Bild, vor dem dein Herz ausblutet! – O Bruder, wenn du gut und unglücklich bist: so komm zu deiner Schwester und nimm ihr ganzes Herz – es ist zerrissen, aber nicht zerteilt und blutet nur! O es würde dich so sehr lieben! Warum sehnest du dich nach keiner Schwester? O du Ungesehener, wenn dich die Fremden auch verlassen, auch täuschen, auch vergessen, warum sehnest du dich nach keiner treuen Schwester? – Wann kann ich dirs sagen, wie oft ich dein stummes Bild an mich gepresset, wie oft ich es stundenlang angeblicket und mir Tränen in seine gemalten Augen gedacht habe, bis ich selber darüber in strömende ausgebrochen bin? – Verweile nicht so lange, bis deine Schwester mit dem ermüdeten Herzen unter der Leichendecke ausruhet und mit allem ihren vergeblichen Sehnen, mit ihren vergeblichen Tränen, mit ihrer vergeblichen Liebe in kalte vergessene Erde zerfällt! Verweile auch nicht so lange, bis unsere Jugend-Auen abgemähet und eingeschneiet sind, bis das Herz steifer und der Jahre und Leiden zu viele geworden sind. – Es wird auf einmal meinem inneren so wehe, so bitter .... Bist du vielleicht schon gestorben, Teurer? – Ach, das betäubt mein Herz – wende dein Auge, wenn du selig bist, von der verwaiseten Schwester und erblick' ihre Schmerzen nicht – ach ich frage mich schwer im blutenden inneren: was hab' ich noch, das mich liebt? und ich antworte nicht ...."
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Die Leser haben den Mut, daraus mehr zu Gustavs Vorteil zu erraten als er selber. Ihm als Helden dieses buches muss dieses Blatt willkommen sein; aber ich als sein blosser Geschichtschreiber hab' nichts davon als ein paar schwere Szenen mehr, die ich jedoch aus wahrer Liebe gegen den Leser gern verfertige – Billionen wollt' ich deren ihm zu Gefallen ausarbeiten. Nur tut es meiner ganzen Biographie Schaden, dass die Personen, die ich hier in Handlung setze, zugleich mich in Handlung setzen und dass der Geschichtoder Protokollschreiber selber unter die Helden und Parteien gehört. Ich wäre vielleicht auch unparteiischer, wenn ich diese geschichte ein paar Jahrzehende oder Jahrhunderte nach ihrer Geburt aufsetzte, wie die, die künftig aus mir schöpfen werden, tun müssen. Die Maler befehlen dem Porträtmaler, dreimal so weit vom Urbilde abzusitzen, als es gross ist – und da Fürsten so gross sind und da sie folglich nur von Autoren gezeichnet werden können, die in einer dieser Grösse gleichen Entfernung des Orts oder der Zeit von ihnen wegsitzen: so wäre zu wünschen, ich stände nicht neben unserem Fürsten, damit ich ihn nicht so vorteilhaft abmalte, als ich tue ....
Fussnoten
1 Nach den Alten versammelten die seltnen Brunnen alle wilde Tiere um sich; und diese Zusammentreffungen gaben – wie die in Redouten – zu noch sonderbarern und zum Sprichwort "Afrika bringt immer etwas Neues" oder zu Missgeburten gelegenheit.
Einundfunfzigster oder 3ter Freuden-Sektor
Sonntagmorgen – offne Tafel – Gewitter – Liebe
Welch ein Sonntag! – heute ist Montag. Ich weiss kein Mittel, mich, der ich (wie wir alle durch unser Isolieren) ein Freuden-Elektrophor geworden, auszuladen als durch Schreiben, ich müsste denn tanzen. Gustav hör' ich herüber: der hat zum Auslader einen Flügel und spielt ihn. Der Flügel wird mir diesen Sektor sehr erleichtern und mir manchen funkelnden Gedanken zuwerfen. Ich hab' mir oft gewünscht, nur so reich zu werden, dass ich mir (wie die Griechen taten) einen eignen Kerl halten könnte, der so lange musizierte, als ich schriebe. – Himmel! welche opera omnia sprössen heraus! Die Welt erlebte doch das Vergnügen, dass, da bisher so viele poetische Flickwerke (z.B. die Medea) der Anlass zu musikalischen Meisterwerken waren, sich der Fall umkehrte und dass musikalische Nieten poetische Treffer gäben. –
Vor tages machten wir uns gestern aus dem Bette, ich und mein musikalischer Souffleur. "Wir müssen", sagt' ich zu ihm, "vier volle Stunden draussen herumjagen, eh' wir in die Kirche gehen" – nämlich nach Ruhestatt, wo der vortreffliche Herr Bürger aus Grossenhayn1 als Gastprediger auftreten sollte. Alles geschah. Bis diese Stunde weiss ich nicht, zieh' ich eine laue Sommernacht oder einen kalten Sommermorgen vor: in jener rinnt das zerschmolzene Herz in Sehnen auseinander; dieser härtet das glühende zur Freude zusammen und stählet sein Schlagen. Unsere vier Stunden zu palingenesieren – müsste man aus hundert Lust- und Jagdschlössern die Minuten dazu zusammentragen, und es hinkte doch. Die Morgendämmerung ist für den Tag, was der Frühling für den Sommer ist, wie die Abenddämmerung für die Nacht, was der Herbst für den Winter. Wir sahen und hörten und rochen und fühlten, wie allmählich ein Stückchen vom Tag nach dem andern aufwachte – wie der Morgen über Fluren und Gärten zog und sie wie vornehme Morgenzimmer mit Blüten und Blumen räucherte – wie er sozusagen alle Fenster öffnete, damit ein kühlender Luftzug den ganzen Schauplatz durchstriche – wie jede Kehle die andre weckte und sie in die Lüfte und Höhen zog, um mit trunkner Brust der steigenden vertieften Sonne entgegenzufliegen und entgegenzusingen – wie der bewegliche Himmel tausend Farben rieb und verschmolz und den Faltenwurf seiner Wolken versuchte und färbte .... So weit war der Morgen, da wir noch im tauenden Tale gingen. Aber als wir aus seiner östlichen Pforte hinaustraten in eine unabsehliche, mit wachsenden Girlanden und regem Laubwerk