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Gustavs Hand in Beatens ihreer wusste nicht, was er nahmsie wusste nicht, was sie gab, und ihre gegenwärtigen Gefühle erhoben sich weit über geringfügige Versagungen. Endlich legte sich die umdonnerte Sonne wie ein Weiser ruhig unter die kühle Erde, ihr Abendrot ruhte glühend unter dem blitzenden Wetter, sie schien wie eine Seele zu Gott gegangen zu sein, und ein Donnerschlag fiel in den Himmel nach ihrem tod ....

Es dämmerte .... die natur war ein stummes Gebet .... Der Mensch stand erhabener wie eine Sonne darin; denn sein Herz fasste die Sprache Gottes .... aber wenn in das Herz diese Sprache kommt und es zu gross wird für seine Brust und seine Welt: so hauchet der grosse Genius, den es denkt und liebt, die stillende Liebe zu den Menschen in den stürmenden Busen, und der Unendliche lässt sich von uns sanft an den Endlichen lieben ....

Gustav empfand die Hand, die in seiner pulsierte und aus ihr herausstrebteer hielt sie schwächer und sah in das schönste Auge zurückseines bat Beaten unendlich rührend um Vergebung der vergangnen Tage und schien zu sagen: "O! nimm in dieser seligen Stunde auch meinen letzten Kummer weg!" – Als er nun leise mit einem Tone, der so viel war wie eine gute Tat, fragte: "Beata?" und als er nicht weitersprechen konnte und sie das errötende Angesicht zur Erde wandte und aufhörte, ihre Hand aus seiner zu ziehen, und tief gerührt wieder aufsah und ihm die Träne zeigte, die zu ihm sagte: "Ich will dir vergeben": so wurden aus zwei Seelen, die noch grösser waren als die natur um sie, zwei Engel, und sie fühlten den Himmel der Engelsie standen und schwiegen, in unendliche Dankbarkeit und Entzückung verlorener nahm endlich, zitternd vor hochachtender Freude, ihren bebenden Arm und erreichte uns.

Den Sabbat schlossen stille Gedanken, stille Entzückungen, stille Erinnerungen und ein stiller Regen aus allen entladenen Gewittern.

Fussnoten

1 Seine vor einem Jahre gedruckten Predigten werden nach dem Geschmack eines jeden sein, der meinen hat.

Vierter Freuden-Sektor

Der Traum vom HimmelBrief Fenks

Seitdem ich neben meinem lebenbeschreibenden Handwerk noch das eines Damenschneiders betreibe, wächst ein ganz neues Leben in mir auf. Gleichwohl muss man dem künftigen Schröckh, der in sein Bilderkabinett berühmter Männer mich auch als einen hineinhängen will, den Rat geben, dass er sich mässige und aus meiner Schneiderei nicht alles ableite, sondern etwas aus meiner Phantasie. Die letzte hat sich im vorigen Winter und Herbst durch das Malen so vieler Naturszenen so gestärkt, dass der gegenwärtige Frühling an mir ganz andre Augen und Ohren findet als die vorigen alle. Das hätten wir alle, ich und Leser, eher bedenken sollen. Wenn der Reiz gewisser Laster durch die täglich wachsenden Anstrengungen der Phantasie unbezwinglich wird: warum geben wir ihrem hinreissenden Pinsel nicht würdige Gegenstände? Warum richten wir sie nicht im Winter ab, den Frühling aufzufassen oder vielmehr auszuschaffen? Denn man geniesset an der natur nicht, was man sieht (sonst genösse der Förster und der Dichter draussen einerlei), sondern was man ans Gesehene andichtet, und das Gefühl für die natur ist im grund die Phantasie für dieselbe.

In keinem kopf aber kristallisierten sich holdere Traum- und Phantasiegestalten als im Gustavischen. Seine Gesundheit und sein Glück sind zurückgekommen: das zeigen seine Nächte an, worin die Träume wie Violen wieder ihre Lenzkelche auseinandertun. Ein solcher Edenduft wallet um folgenden Traum:

Er starb (kam ihm vor) und sollte den Zwischenraum bis zu seiner neuen Verkörperung in lauter Träumen verspielen. Er versank in ein schlagendes Blüten-Meer, das der zusammengeflossene SternenHimmel war; auf der Unendlichkeit blühten alle Sterne weiss und nachbarliche Blütenblätter schlugen aneinander. Warum berauschte aber dieses von der Erde bis an den Himmel wachsende Blumenfeld mit dem rauchenden geist von tausend Kelchen alle Seelen, die darüberflogen und in betäubender Wonne niederfielen, warum mischte ein gaukelnder Wind unter einem Schneegestöber von Funken und bunten Feuerflocken Seelen mit Seelen und Blumen zusammen, warum wölkte die verstorbnen Menschen ein so süsser und so spielender Totentraum ein? – O darum: die nagenden Wunden des Lebens sollte der Balsamhauch dieses unermesslichen Frühlings verschliessen und der von den Stössen der vorigen Erde noch blutende Mensch sollte unter den Blumen zuheilen für den künftigen Himmel, wo die grössere Tugend und Kenntnis eine genesene Seele begehrt. – Denn ach! die Seele leidet ja hier gar zu viel! – Wenn auf jenem Schneegefilde eine Seele die andre umfasste: so schmolzen sie aus Liebe in einen glühenden Tautropfen ein; er zitterte dann an einer Blume herab und sie hauchte ihn wieder entzweigeteilt als heiligen Weihrauch empor. – Hoch über dem Blütenfeld stand Gottes Paradies, aus dem das Echo seiner himmlischen Töne in Gestalt eines Bachs in die Ebene herniederwallete; sein Wohllaut durchkreuzte in allen Krümmungen das Unter-Paradies und die trunknen Seelen stürzten sich aus Wonne von den Ufer-Blumen in den Flötenstrom; im Nachhall des Paradieses erstarben ihnen alle Sinne und die zu endliche Seele ging, in eine helle Freuden-Träne aufgelöset, auf der laufenden Welle weiter. – Dieses Blumengefilde stieg unaufhaltsam empor, dem erhöheten Paradiese entgegen, und die durcheilte Himmelluft schwang sich von oben herab und ihr Niederwehen faltete alle Blumen auseinander und bog sie nicht. – Aber oft ging Gott in der dunkelsten Höhe weit über der wehenden Aue hinweg; wenn der