?" so kann ich jetzt noch weniger antworten, da ich sehe, dass der Mensch seine Freuden, aber nicht seine Verdienste durch die Erinnerung erneuern kann, und dass unsre Gehirn-Fibern die saiten einer Äolsharfe sind, die unter dem Anwehen einer längst vergangnen Stunde zu spielen beginnen. Der grosse Weltgeist konnte nicht die ganze spröde ChaosMasse zu Blumen für uns umgestalten; aber unserem Geist gab er die Macht, aus dem zweiten, aber biegsamern Chaos, aus der Gehirn-Kugel, nichts als RosenGefilde und Sonnen-Gestalten zu machen. Glücklicherer Rousseau, als du selber wusstest! Dein jetziger erkämpfter Himmel wird sich von dem, den du hier in deiner Phantasie anlegtest, in nichts als darin unterscheiden, dass du ihn nicht allein bewohnest ....
Aber das macht eben den unendlichen Unterschied; und wo hätt' ich ihn süsser fühlen können als an der Seite meiner Schwester, deren Mienen der Widerschein unsers himmels, deren Seufzer das Echo unserer verschwisterten Harmonie gewesen. Sei nur immer so, teure Geliebte, die du vom Kranken so viel littest als ich von der Krankheit! Ich weiss ohnehin nicht, was ich öfter von dir zurücknehme, meinen Tadel oder mein Lob!
Wir langten unter sprachlosen Gedanken in Unterscheerau an und fanden unsern bleichen Reisegenossen schon bereit, meinen Gustav. Er schwieg viel, und seine Worte lagen unter dem Drucke seiner Gedanken; der äussere Sonnenschein erblich zu innerem Mondschein, denn kein Mensch ist fröhlich, wenn er das Beste sucht oder zu finden hofft, was hienieden zu verlieren ist – Gesundheit und Liebe. Da in solchen Fällen die saiten der Seele sich nur unter den leichtesten Fingern nicht verstimmen, d.h. unter den weiblichen: so liess ich meine ruhen und weibliche spielen, die meiner Schwester.
Als wir endlich manchen Strom von Wohlgeruch durchschnitten hatten – denn man geht oft draussen vor Blumen-Lüftchen vorbei, von denen man nicht weiss, woher sie wehen –; und als alle Freuden-Dünste des heutigen Tages im Auge zum Abendtau zusammenflossen und mit der Sonne sanken; als der teil des himmels, den die Sonne überflammte, weiss zu glühen anfing, eh' er rot zu glühen begann, indes der östliche teil im dunkeln Blau nun der Nacht entgegenkam; als wir jedem Vogel und Schmetterling und Wanderer, der nach Lilienbad seine Richtung nahm, mit den Augen nachgezogen waren: – so schloss uns endlich das schöne Tal, in das wir so viele Hoffnungen als Samen künftiger Freuden mitbrachten, seinen Busen auf. – Unser Eingang war am östlichen Ende; am westlichen sah uns die zur Erde herabgegangene Sonne an und zerfloss gleichsam aus Entzücken über ihren angewandten Tag in eine Abendröte, die durch das ganze Tal schwamm und bis an die Laub-Gipfel stieg. Nie sah ich so eine; sie lag wie herabgetropfet in dem Gebüsch, auf dem Grase und Laube und malte Himmel und Erde zu einem Rosen-Kelch. Einzelne, zuweilen gepaarte Hütten hüllten sich mit Bäumen zu; lebendige Jalousie-Fenster aus Zweigen pressten sich an die Aussichten der Zimmer und bedeckten den Glücklichen, der heraus nach diesen Gemälden der Wonne sah, mit Schatten, Düften, Blüten und Früchten. Die Sonne war hinabgerückt, das Tal legte wie eine verwittibte Fürstin einen Schleier von weissen Düften an und schwieg mit tausend Kehlen. Alles war still – still kamen wir an – still war es um Beatens Hütte, an deren Fenster ein Blumentopf mit einem einzigen Vergissmeinnicht noch vom Begiessen tröpfelte – still wählten wir unsere gepaarte Hütten, und unsre Herzen zergingen uns vor ruhiger Wonne über diesen heiligen Abend unsrer künftigen Festtage, über diese schöne Erde und ihren schönen Himmel, die beide zuweilen wie eine Mutter sich nicht regen, damit das an sie gesunkene Kind nicht aus seinem Schlummer wanke. –
O sollten einmal unsre Tage in Lilienbad auf Dornen sterben, sollt' ich statt der Freuden-Sektores einen Jammer-Sektor schreiben müssen – wenn es einmal ist: so sieht es der Leser daran voraus, dass ich das Wort "Freude" vom Sektor weglasse und statt der Überschrift nur Kreuze mache. Es ist aber unmöglich; ich kann meinen Bogen ruhig beschliessen. – Beata haucht noch ein leises Abendlied in ihr mit saiten überzognes Echo; wenn beide ausgetönet, so wird der Schlaf das Sinnenlicht der Menschen in Lilienbad auslöschen und das Nachtstück des Traums in den dämmernden Seelen ausbreiten ....
Funfzigster oder 2ter Freuden-Sektor
Der Brunnen – die Klagen der Liebe
Ich bin im ersten Himmel eingeschlafen und im dritten aufgewacht. Man sollte an keinen Orten aufwachen als an fremden – in keinen Zimmern als denen, in welche die Morgensonne ihre ersten Flammen wirft – vor keinen Fenstern als denen, wo das Schattengrün wie ein Namenzug im himmlischen Feuerwerk brennt und wo der Vogel zwischen den durchhüpften Blättern schreiet ....
Ich wollte, mein künftiger Rezensent lebte mit mir auf der stube zu Lilienbad; er würde nicht (wie er tut) über meine Freuden-Sektores den ästetischen Stab brechen, sondern einen Eichenzweig, um den Vater derselben zu bekränzen ....
Dieser Vater ist jetzt ein Damenschneider, aber bloss in folgendem Sinn: in der Mitte von Lilienbad steht der medizinische Springbrunnen, aus dem man die aus der Erde quellende Apoteke schöpft; von diesem Brunnen entfernen sich in regelloser Symmetrie die Kunst-Bauerhütten, die die Badgäste bewohnen; jede dieser kleinen Hütten putzt sich scherzhaft mit dem heraushängenden Malzeichen oder der Signatur irgendeines Handwerks. Mein