stoisch-energischen Stunden wegschreitet, im Wege liegen; so wie sich über die Sonne, wenn ein Brennspiegel sie herunterholen will, nicht das dünnste Wölkchen schieben darf .... Ich bin jetzt im Feuer und versichere, ich kann mir unmöglich etwas Närrischeres denken als unser Leben, unsere Erde, uns Menschen und unsre Bemerkung dieser Narrheit ....
Der indische Ozean war ein lärmender Marktplatz wie ein sinesischer Strom, überall bewegte sich auf ihm Freude, Leben und Glanz, von seiner Oberfläche bis zu seinem grund, wo die zweite Halbkugel des himmels mit ihrer Sonne zitterte. Im Landhause waren die Wände weiss, weil für einen Menschen (sagte Fenk), welcher aus der in lauter Feuer und Lichtern stehenden natur in eine enge Klause tritt, kein Kolorit dieser Klause hell genug sein könne, um einen traurigen beschränkten Eindruck abzuwenden.
Alsdann ruhten wir aus, indem wir von einer beschatteten Grasbank der Insel zur andern gingen, von Birkenblättern und indischen Wellen angefächelt – dann musizierten – dann dinierten wir, erstlich am Tische eines Wirtes, der auf eine lustige Art fein und delikat zu sein weiss, zweitens vor den in alle Weltgegenden aufgeschlossenen Fenstern, die uns noch mehr in alle Strudel der freudigen natur hineindrehten, als wären wir draussen gewesen, und drittens jeder von uns mit einer Hand, welche die weiche Beere des Vergnügens abzunehmen weiss, ohne sie entzweizudrükken. – Ottomar kommt abends – die zwei Mädchen haben unter Blumen und der glückliche Gustav unter Schatten sich verloren – der Lebensbeschreiber liegt hier wie der Jurist Bartolus auf dem hebenden Grase und schildert alles – Fenk ordnet auf Abend an. – Erst abends tritt das Vollicht unserer heutigen Freude ein; und ich danke dem Himmel, dass ich jetzt mit meiner biographischen Feder nachgekommen bin und niemals mehr weiss, als ich eben berichte: anstatt dass ich bisher immer mehr wusste und mir den biographischen Genuss der freudigsten Szenen durch die Kenntnis der traurigen Zukunft versalzte. So aber könnt' in der nächsten Viertelstunde uns alle das Weltmeer ersäufen: in der jetzigen lächelten wir in dasselbe hinein.
Da ich so ruhig bin und nicht spazieren gehen mag: so will ich über das Spazierengehen, das so oft in meinem Werke vorkommt, nicht ohne Scharfsinn reden. Ein Mann von Verstand und Logik würde meines Bedünkens alle Spazierer, wie die Ostindier, in vier Kasten zerwerfen.
In der I. Kaste laufen die jämmerlichsten, die es aus Eitelkeit und Mode tun und entweder ihr Gefühl oder ihre Kleidung oder ihren gang zeigen wollen.
In der II. Kaste rennen die Gelehrten und Fetten, um sich eine Motion zu machen, und weniger, um zu geniessen, als um zu verdauen, was sie schon genossen habe; in dieses passive unschuldige Fach sind auch die zu werfen, die es tun ohne Ursache und ohne Genuss, oder als Begleiter, oder aus einem tierischen Wohlbehagen am schönen Wetter.
Die III. Kaste nehmen diejenigen ein, in deren kopf die Augen des Landschaftmalers stehen, in deren Herz die grossen Umrisse des Weltall dringen, und die der unermesslichen Schönheitlinie nachblikken, welche mit Efeufasern um alle Wesen fliesset und welche die Sonne und den Bluttropfen und die Erbse ründet und alle Blätter und Früchte zu Zirkeln ausschneidet. – O wie wenig solcher Augen ruhen auf den Gebirgen und auf der sinkenden Sonne und auf der sinkenden Blume!
Eine IV. bessere Kaste, dächte man, könnt' es nach der dritten gar nicht geben: aber es gibt Menschen, die nicht bloss ein artistisches, sondern ein heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen – die in diese blühende Welt die zweite verpflanzen und unter die Geschöpfe den Schöpfer – die unter dem Rauschen und Brausen des tausendzweigigen, dicht eingelaubten Lebensbaums niederknien und mit dem darin wehenden Genius reden wollen, da sie selber nur geregte Blätter daran sind – die den tiefen Tempel der natur nicht als eine Villa voll Gemälde und Statuen, sondern als eine heilige Stätte der Andacht brauchen – kurz, die nicht bloss mit dem Auge, sondern auch mit dem Herzen spazieren gehen ....
Ich weiss kein grösseres Lob, als dass ich von solchen Menschen leicht auf unser liebendes Paar hinübergleiten kann – die Liebe desselben ist ein solcher Spaziergang, das Leben der hohen Menschen ist auch ein solcher. – Ich will nur noch, eh' ich mich vom erdrückten Gras aufrichte, so viel bemerken, dass Gustavs Liebe ganz in die Realdefinition einpasset, die von ihr in einer schwärmerischen Sommer-Mitternacht zu machen ist – Die edelste Liebe (kann man definieren) ist bloss die zarteste, tiefste, festeste achtung, die sich weniger durch Tun als durch Unterlassen offenbaret, die sich wechselseitig errät, die auf beide Seelen (bis zum Erstaunen) die nämlichen saiten zieht, die die edelsten Empfindungen mit einem neuen Feuer höher trägt, die immer aufopfern, nie bekommen will, die der Liebe gegen das ganze Geschlecht nichts nimmt, sondern alles gibt durch das Einzelwesen; diese Liebe ist eine achtung, in welcher der Druck der hände und der Lippen sehr entbehrliche Bestandteile sind und gute Handlungen sehr wesentliche; kurz eine achtung, die vom grösseren Teile der Menschen ausgehöhnet und vom kleinsten tief geehret werden muss. Eine solche herzerhöhende achtung war Gustavs Liebe, welche edle Augenzeugen nicht nur vertrug, sondern auch erfreuete und wärmte, weil sie ohne jenes unschuldig-sinnliche Getändel mit Lippen und Händen war, woran der Zuschauer gerade so viel Anteil wie an rollenmässigen teatralischen Viktualien der Schauspieler nehmen kann. –