge, das ihr zusieht, vorüberfliehend die Träne nimmt! – Heute wollten wir einander alles verzeihen, ob wir gleich nichts zu verzeihen fanden. Es war nichts zu vergeben da, sag' ich; denn als ein Stern um den andern aus der schattierten Tiefe herausquoll und als ich und Ottomar vor einer schlagenden Nachtigall umgekehret waren, um durch die Entfernung den gedämpften Lautenzug ihrer Klagen anzuhören, und als wir einsam, von lauter Tönen und Gestalten der Liebe umgeben, nebeneinander standen und als ich mich nicht mehr halten konnte, sondern unter dem grossen jetzigen und künftigen Himmel mein Herz dem zeigte, dessen seines ich längst gesehen und geliebt: so war so etwas kein Verzeihen und Versöhnen, sondern ... Davon übermorgen!
In veränderlichen Gruppen – bald die zwei Mädchen allein, bald mit einem dritten, bald wir alle – betraten wir die in Gras umgekleideten Blumen und gingen zwischen zwei nebenbuhlerischen Nachtigallen, wovon die eine unsre Insel, die andre die nächste Insel besang und begeisterte. In diesem musikalischen Potpourri hatten die Blumenblätter die wohlriechenden Potpourri zugedeckt, aber alle Birkenblätter hatten die ihrigen aufgetan, und wir teilten uns mit Absicht auseinander, um nicht eilig aus unserem zauberischen Otaheiti abschiffen zu können. –
Endlich gerieten wir zufällig unter einer Silberpappel zusammen, deren beschneiete Blätter durch den Glanz im Abend uns um sie versammelt hatten. "Wir haben hohe Zeit zum Fortgehen!" sagte Beata. Allein da wirs wollten oder wollen mussten: so ging der Mond auf; hinter einem gegitterten Fächer von Bäumen schlug er so bescheiden, als er still über die blinde Nacht wegfliesset, seine Wolken-Augenlider auf, und sein Auge strömte, und er sah uns an wie die Aufrichtigkeit, und die Aufrichtigkeit sah auch ihn an. "Wollen wir nur" – sagte Ottomar, in dessen heisser Freundschaft-Hand man gern jede weibliche entriet – "bleiben, bis es auf dem wasser lichter wird und der Mond in die Täler hereinleuchten kann – wer weiss, wann wirs wieder so haben?" Endlich füge er hinzu: "Ich und Gustav verreisen ohnehin morgen früh, und das Wetter hält nicht mehr lange." Es ist das siebenwöchentliche unbekannte Verreisen, von dem ich alle Mutmassungen, die es bisher so wichtig und rätselhaft vorstellten, gern hier zurücknehme.
Wir blieben wieder; das Gespräch wurde einsilbiger, der Gedanke vielsilbiger und das Herz zu voll, so wie uns der abnehmende Mond an der Aufgangschwelle auch voll vorkam. Wenn einmal eine Gesellschaft die Hand vom Türdrücker, woran sie sie schon hatte, wieder wegtut: so erregt dieser Aufschub die Erwartung grösserer Vergnügungen, und diese Erwartung erregt Verlegenheit; – wir aber wurden bloss um einander stiller, verbargen unsere Seufzer über die Falkenflügel fröhlicher Stunden, und vielleicht brachte manches weggewandte Auge dem mond das Opfer, das ihm der traurigste und der freudigste Mensch so schwer versagen kann ....
Gerade jetzt drängte ich mich wieder hinaus in seine Strahlen und komme wieder an meinen Schreibtisch und danke dem Schleier der Nacht, der um das Universum doppelt herumreicht, dass er auch über den grössten Schmerzen und Freuden der Menschen sich faltet .... Wir waren also auf unserer Insel so schwermütig stumm, wie an einer Pforte der fröhlichen Ewigkeit; der länderbreite Frühling zog mit seiner Herrlichkeit – mit seinem gesunknen lauen mond – mit seinem schillernden Venusstern – mit seiner erhabnen Mitternachtröte – mit seinen himmlischen Nachtigallen vor fünf Menschen vorüber; er warf und häufte in diese fünf Überglückliche seine Knospen und seine Blüten und seine dämmernden Aussichten und Hoffnungen und seine tausend Himmel und nahm ihnen nichts dafür weg als ihre Sprache. O Frühling! o du Erde Gottes! o du unumspannter Himmel! ach! regte sich heute doch in allen Menschen auf dir das Herz in freudigen Schlägen, damit wir alle nebeneinander unter den Sternen niederfielen und den heissen Atem in eine jubel-stimme ergössen und alle Freuden in Gebete, und das hohe Herz nach dem hohen Himmelblau richteten und in der Entzückung nicht Kummer-, sondern Wonne-Seufzer abschickten, deren Weg so lang zum Himmel wie unserer zum Sarge ist! ... Du bitterer Gedanke, oft unter lauter Unglücklichen der Fröhliche zu sein! – du süsserer, unter lauter Glücklichen der Betrübte zu sein!
Endlich flossen vom Silberblick des steigenden Mondes die trübenden Schlacken hinweg; er stand wie eine unaussprechliche Entzückung höher in der Nacht des himmels, aus dessen Hintergrund in den Vorgrund gemalt. Die Frösche durchschlugen wie eine Mühle die Nacht, und ihr