1793_Jean_Paul_048_152.txt

die Berg- und Waldspitzen standen nackt im tiefen Blau, sozusagen ungepudert von Nebelnalle Aussichten waren uns näher gerückt und der Dunst war vom Glase, wodurch wir sahen, abgewischtdie Luft war nicht schwül, aber sie ruhte auf den GewürzFluren unbeweglich aus und das Blatt nickte, aber nicht der Zweig, und die hängende Blume wankte ein wenige aber bloss unter zwei kämpfenden Schmetterlingen .... Es war der Ruhetag der Elemente, die Sieste der natur. Ein solcher Tag, wo schon der Morgen die natur eines schwärmerischen Abends hat und wo schon er uns an unsere Hoffnungen, an unsre Vergangenheit und an unser Sehnen erinnert, kommt nicht oft, kommt für nicht viele, darf für die wenigen, in deren schwellendes Herz er leuchtet, nicht oft kommen, weil er die armen Menschen, die ihm ihre Herzen wie Blumenblätter auftun, zu sehr erfreuet, sie vom kameralistischen Feudalboden, wo man mehr Blumen mähen als beriechen muss, zu weit ins magische Arkadien verschlägt. – Aber ihr Finanziers und Ökonomen und Pächter, wenn fast alle Jahrzeiten der Haut und dem Magen dienen: warum soll nicht ein Tagzumal für Brunnengästebloss dem zu weichen Herzen zugehören? Wenn man euch Härte vergibt: warum wollt ihr keine Weichheit vergeben? – O ihr beleidigt ohnehin genug, ihr gefühllosen Seelen; die schönere feinere ist euch bloss unbedeutend und lächerlich; aber ihr seid ihr quälend und verwundet sie. – sonderbar ist es, dass man andern zuweilen die Vorzüglichkeit der Talente, aber nie die Vorzüglichkeit der Empfindungen zugesteht und dass man seiner eignen Vernunft, aber nicht seinem eignen Geschmack Irrtümer zutraut.

Ein durchsichtiges Dockengeländer von Waldbäumen stand bloss noch zwischen uns und dem indischen Ozean, worin Teidor grünte, als uns der Steig durch das hohe Gras, das über ihn hereinschlug, an einer Einöde oder einem isolierten haus vorübertrug, das zu entzückend in diesem Blumen-Ozean lag, als dass man hätte vorbeigehen oder -reiten können. Wir lagerten uns auf einer abgemähten Rasenstelle, zur rechten Seite des Hauses, zur linken eines runden Gärtchens, das sich mitten in die Wiese versteckte. Im armen Gärtchen waren und nährten sich (wie in einem toleranten staat) auf dem nämlichen Beete Bohnen und Erbsen und Salat und Kohlrüben; und doch hatte im Zwerg-Garten ein Kind noch sein Infusions-Gärtchen. Im blendenden und roten Vogelhäuschen betrieb eine flinke Frau gerade ihre wohlriechende Feldbäckerei; und zwei Kinderhemdchen hingen am Gartenzaun, und zwei standen an der Haustür, in welchen letzten zwei braune Kinder spielten und uns beobachtetenihnen tat am heutigen Morgen nichts wohl als ihren entblössten Füssen die Sonne. O natur! o Seligkeit! du suchest wie die Wohltätigkeit gern die Armut und das Verborgne auf!

Das Klügste, was ich heute gesagt habe und vermutlich sagen werde, ist gewiss die Gras-Rede am Morgen neben dem Häuschen. Als ich so den stehenden Himmel, die Wind- und Blätterstille betrachtete, in der der steilrechte Flügel des Schmetterlings und das Härchen der Raupe unverbogen blieb: so sagt' ich: "Wir und dieses Räupchen stehen unter und in drei allmächtigen Meeren, unter dem Luftmeer, unter dem Wassermeer und unter dem elektrischen Meere; gleichwohl sind die brausenden Wogen dieser Ozeane, diese Meilen-Wellen, die ein Land zerreissen können, so geglättet, so bezähmet, dass der heutige Sabbat-Tag herauskommt, wo den breiten Flügel des Schmetterlings kein Lüftchen ergreift oder um ein gefiedertes Stäubchen berupft und wo das Kind so ruhig zwischen den Elementen-Leviatans tändelt und lächelt. – Wenn dies kein unendlicher Genius bezwungen hat, wenn wir diesem Genius keine Zusammenordnung unsers künftigen Schicksals und unserer künftigen Welt zutrauen –" ...

O unendlicher Genius der Erde! an deinen Busen wollen wir unsre kindlichen Augen schmiegen, wenn sich der Sturm von der Kette losreisset – – an dein allmächtiges heisses Herz wollen wir zurücksinken, wenn uns der eiserne Tod einschläfert, indem er vorbeigeht! –

So wandelten wir unschuldig-zufrieden, ohne Hastigkeit und Heftigkeit den Wellen zu, die an Fenks Landhaus spülten. sonderbar ist es, es gibt Tage, wo wir freiwillig unser stilles fort-vibrierendes Vergnügen von den äussern Gegenständen uns zureichen lassen (wodurch wir ungewöhnlich gegen echten Stoizismus verstossen); – noch sonderbarer ist es, dass manche Tage dieses wirklich tun. – – Ich meine das: ein gewisses leises wellen-glattes Zufriedenseinnicht verdient durch Tugend, nicht erkämpft durch Nachdenkenwird uns zuweilen von dem Tage, von der Stunde beschert, wo alle die jämmerlichen Kleinigkeiten und Fransen, woraus unser ebenso kleinliches als kleines Leben zusammengenäht ist, mit unsern Pulsen einstimmen und unserem Blute nicht entgegenfliessen – z.B. wo (wie heute geschah) der Himmel unbewölkt, der Wind im Schlaf, der Fährmann, der nach Teidor bringt, bei der Hand, der Herr des Landhauses, Doktor Fenk, schon vor einer Stunde gegenwärtig, das wasser eben, das Boot trocken, der AnlandungHafen tief und alles recht ist .... Wahrhaftig wir sind alle auf einen so närrischen Fuss gesetzt, dass es zu den Menschenfreuden, worüber der Zerbster Konsistorialrat Sintenis zwei Bändchen abgefasset, mit gerechnet werden kannin Deutschland; aber in Italien und Polen weit weniger –, zuweilen einen oder den andern Floh zu greifen ...... Will man also einen solchen paradiesischen Tag erleben: so muss nicht einmal eine Kleinigkeit, über die man in