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für den Schlaf gesorgt worden, dass doch die Teile der Kirche, auf die das Auge sich am meisten richtet, Altar, Pfarrer, Kantor und Kanzel, schwarz angestrichen sind. Man sieht, ich unterdrücke keinen Vorzug, und es ist nicht Tadelsucht, wenn ich tadele. –

Aber es fehlet einem Tempel noch viel zu einem wahren Dormitorium. Ich stand (ich könnt' auch sagen: ich lag) in Italien und auch in Paris in mehren Teaterlogen, die vernünftig eingerichtet und möbliert waren: man konnte darin (weil alles dazu da war) schlafen, spielen, pissen, essen und mehr ...... Man hatte seine Freundinnen mit. Das haben nun die Grossen gewohnt; wie will man ihnen ansinnen, sie sollen in die Kirche fahren und darin schlafen, da ihnen ihr Geld eher alle Freuden als den Schlaf verschafft? – Beim tiers état, beim Bauer und Bürger, selber beim Bürgermeister-Kollegium, das sich die ganze Woche matt votiert, ist es kein Wunder, sondern freilich leicht dahin zu bringen, dass sie leicht auf jedem Stuhl, auf jeder Empor entschlafen; ich leugn' es nicht; aber der Libertin, der Schläfer auf Eiderdunen, wird euch (und predigte ein Konsistorialrat) auf keinem blossen Sessel schlafen; er geht daher lieber in keine Kirche. Für solche Leute von Ton müssen daher ordentliche Kirchenbetten in den Logen aufgeschlagen werden, damit es geht; so wie auch Spieltische, Esstische, Ottomanen, Freundinnen u. dergl. in einer Hofkirche so unentbehrliche Dinge sind, dass sie besser an jedem andern Orte mangeln könnten als da.

Man kann es also, ohne mich und die Wahrheit zu beleidigen, kein Schmeicheln nennen, wenn ich verfechte, dass bloss die dumme Kirchen-Architektur und der Mangel alles Haus- und Kirchengeräts, aller Betten etc. daran schuld sind, nicht aber die gut und philosophisch oder mystisch ausgearbeiteten Predigten geschickter Hof-, Universität-, Kasernen- und VesperPrediger, wenn die Leute von Stand weit weniger darin schlafen können, als man sich verspricht.

Ende der Extraseiten

Nach der Kirche trafen wir alle an der Sakristei zusammen. Ich gehe über Kleinigkeiten hinweg und komme sogleich dazu, dass wir sämtlich abzogen und dass Gustav unserer schönen Dauphine den Arm gab und nahm. Es war ein ruhiges Wandeln unter der festlichen Sonne und unter den Blüten der Gebüsche hinweg. Der Putz, die getäfelte Stirn, die wie Fiedelbogen-Haare hinübergespannten Stirn-Haare, die wie Zwiebelhäute übereinander liegenden Röcke des weiblichen Bauerstandes malten samt dessen anlachendem Angesicht uns den Sonntag heller vor, als alle halbe und ganze Parüren der Städterinnen können. Auch find' ich am Sonntage viel schönere Gesichter als an den sechs Werkeltagen, die alles im Schmutz vermummen.

Das Gespräch musste gleichgültig bleibenich denke, selbst beim Vergissmeinnicht. Beata sah nämlich eines im Grase liegen und eilte hinzu undda war es von Seide. "O ein falsches", sagte sie. "Nur ein gestorbnes," sagte Gustav, "aber ein dauerhaftes." Unter Personen von einer gewissen Feinheit wird leicht alles zur Anspielung! Wohlwollen ist ihnen daher unentbehrlich, damit sie an keine andern Anspielungen als an gutmütige glauben. – Ich labte mich unter dem ganzen Wege am meisten daran, dass ich der Hintergrund und der Rückenwind war, der hintennach ging; denn wär' ich vorausgezogen, so hätt' ich den schönsten gang nicht gesehen, in dem sich noch die schönste weibliche Seele durch ihren Körper zeichneteBeatens ihren. Nichts ist charakteristischer als der weibliche gang, zumal wenn er beschleunigt werden soll.

Im Tal fanden wir ausser dem Schatten und Mittage noch etwas Schöneres, den Doktor Fenk. Er hatte ein kleines Speise-Concert spirituel unter den Bäumen angeordnet, wo wir alle wie Fürsten und Schauspieler offne Tafel, aber vor lauter satten musikalischen Zuschauern, vor den Vögeln, hielten. Wir hatten nichts darwider, dass zuweilen eine Blüte in den Tunknapf, oder in das Essiggestell ein Blättchen flatterte, oder dass ein Lüftchen das Zuckergestöber aus der Zuckerdose seitwärts wegblies; dafür lag der grösste plat de ménage, die natur, um unsern freudigen Tisch herum, und wir waren selber ein teil des Schaugerichts. Fenk sagte und spielte mit einem herabgezognen Aste: "unser Tisch hätte wenigstens den Vorzug vor den Tischen in der grossen Welt, dass die Gäste an unserem einander kennten; die Grossen aber, z.B. in Scheerau oder Italien, speiseten mehr Menschen, als sie kennen lernten; wie im Fette des Tieres, das von den Juden so sehr verabscheuet und nachgeahmet würde, Mäuse lebten, ohne dass das Tier es merkte."

Ein Arzt sei noch so delikat im Ausdruck: er ist es doch nur für Ärzte.

Unter dem Kaffee behauptete mein lieber Pestilenziar, alle KannenKaffee-, Schokolade-, Teekannen –, Krüge etc. hätten eine Physiognomie, die man viel zu wenig studiere; und wenn Melanchton der Missionär und Kabinettprediger der Töpfe gewesen, so fehle noch ein Lavater derselben. Er habe einmal in Holland eine Kaffeekanne gekannt, deren Nase so matt, deren Profil so schal und holländisch gewesen wäre, dass er zum Schiffarzt, der mitgetrunken, gesagt, in dieser Kanne sässe gewiss eine ebenso schlechte Seele, oder alle Physiognomik sei Wind: – da er eingeschenkt hatte, so war das Gesöff nicht zum Trinken. Er sagte, in seinem haus werde kein Milchtopf gekauft, den